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Sigi-Heinrich-Blog | Gemischte Gefühle zu Anton Schipulins Karriereende

Gemischte Gefühle zum Schipulin-Abschied

28/12/2018 um 18:58Aktualisiert 29/12/2018 um 09:09

Biathlet Anton Schipulin hat etwas überraschend seinen Abschied von Leistungssport verkündert und bestreitet auf Schalke sein letztes Rennen. Sigi Heinrich erklärt in seinem Blog, warum er gemischte Gefühle über das Karriereende des Russen hat. Er sieht Schipulin aber auch als möglichen Kandidaten, etwas im russischen Biathlonsport zu verändern.

Noch ein Rennen. Kein wichtiges. Unter einem Hallendach. So hatte sich Anton Schipulin das sicher nicht vorgestellt. "Auf Schalke" läuft er gemeinsam mit Ekaterina Yurlova-Percht bei der sogenannten Team-World-Challenge (live am 29. Dezember ab 18:15 Uhr bei Eurosport 1). Danach, wenn es wieder um Weltcuppunkte geht in Oberhof, Ruhpolding oder Antholz, wird er nicht mehr dabei sein. Er hat letztlich doch überraschend seinen Rücktritt erklärt, mit 31 Jahren.

Schon bei den ersten drei Weltcupwochen fehlte der elfmalige Weltcupsieger. Er habe, so hieß es, Trainingsrückstand, sei nicht in Form und trainiere deshalb in Obertillach (Österreich), um zum Jahresbeginn 2019 wieder einzusteigen. Stattdessen folgt der Ausstieg. Und es ist einer, den ich aus sportlicher Sicht bedauere, denn Shipulin war immer einer der besten Biathleten, dessen Stern 2008 in Ruhpolding aufging, als er bei den Juniorenweltmeisterschaften drei Goldmedaillen gewann. Arnd Peiffer oder Simon Schempp hießen damals seine Gegner. Drei WM-Medaillen gewann er als Einzelsportler und er war einmal hinter Martin Fourcade Zweiter im Gesamt-Weltcup.

Argwohn beherrscht die Szene

Aber ging immer alles auch mit rechten Dingen zu? Vermehrt wurde alles, was er tat und leistete, in Frage gestellt. Spätestens seit dem Staffelsieg in Sotschi und dem unleugbaren Beweis einer von der Politik zumindest tolerierten Dopingpraxis, die Im McLaren-Report umfassend dokumentiert wurde, wurden die Kritiker immer lauter. Dazu kam 2015 die zweijährige Sperre von Alexander Loginov, seinem Teamkollegen, der unzweifelhaft der verbotenen Einnahme von EPO überführt wurde.

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Russische Sportler werden spätestens seit Sotschi mit Argusaugen beobachtet. Und fühlen sich dabei immer und stets ungerecht behandelt. Auch von den Medien, auch von mir, wie ich in leidvollen Diskussionen bis hin zur körperlichen Bedrohung mit Kollegen meiner Branche immer wieder erleben musste. Ich solle, so hieß es dann, doch endlich Ruhe geben. Loginov habe seine Sperre abgesessen und Schipulin wurde nie Doping persönlich nachgewiesen.

Fehlende Beweislage

Das letzte Argument ist zutreffend. Auch in seiner letzten Stellungnahme betonte Schipulin noch einmal, dass er die Anti-Doping-Regeln niemals verletzt habe. Das ist die Crux an der gesamten Geschichte. Es gibt klare Aussagen des Whistleblowers Gregorij Rodchenkov, es gibt beschädigte Dopingproben mit Kratzspuren, es gibt und gab wohl auch das berühmte Loch in der Mauer des russischen Dopinglabors, das Manipulationen möglich machte. Aber es gibt in der Tat keinen Nachweis, dass sich Anton Shipulin persönlich und gar auf eigenen Wunsch Vorteile auf illegale Art und Weise verschafft hat. Und die möglichen Beweise wurden im Lauf der Jahre immer weniger.

Stete Hinweise aus der russischen Ecke

Die nach wie vor nicht ausreichende Kooperation des russischen Verbandes mit allen Kontrollinstanzen hat letztlich dazu geführt, dass die Atmosphäre im Biathlon vergiftet ist. Man begegnet sich mit Argwohn und nicht mehr offen und freundschaftlich. Als könnte hinter jeder Ecke ein Feind lauern. Leistungen werden, wenn sie nur eine Spur außergewöhnlich sind, sofort in Frage gestellt.

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Und die russischen Kollegen stoßen mich mit schöner Regelmäßigkeit auf Denise Hermann hin (2007 ein Jahr gesperrt wegen Einnahme von Clenbuterol, das, so hieß es, in einem Hustensaft war) und auf Evi Sachenbacher-Stehle, bei der 2014 in Sotschi Methylexanamin nachgewiesen wurde, das in einem verunreinigten Tee gewesen war, den ihr ein externer Ernährungsexperte gegeben hatte.

Der Internationale Sportgerichtshof CAS folgte damals dieser Erklärung und reduzierte die von der Internationalen Biathlon-Union (IBU) verhängte Sperre von zwei Jahren auf sechs Monate. Für mich sind, wie gesagt, beide Fälle stets allgegenwärtig, denn wenn immer ich den Namen Loginov in Verbindung mit Doping nenne, folgt im Pressezentrum stets wenig dezent der Hinweis aus der russischen Ecke auf Hermann und Sachenbacher-Stehle.

Schipulin könnte helfen

Anton Schipulin will sich jetzt nicht mehr den stets latenten, unterschwellig vorhanden Vorwürfen aussetzen. Erneut sprach er von einer Hexenjagd und ja, es ist schade, dass er nun auch deshalb aufhört. Aber er sollte nicht, wie es seine Art und auch die seiner Teamkollegen ist, die Schuld dafür bei denen suchen, die kontrollieren und auch nachweisen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Er sollte in seinem Umfeld auf mehr Offenheit und Klarstellung drängen. Er könnte damit sich und uns allen einen großen Gefallen tun. Zeit dafür hat er ja nun.

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