Vermutlich kann man dem Biathleten Johannes Kühn durchaus knifflige Mathe-Aufgaben stellen, die er dann vermutlich auch ziemlich lässig löst. Denn Mathe gehörte während seiner Schulzeit am "König-Karlmann-Gymnasium" in Altötting, wo er sein Abitur machte, zu seinen Lieblingsfächern.
Beim Weltcup in Nove Mesto na Morave war die Rechenaufgabe freilich simpel im Vergleich zu den Anforderungen von damals. Eine Strafrunde beträgt 150 Meter. Man benötigt dafür ungefähr 23 Sekunden, vielleicht auch eine oder zwei weniger. Egal. Pro Fehlschuss muss ein Biathlet bei einem Sprint eine solche Zusatzrunde absolvieren. Strafrunde eben, weil er die schwarze Scheibe nicht rasiert hat mit seiner Munition.
Das ist Kühn im Stehendanschlag fünfmal passiert. Macht summarum also 750 Extrameter mal so um die 23 Sekunden oder so. Man kommt auf fast zwei Minuten. Rein rechnerisch gesehen. Das heißt im Umkehrschluss im Biathlon natürlich auch, dass er sich nie und nimmer im Sprint unter den besten 60 platziert hätte, zumal er sich ja auch beim ersten Schießen liegend schon eine Fahrkarte eingehandelt hatte.
Nové Mesto na Morave
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Der Letzte, der sich noch für den Verfolger qualifizierte, war Thierry Langer aus Belgien mit einem Rückstand auf den Sieger Simon Desthieux aus Frankreich mit 1:58,6 Minuten. Soweit, so gut. Kühn war also chancenlos nach seinem Fauxpas, der Höchststrafe gewissermaßen, die es für einen Biathleten gibt.

"Och, Johannes!" Kühn verschießt fünfmal und gibt auf

Kühns unkontrollierbare Emotionen

Aber es war nicht der Mathematiker in ihm, der ihn dazu verführte, danach das Rennen zu beenden. So etwas ist eine Sache des Gefühls, der Emotionen. Es ist irrational und manchmal nicht nachvollziehbar, was in solchen Situationen, die man ja im Training nicht simulieren kann, passiert. Kühn stand plötzlich vor einem Riesenberg, vor einer Wand, die er in diesem Moment nicht durchbrechen konnte.
Und es ist in einem Moment wie diesem auch niemand direkt und sofort zur Stelle, mit dem er sich auseinandersetzen hätte können. Was tun? Ich habe das Rennen wie immer kommentiert und habe auch zwei Gedanken sortieren müssen. Darf er einfach aufgeben? Das war die eine Seite. Und die andere spürte ich auch. Ich glaube, ich hätte auch den Bettel hingeworfen vor lauter Enttäuschung.
Oder wäre ich weitergelaufen? Keine Ahnung. Kühn hat ja nicht nach reiflicher Überlegung den Wettkampf beendet, sondern ein vermutlich kaum zu steuernder innerer Reflex hat zu diesem "Blackout" geführt. So wird das dann bezeichnet. Ein "Aussetzer", eine "Kurzschlusshandlung".

Die ganze deutsche Mannschaft ist gefragt

Oh, das sei, sagen die ewigen Besserwisser, die dann natürlich gleich Oberwasser bekommen, das sei nicht zu tolerieren. Ein Athlet muss immer bis ins Ziel laufen und wenn er noch so chancenlos ist. Dann wird von der Vorbildfunktion geredet und so weiter. Was hat Johannes Kühn bitte für eine Vorbildfunktion?
Heißt das, dass er funktionieren muss wie eine Maschine und dass er diesem antiquierten Sportlerbild folgen muss, das keine Schwäche gestattet? Ein Sportler muss immer stark sein, darf sich keinesfalls in sein Schicksal fügen. Quatsch ist das alles. Jeder ist auch mal schwach. In der Loipe, am Schießstand, sogar im richtigen Leben.
Und es muss allen die Freiheit gestattet sein, mit dem, was passiert, so umzugehen, wie man es für richtig hält. Kühn hat aufgegeben. Wer will kann ihm das als Schwäche auslegen? Ich empfand es in diesem Moment als seine persönliche Reaktion auf eine Situation, die ihn auch deshalb überforderte, weil der Anschlag mit dem Kleinkalibergewehr stehend seit Jahren sein großes Problem ist. Und nie ist das deutlicher geworden wie in diesem Rennen.
Es war sicher auch diese Erkenntnis, die ihn förmlich lähmte, weil ihm plötzlich so klar wie vielleicht nie zuvor deutlich vor Augen geführt wurde, dass er als Biathlet nur eine Chance hat in den nächsten Jahren, wenn er dieses Problem ausmerzen kann. Für Kühn war das ein persönlicher Tsunami, der ihn und nur ihn berührt hat.
Alle anderen haben jetzt die verdammte Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er sich schnell davon erholt. Kühn braucht jetzt vor allem Fürsprecher und er darf vor allem nicht allein gelassen werden in seinem Frust und seinem Leid. Jetzt ist die Mannschaft, die ganze Mannschaft gefragt.

ZUR PERSON SIGI HEINRICH:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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