Franziska Preuß geht mit Rückenwind in die Saison. Im vergangenen Winter etablierte sich die DSV-Biathletin als erste Jägerin der beiden norwegischen Stars Tiril Eckhoff und Marte Olsbu Røiseland, die den Gesamtweltcup auf Platz eins und zwei abschlossen.
Dahinter folgte Preuß. Es war die bislang beste Platzierung ihrer Karriere. Trotzdem hat sie einiges verändert zur neuen Saison.
"Speziell für das Stehendschießen" ließ sich die Staffel-Weltmeisterin von 2015, die insgesamt zehn Weltcupsiege auf dem Konto hat, einen neuen Schaft anfertigen. "Ich habe mich im Sommer wahnsinnig viel mit der Waffe beschäftigt, viel geschraubt, verstellt und Dinge mit Pattexknete ausprobiert", erklärt Preuß gegenüber Eurosport.de.
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25/11/2021 AM 12:40
Neben sportlichen Aspekten nimmt die Bayerin aber auch Stellung zur Vergabe der Olympischen Spiele nach Peking, die Debatte um Joshua Kimmich und ihren persönlichen Umgang mit der Pandemie.
Das Interview führte Andreas Morbach
In der vergangenen Saison waren Sie eindeutig eine Profiteurin der zahlreichen Corona-Maßnahmen. Wie blicken Sie nun dem Weltcupstart entgegen?
Franziska Preuß: Für mich war es definitiv der erste Winter, in dem ich komplett gesund geblieben bin - und in dem ich mir auch nie dachte: 'Oh je, jetzt muss mein Immunsystem gerade kämpfen.' Bei mir haben diese ganzen Corona-Maßnahmen wirklich Wirkung gezeigt. Das wäre schon ein großer Zufall, wenn das einfach so passiert wäre. Unabhängig von Corona: Für uns bedeutet ja jeder Schnupfen schon eine Einschränkung und Substanzverlust. Deshalb sehe ich wirklich zu, größere Menschenmassen zu umgehen. Ich bin da sehr sensibel.

Franziska Preuß beim Massenstart in Östersund

Fotocredit: Getty Images

Die bundesweiten Diskussionen um den ungeimpften Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich haben Sie sicher verfolgt. War es für Sie überhaupt keine Frage, sich impfen zu lassen?
Preuß: Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich auf diese Frage eingehen möchte. Es gibt bei uns im Hinblick auf die Olympischen Spiele natürlich auch nicht so viel Spielraum. Wer nach Peking will, der kommt nicht drum herum. Von daher kann sich jeder denken, wie die Lage ist. Ich will ja schon nach Peking fahren. Der Großteil von uns ist geimpft und ich weiß auch um die Wichtigkeit dieser Impfung. Trotzdem fand ich es schon krass, was für eine Welle da bei Joshua Kimmich losgegangen ist. Man sollte tolerant sein, wenn jemand anders denkt - und sich derjenige an alle Vorgaben hält.
Sie sagten, bei diesem Thema sehr sensibel zu sein. Welche Auswirkungen hat das auf Ihren Alltag?
Preuß: Gerade bei uns in der Region sind die Corona-Zahlen hoch. Jeder versucht, allein schon die Quarantänesituation zu umgehen, denn das würde Trainingsausfall bedeuten. Man kann ja einfach mal zur falschen Zeit am falschen Ort sein, das ist mir schon sehr bewusst. Deshalb habe ich mir auch im September, Oktober eine persönliche Deadline gesetzt, ab der ich mein soziales Leben nicht mehr im gewohnten Umfang praktiziert habe. Mit Facetime zum Beispiel gibt es ja auch wirklich gute Alternativen. So professionell sollte man sein - und Prioritäten setzen. Da kann sich das Leben schon mal darauf beschränken, ins Biathlonstadion zum Training und vielleicht noch zum Supermarkt zu fahren.
Die Zusammenarbeit mit Ihrem Jugendtrainer Tobias Reiter, zu dem Sie im letzten Jahr zurückgekehrt sind, hat sich in dieser Vorbereitung fortgesetzt. Wie sah das im Detail den Sommer über aus?
Preuß: Ich war jetzt wirklich während der gesamten Vorbereitung unter den Fittichen von Tobias Reiter. Der Wechsel von der einen in die andere Gruppe, in eine andere Trainingsform, war für mich immer ein Kompromiss. Ich konnte meinen roten Faden nie so gut fortführen, wie ich es in meinem Heimtraining mache. Es hat sich relativ schnell nach dem letzten Winter geklärt, dass das für mich so am sinnvollsten ist. Und es hat auch gut funktioniert.

Preuß düpiert Wierer und Röiseland: Packendes Finale um Platz drei

Sie haben sich einen neuen Schaft an Ihr Gewehr bauen lassen, waren dafür bei dem Experten Sandro Brieslinger in Oberhof. Wann war das genau?
Preuß: Das war Anfang Juli, da war ich mal für drei, vier Tage in Oberhof. Das war wirklich cool und hat mir auch selber viel Spaß gemacht, mit Sandro Brieslinger herumzutüfteln. Am Anfang musste ich ihn ein bisschen von meiner Idee überzeugen. Aber mittlerweile hat er verstanden, was ich da mal probieren will. Gleichzeitig habe ich mit Clement Jacquelin (Bruder des französischen Biathleten Émilien Jacquelin, A. d. R.) zusammengearbeitet, der Waffenteile auf dem 3D-Drucker macht. Von ihm habe ich mir speziell für das Stehendschießen ein Stück anfertigen lassen. Diese Kombination fühlt sich für mich aktuell richtig gut an. Ich habe mich im Sommer wahnsinnig viel mit der Waffe beschäftigt, viel geschraubt, verstellt und Dinge mit Pattexknete ausprobiert. Da hoffe ich natürlich, dass sich diese ganze Arbeit auszahlt.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem im letzten Jahr vom DSV fest engagierten Schießtrainer Engelbert Sklorz?
Preuß: Mir tut es bei der Arbeit mit ihm immer richtig gut, wenn wir den Fokus auf Präzision legen. Da ist er wirklich der absolute Fachmann. Aber Biathlon ist eben nicht nur Präzisionsschießen. Viel ist auch, einfach in kurzer Zeit die fünf schwarzen Scheiben zu treffen. Und wo der Treffer ist, ist wurscht. Das ist schon ein Punkt, bei dem ich mit Engelbert Sklorz manchmal ein bisschen diskutiere. Es ist also nach wie vor viel Eigeninitiative gefragt. Denn letztlich stehe ich hinter der Waffe und muss das selber fühlen.
Eigeninitiative zu ergreifen - daran finden Sie im Lauf Ihrer Karriere offensichtlich immer mehr Gefallen.
Preuß: Irgendwann weiß man halt genau: Was tut mir gut und was ist, mal ganz radikal ausgedrückt, gerade Zeitverschwendung. Das ist ein Lernprozess, und ich habe jetzt doch schon ein paar Weltcupjahre auf dem Buckel. Ich habe da viel Gefühl entwickelt. Und Simon Schempp, mein Freund, hilft mir da auch viel und gibt mir gute Ratschläge.

Franziska Preuß und Simon Schempp

Fotocredit: Imago

Gibt es bestimmte Dinge, wo Ihnen seine Erfahrungen als Biathlet besonders zugutekommen?
Preuß: Das ist eher so eine Allroundbetreuung. Er hat mir wahnsinnig geholfen, als ich das Thema Schaft angegangen bin. Er war in diesem Sommer ab und zu sportlich mit dabei. Das war auch neu. Vorher haben wir ja nie zusammen Sport gemacht, sondern jeder für sich. Bei Skirollereinheiten hat er mir manchmal Techniktipps gegeben. Als Sportler war Simon ja der absolute Perfektionist, hat alles ganz genau beobachtet. Von seiner Erfahrung profitiere ich jetzt wirklich. Vielleicht noch ein bisschen mehr, weil er seine eigenen Baustellen nicht mehr hat und mir deshalb mehr Energie widmen kann.
Sie stehen vor einem olympischen Winter. Wie blicken Sie speziell auf die bevorstehenden Spiele?
Preuß: Ich finde es schon krass, was man über Peking liest. Zum Beispiel, dass sich manche nicht trauen, mit eigenen Laptops dorthin zu fliegen, weil sie Angst haben, dass Daten gestohlen werden. Das ist schon traurig und für mich richtig crazy - denn letztendlich geht’s nur um Sport. Ich persönlich frage mich schon, wie man dorthin Olympische Spiele vergeben kann. Das ganze Drumherum passt einfach nicht so richtig zusammen. Aber vielleicht muss ich das als Sportlerin ausblenden und denken: Mein Job ist es einfach, abzuliefern.
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