Refugees' Voice - Boxerin Cindy Ngamba: "Happiness is a choice und kostet nichts"

Boxerin Cindy Ngamba kämpft für ihren Traum von Olympia-Gold in Paris bei den Sommerspielen 2024 - trotz aller Widerstände. In "Refugees' Voice" erzählt sie bewegend von ihrem schweren Weg vom Flüchtlingskind aus Kamerun und Mobbingopfer hin zur erfolgreichen Athletin. Dabei stand sie nicht nur kurz vor einer Abschiebung, sondern musste sich auch als einziges Mädchen in ihrem Verein durchboxen.

Flucht aufgrund von Homosexualität: Die Geschichte einer Boxerin

Quelle: Eurosport

Cindy Ngamba verließ Kamerun im Alter von elf Jahren, um in Großbritannien ein besseres Leben zu finden - doch dabei stellten sich ihr einige Herausforderungen. Sie musste sich ohne ihre Mutter zurechtfinden, eine neue Sprache lernen und Mobbing in der Schule ertragen. Darüber hinaus stand sie kurz vor einer Abschiebung nach ihrer Einweisung in ein Internierungslager. Aufgrund ihrer sexuellen Orientierung wäre Cindy bei einer Rückkehr nach Kamerun nicht sicher.Der westafrikanische Staat ist nach Einschätzung der Vereinten Nationen eines von weltweit 64 Ländern, in denen Homosexualität verboten ist und wo viele Mitglieder der LGBTQ+ Community Gewalt und Inhaftierung fürchten müssen.
Doch trotz dieser Hindernisse verliebte sich Cindy dank ihrer Mentalität als Kämpferin und ihrer Leidenschaft für Sport in das Boxen, als sie es in ihrem örtlichen Jugendklub entdeckte.
Drei nationale Titel und eine Goldmedaille auf internationaler Ebene später wird sie diese Woche bei den European Games (vom 21. Juni bis 2. Juli in Krakau, Polen) antreten – mit dem klaren Ziel der Qualifikation für Olympia in Paris 2024.

Cindy Ngamba - Refugees' Voice:

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Refugees' Voice - Cindy Ngamba | Foto: Andy Chubb

Fotocredit: Eurosport

Als ich geboren wurde, kam ich mit den Füßen zuerst auf die Welt. Ich glaube, das gibt es nicht oft. Ich erzähle das, weil ich seit diesem Tag von meiner Mutter als sturköpfig bezeichnet werde und ich glaube, das ist einfach ein Teil von mir geworden. Wenn ich vor einer schwierigen Herausforderung stehe oder mir Leute sagen, dass ich etwas nicht schaffen könne, werde ich alles tun, um zu zeigen, dass ich es doch kann.
Meine Kindheit habe ich in Kamerun verbracht, mit meiner Mutter und meinem Bruder Kennet. Ich war ein glückliches kleines Mädchen – voller Leben und Energie. Ich habe gerne mit den Jungs draußen gewesen, aber meine Mutter wollte, dass ich wie die anderen Mädchen im Haus bleibe. Aber ich war ein Wildfang und wollte nicht drinnen bleiben und beim Putzen helfen! Das fand sie irgendwann okay – sie wollte einfach nur, dass wir glücklich sind.
Wir verließen Kamerun, als ich elf und Kennet zwölf Jahre alt war. Wir flogen zum ersten Mal und kamen in Großbritannien an. Mein Vater war bereits in Bolton mit neun meiner Halbgeschwister, also lebten wir bei ihnen. Bolton ist bis heute meine Heimat. Dort habe ich Englisch gelernt, bin zur Schule gegangen, aufs College und zur Universität und begann mit dem Boxen. Mein ganzes Leben in England habe ich in Bolton verbracht und obwohl ich dort nicht geboren wurde, liebe ich es. Es ist ruhig, günstig und es gibt viele nette Leute.
Anfangs war das Leben dort schwierig, vor allem wegen der Sprachbarriere. Kennet und ich sprachen nicht ein Wort Englisch. Bevor wir also zur Schule gehen konnten, verbrachten wir zwei Jahre im Sprachunterricht und mein Vater ließ uns daheim nicht Französisch reden – da war er sehr streng! Aber weil ich zusammen mit Kennet sein konnte, war das okay. Er ist schon immer mein bester Freund gewesen und kennt mich am besten. Ich nenne ihn King Ken, weil er für mich ein König ist!
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Cindy Ngambas Handybildschirm mit ihrem Bruder Kennet

Fotocredit: Eurosport

Mit der Schule begann ich in der achten Klasse, aber mein Englisch war immer noch nicht sehr gut und ich wurde gemobbt. Ich war ein trauriges Kind, das versuchte, jeden Tag so zu nehmen, wie er kam. Aber es war schwer. Vor allem, weil meine Mutter nicht da war und mein Bruder selbst versuchte, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Ich fragte mich, warum Gott mir das antut. Warum mobbten mich all diese Leute wegen meiner Art zu sprechen?
Ohne meine Mutter kannte ich Dinge wie Deos nicht, daher roch ich im Unterricht und die anderen Kinder machten sich über mich lustig. Ich hatte zwei Sportlehrerinnen, Mrs. Park und Mrs. Schofield, die so etwas wie meine Mutterfiguren waren und mir Deo kauften. Nicht zuletzt wegen ihnen war Sport mein Lieblingsfach. Ich war schon immer sportlich, aber sie motivierten mich, noch besser zu werden. Ich wurde zu einer echten Sportlerin und probierte so viele Sportarten wie möglich: Netball, Rounders (ein Schlagballspiel), Cricket und Fußball.
Als ich 15 war, gab mir mein Bruder einen Flyer eines Jugendklubs in unserer Gegend und ich begann, dort nach der Schule Fußball mit den Mädchen zu spielen. Eines Tages kamen nach dem Training eine Menge verschwitzter Jungs aus einem Raum. Also ging ich hin um nachzusehen, öffnete die Tür und fand eine Boxhalle vor... Sie war voller Jungs, die auf Sandsäcke einschlugen. Alles, was ich hören konnte, war 'BOOM, BOOM!' und es stank nach Schweiß - ich liebte es! Ich fing einfach an zu lächeln. Ich fragte einen der Coaches, wann die Trainings seien, ging am Abend nach Hause und kam am nächsten Tag wieder, pünktlich zum Beginn der Einheit.
Diesmal schauten mich alle an, als ich hereinkam, weil sie noch nie ein Mädchen in ihren Trainingssessions gesehen hatten. Sogar die Trainer waren überrascht. Ich hatte noch nie ein Springseil in der Hand gehabt, aber in der ersten halben Stunde sollten wir immer erst drei Minuten lang springen, dann zehn Liegestütze, zehn Sit-ups und zehn Kniebeugen machen. Dann wiederholten wir da immer und immer wieder. Ich dachte, ich sterbe! Dieses Aufwärmprogramm war die Hölle.
Nachdem die dreißig Minuten um waren, forderte einer der Trainer, Dave, alle auf, ihre Boxhandschuhe anzuziehen. Außer mich. Er sagte mir, ich solle weiter Seilspringen. Also bin ich am Ende die ganzen 90 Minuten gesprungen, bis es an der Zeit war zu gehen. Als ich am nächsten Tag wiederkam, ließ er mich wieder springen - ich glaube, er dachte, ich würde nie wiederkommen. Man muss bedenken, dass ich damals 110 Kilogramm wog - ich war ein dickes Mädchen, als ich anfing. Aber ich habe enorm viel Gewicht verloren. Ich kam ein ganzes Jahr lang jeden Tag wieder, kam runter auf 90 Kilogramm und dann sagte er mir, es sei Zeit, die Boxhandschuhe anzuziehen.
Wir begannen mit Jabs am Sandsack und gingen dann zu meiner Fußarbeit über. Als ich nur noch 86 Kilogramm wog, arbeiteten wir viel an meiner Technik. Dann habe ich mit den Jungs Sparring gemacht. In den Ring zu steigen fühlte sich ganz anders an, als auf einen Sandsack zu schlagen! Ich weiß noch: Als ich erstmals einen Schlag abbekam, ging ich zur Toilette und heulte. Aber ich war fest entschlossen, also ging ich nach Hause, kam am nächsten Tag wieder und wir boxten weiter.
Als ich zum ersten Mal in den Verein kam, war ich etwas einsam. Aber die Leute gaben mir bald das Gefühl, dort ein zweites Zuhause zu haben, so dass ich nie darüber nachdachte, dass ich das einzige Mädchen dort war. Aber um mich zu verbessern, war klar, dass ich gegen andere Mädchen kämpfen musste. Es gab nicht gerade viele weibliche Boxerinnen in der Gegend, also musste ich dazu manchmal fast zwei Stunden fahren.
Nach ein paar regionalen Kämpfen unter dem Verband "England Boxing" hatte ich 2019 meine erste nationale Meisterschaft und gewann im Halbschwergewicht (81 Kg). Ich wurde zu einem zweiwöchigen Testcamp mit GB Boxing eingeladen, das ich bestand. Aber um am GB-Programm teilzunehmen, brauchte man einen britischen Pass, den ich nicht hatte. Das bedeutete, dass ich keine internationalen Wettkämpfe bestreiten konnte. Das hat mich so sehr innerlich aufgefressen, dass ich richtig deprimiert war. Aber ich kämpfte weiter in England und 2022 gewann ich innerhalb weniger Monate zwei weitere Titel - erst in der 75 Kg und dann in der 70-Kg-Klasse.
Durch Amanda Coulson (Cheftrainerin von England Boxing) erfuhr ich vom IOC Refugee Olympic Team (Olympia-Flüchtlingsteam). Sie gaben mir die Möglichkeit, im Ausland an Wettkämpfen teilzunehmen und so meinen Traum von einem Olympia-Start weiter zu verfolgen. Das Refugee Team arbeitete mit GB Boxing zusammen, so dass ich mit deren Boxern und Trainern im Stützpunkt in Sheffield trainieren kann. Sie geben mir das Gefühl, zur Familie zu gehören und ich könnte allen, die das möglich gemacht haben, nicht dankbarer sein.
Vor zwei Jahren erhielt ich dann den Flüchtlingsstatus. In meinem Land ist es illegal, homosexuell zu sein. Wenn ich also zurückgeschickt worden wäre, hätte ich inhaftiert werden können.
2019 wäre ich beinahe zurückgeschickt worden, als ich in einem Internierungslager landete. Das war eine der schrecklichsten Erfahrungen meines Lebens. Als wir nach England kamen, gingen Kennet und ich einmal pro Woche zur Einwanderungsbehörde in Manchester, um Dokumente zu unterschreiben. Einmal wurden wir dabei getrennt, ich saß allein in einem Raum mit einer Frau und zwei Polizisten. Die Frau sagte ewig nichts, blickte dann aber auf und sagte: "Cindy Ngamba, ich werde Sie verhaften." Sie legten mir Handschellen an und ich schrie nur: "Wo ist mein Bruder?".
Sie setzten mich hinten in einen Van und fuhren mich nach London. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wohin sie fuhren und auch nicht, dass es sich um ein Internierungslager handelte. Als wir ankamen, sah es aus wie ein Gefängnis. Es war voller Frauen und ihrer Babys. Sie gaben mir ein Zimmer mit einem Fernseher und am nächsten Morgen durfte ich meinen Bruder anrufen. Er beruhigte mich und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Ein paar Stunden später sagte eine Frau, ich könne gehen. Ich glaube, mein Onkel hatte ihnen genug Informationen gegeben, um zu beweisen, dass wir hierbleiben können. Sie gaben mir ein Zugticket und ich traf meinen Bruder in Manchester. Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, danke ich Gott jeden Tag, denn es gab Menschen, die nicht dieses Glück hatten. Menschen, die sich hier ein Leben aufgebaut haben, aber gezwungen werden, zu gehen. Gott hat entschieden, dass ich nicht eine von ihnen sein sollte und dafür bin ich sehr dankbar.
Am Anfang war es mir peinlich, als Flüchtling bezeichnet zu werden, weil ich mich hilflos fühlte. Aber man lebt und lernt und jetzt habe ich eine andere Einstellung dazu. Am Ende des Tages ist man immer noch ein Mensch. Man sollte nie jemanden nur als Flüchtling oder Immigrant abstempeln, sondern als das sehen, was und wie er ist.
Ich bin dankbar, dass ich nun geschützt bin und im Vereinigten Königreich bleiben kann. Es ist traurig und schockierend, dass ein Land jemanden nach seiner sexuellen Orientierung beurteilen und einfach ‘Nein’ zu ihm sagen kann. Das ist nicht nur in Kamerun so, sondern auch in vielen anderen Ländern, wo das Leben von Menschen in Gefahr ist, nur weil sie homosexuell sind.
Im Großbritannien fragen mich die Leute nie nach meiner sexuellen Orientierung, sie fragen nach Cindy. Cindy, die Boxerin. Aber ich bin sehr offen und habe kein Problem damit, darüber zu sprechen. Ich hatte ein bisschen Angst, es meiner Familie zu sagen, aber sie waren überhaupt nicht schockiert. Meine Mutter hatte eher traditionelle Vorstellungen, aber das hat sich geändert. Allen, denen es schwerfällt, sich zu öffnen, würde ich raten, mit der Familie zu beginnen. Denn sie sind diejenigen, die zu einem stehen, auch wenn es eine Weile dauert. Aber ich respektiere, dass das bei jedem anders ist.
Meine Mutter, meine Tante und einige meiner Geschwister leben jetzt in Paris, was meinen Olympia-Traum nur noch besonderer macht. Mit einer Goldmedaille auf dem Podium zu stehen, ist mein großes Ziel und dafür trainiere ich jeden Tag. Meine Mutter hat mich immer nur auf Videos boxen sehen, also wäre es großartig, wenn sie kommen würde, um mich live zu sehen. Ich rufe sie jeden Abend an und wir stellen uns diesen Moment gemeinsam bildlich vor. Sie ist dann dabei so aufgeregt wie ein Kind. Es gibt mir Kraft und zaubert ein Lächeln in mein Gesicht, wenn ich nur daran denke.
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Cindy mit ihrer Mutter Gisette (links) und ihrer Tante Clarisse (rechts)

Fotocredit: Eurosport

Glücklich zu sein ist eine Entscheidung und es kostet nichts. Warum sollte man also nicht glücklich sein? Wenn ich niedergeschlagen bin und nicht lächle, denke ich an die harten Zeiten, die ich durchgemacht habe. Ich sitze jetzt hier, aber gleichzeitig gibt es da draußen jemanden, der leidet. Ich befinde mich in einer Situation, in der ich atmen und laufen kann und lebendig bin. Ich brauche nichts anderes im Leben. Ich erreiche das, was ich erreichen will. Warum sollte ich nicht glücklich sein? Genau das und dass es meiner Familie gut geht, macht mich glücklich.
Ich glaube, dass ich mich beim Boxen noch ein bisschen verbessern kann, weil ich bisher alle Herausforderungen überwunden habe. Meine Reise ins Vereinigte Königreich, von meiner Mutter getrennt zu leben, das Mobbing, Boxen zu lernen, meine Dokumente, meine sexuelle Orientierung... wenn ich dann im Ring stehe und sie sagen, dass es noch 30 Sekunden sind, weiß ich, dass ich mich da durchkämpfen kann. Dass ist meine Mentalität. Dass ist Cindys Einstellung.
Refugees' Voice wird im Vorfeld von Paris 2024 jeden Monat einen anderen Flüchtlingssportler vorstellen, der ein Stipendium erhalten hat. Derzeit gibt es 53 Stipendiaten im Rahmen des Refugee Athlete Support Programme, das von der Olympic Refuge Foundation verwaltet und von Olympic Solidarity finanziert wird. Alle 53 Athleten hoffen, sich für die Spiele zu qualifizieren und als Teil des IOC Refugee Olympic Teams in Paris 2024 anzutreten.
Folgen Sie Cindy und ihrer Reise unter @cindyngamba und folgen Sie @refugeeolympicteam für aktuelle Informationen über alle Stipendiaten.
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Tokyo 2020 : Taekwondo women -57kg : JADE JONES BEATEN BY KIMIA ALIZADEH IN LAST-16

Quelle: Eurosport

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