Matthias, wie war Ihre Vorbereitung in diesem außergewöhnlichen Jahr? Sie waren wahrscheinlich auch viel daheim in Kuchl?
Matthias Walkner: Es war schon alles sehr speziell. Ich habe versucht die Trainingseinheiten, die ich normalerweise im Red-Bull-Trainingszentrum in Thalgau mache, so gut wie möglich zu Hause zu absolvieren. Wir haben uns regelmäßig per Telefon ausgetauscht. Es war ungewohnt, dass ich nicht viel Zeit auf dem Motorrad verbringen konnte. Auch die Motocross-Bahnen waren alle geschlossen. Rennen sind wir nicht viele gefahren. Von dem her war es schon sehr, sehr speziell.
Auf der anderen Seite wird es Ihren Gegnern auch nicht viel anders ergangen sein.
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28/12/2020 AM 13:53
Walkner: Ja, ich glaube auch, dass wir alle fast im gleichen Boot sitzen. Natürlich hatte der eine oder andere mehr Freiheiten oder bessere Möglichkeiten, aber schlussendlich glaube ich nicht, dass es viele Unterschiede gab. Es war für alle eine schwierige Situation. In den vergangenen Monaten habe ich sehr viel trainieren und aufholen können. Von dem her fühle mich für die nächste Dakar sehr gut vorbereitet.

Nur eine Rallye und ein großer Test zur Vorbereitung

Im Oktober sind Sie bei der Andalusien-Rallye Sechster geworden. KTM hat auch einen Test in Dubai gemacht. Was können Sie uns davon erzählen?
Walkner: Andalusien war keine Wüstenrallye, sondern eher wie man es aus dem Automobilsport kennt. Es waren gefestigte Straßen, wodurch die Navigation nicht so schwierig war. Die Pace war relativ hoch, weil die Wege sehr gut sichtbar waren. Es war eine spezielle Rallye, weil es die erste im Kalender war. Man hat versucht, neue Dinge beim Roadbook auszuprobieren. Die ersten beiden Tage ist das etwas nach hinten losgegangen. Deshalb habe ich am Anfang etwas zu viel Zeit liegengelassen, wodurch das Ergebnis nicht ganz das widerspiegelt, wie ich mich auf dem Motorrad gefühlt habe. Schlussendlich war es in erster Linie wichtig, ins Renngeschehen zurückzukehren.
Dubai war extrem lässig. Ich war fast ein Monat dort. Es waren extrem gute Fahrtage. Die Navigation war extrem schwierig, wir sind viele Roadbooks abgefahren.Wenn man so einen langen Block fährt und trainiert, dann bringt das richtig viel. Von dem her fühle ich mich sehr gut vorbereitet. Beim Motorrad haben wir die Schwinge und die Dämpfer verändert, damit das für das Offroad-Gelände besser passt. Wir sind schon sehr gut gewappnet.
Ihr habt auch einen neuen Tank, oder?
Walkner: Der Hecktank ist anders geformt, wodurch wir uns mit den Füßen besser einklemmen können. Speziell wenn man lange im Stehen fährt, erleichtert das die Sache. Also der Tank ist so geformt, dass man sich mit den Unterschenkeln einhängen kann und dadurch weniger Kraft in den Oberarmen braucht.
Was ist beim Handling des Motorrads für Saudi-Arabien im Vergleich zu Südamerika wichtig?
Walkner: Es sind eigentlich die gleichen Anforderungen, wobei es beim Rallyefahren immer ein Kompromiss ist. Bei richtig schnellen Passagen soll das Motorrad stabil sein und gut funktionieren. Bei technischen Passagen soll man auch viel Komfort, Traktion und ein sehr gutes Handling haben. Das muss jeder für sich selbst abwiegen, in welche Richtung er mehr gehen will. Saudi-Arabien war weniger technisch als Südamerika und hatte mehr Highspeed-Passagen. Diesmal kann es aber wieder ganz anders sein.
Wir haben das Motorrad wieder mehr für Schotterpisten abgestimmt, weil gesagt wurde, dass es schwierigere Navigation und mehr Richtungsänderungen geben wird. Sie wollen damit die Durchschnittsgeschwindigkeit etwas senken, damit es weniger gefährlich wird. Beim letzten Mal hatten wir in der offenen Wüste Durchschnittsgeschwindigkeiten von 120 km/h. Ich hoffe, dass man das jetzt wirklich etwas umsetzt. Deshalb haben wir etwas mehr Federweg für mehr Komfort auf steinigen Pisten. Wenn das Motorrad hinten etwas höher ist, hat man ein etwas besseres Handling.

Nur sechs Reifen: Walkner kritisiert neue Regel

Es gibt die neue Vorschrift, dass nur noch sechs Hinterreifen erlaubt sind. Im Prinzip müsst ihr mit einem Reifensatz zwei Tage fahren. Wie ist Ihre Meinung zu dieser Regel?
Walkner: Es ist ein guter Ansatz, um den Willen zu zeigen, dass man etwas verändern will. Aber es ist nicht zu Ende gedacht worden. Wenn man sagt, dass man diese Regel macht, um das Abenteuer zurückzubringen und es spannender zu machen, dann ist es ein guter Ansatz. Aber wenn die Idee dahintersteckt, es sicherer zu machen - was die Idee ist - damit man die Geschwindigkeit herunterbringt und es dadurch sicherer wird, dann ist das meiner Meinung nach ein völliger Schwachsinn.
Die Geschwindigkeit wird dadurch nicht geringer, sollen es im Schnitt zwei km/h sein. Wir fahren immer am Limit und was gerade geht. Je schlechter der Reifen wird, desto schwieriger wird es, die Sache zu kontrollieren. Was macht man sicherer, wenn man mit schlechten, gebrauchten Reifen an den Start geht? Gar nichts! Wenn die Idee dahinter ist, es sicherer zu machen, dann ist das kompletter Blödsinn. Für die Sicherheit bringt das gar nichts. Wir fahren das, was gerade möglich ist.

Dakar 2021: So sieht die Strecke in Saudi Arabien aus

Unser Glück ist, dass es dort viel Sand gibt und der Reifen nicht so sehr beansprucht wird. Aber wenn man eine Rallye in Marokko fahren würde, wo es hauptsächlich Steinwüste gibt, dann würden wir Fahrer uns auf die Füße stellen und sagen, dass wir Kopf und Kragen riskieren. Man sollte nicht über unsere Köpfe hinweg entscheiden.
Könnten Sie sich vorstellen, dass sich die Topfahrer absprechen, alle einen zusätzlichen Reifen nehmen und alle die gleiche Strafzeit erhalten?
Walkner: Das glaube ich leider nicht, weil immer irgendwer einen Nutzen aus solchen Sachen ziehen wird. Das trifft auch bei Fehlern im Roadbook zu. Deshalb glaube ich nicht, dass wir diesen Zusammenhalt haben werden. Es wäre aber natürlich klasse, wenn man uns Fahrer von vornherein mehr in den Regelprozess miteinbeziehen würde.

Airbag kommt ein Jahr zu früh

Während der Tankstopps sind auch keine Reparaturen mehr erlaubt.
Walkner: Das ist der gleiche Schwachsinn wie mit den Reifen. Meiner Meinung nach soll jeder diese 15 Minuten nutzen wie er glaubt. Das soll jeder für sich selber entscheiden. Gefährlich wird es, wenn man etwas jetzt nicht machen darf, sondern erst nach diesen 15 Minuten. Man bekommt dann diese innerliche Unruhe, weil man nur schnell, schnell irgendetwas reparieren kann, weil jede Sekunde zählt. Dann versucht man, die verlorene Zeit wieder hereinzufahren. Ich glaube, dass das ein kompletter Blödsinn ist.
Außerdem ist jetzt ein Airbag vorgeschrieben, ähnlich wie in der MotoGP.
Walkner: Der Airbag ist eine sehr gute Idee, wobei das meiner Meinung nach noch ein Jahr zu früh kommt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das nur Vorteile hat. Es ist sicher die Zukunft und eine Innovation im Offroad-Bereich. Es ist aber eine gute Idee, die nicht zu Ende gedacht wurde. Was passiert, wenn der Airbag ausgelöst hat, die Kartusche leer ist und man weitere Male stürzt? Am Anfang hat man gemeint, dass wir die Kartusche tauschen sollen. Das ist aber so aufwendig, dass man zwischen sieben und zehn Minuten brauchen würde.
Außerdem schwitzt man in diesem Plastiksack, den man anhat, extrem. Ich hoffe, dass nicht die nächsten Probleme mit Dehydrierung auftreten. Natürlich schwitzt man in einer Lederkombi mehr, aber ein MotoGP-Rennen dauert eine Dreiviertelstunde und wir fahren vier bis fünf Stunden in der Wüste.
Neu ist auch, dass das Roadbook jetzt bei allen Etappen erst vor dem Start herausgegeben wird. Ist das ein guter Schritt?
Walkner: Solange das Roadbook fehlerfrei und lückenlos perfekt ist, spricht nichts dagegen. Ich finde das auch lässig. Das Problem ist, dass das Roadbook meistens sehr fehleranfällig ist. Ich glaube, der Veranstalter ist sich noch nicht bewusst, wie viel mehr Verantwortung er sich aufbürdet. Wenn Fehler drinnen sind, dann kann das in einer Katastrophe enden. Man hat keine Zeit mehr, diese Fehler zu korrigieren. Oft erkennt man Fehler, wenn man das Roadbook liest. Früher haben unsere Techniker die Routen auf Google Earth nachgebaut. Im Prinzip hat man die Fehler des Veranstalters ausgebessert. Wenn sie es schaffen, ein fehlerfreies Roadbook zu erstellen, dann ist es sicher ein guter Schritt.
Was erwarten Sie, wenn Sie sich die Route in Saudi-Arabien ansehen? Kann man die Rallye eigentlich langsamer und sicherer machen?
Walkner: Ich glaube, die Gefahr besteht nicht so sehr bei der Schnelligkeit, weil man konzentriert ist. Die Gefahr besteht darin, wenn das Roadbook schlecht gemacht ist und Gefahrenzonen vergessen wurden. Wenn man querfeldein fährt, dann wird es gefährlicher. Man kann die ganzen Gefahrenstellen gar nicht markieren. Der eine fährt 200 Meter weiter links, der andere 300 Meter weiter rechts. Man hat es in der Hand, die Rallye über die Streckenführung als über die Geschwindigkeit sicherer zu machen.
Wenn ich eine Gefahrenstelle übersehe, dann ist das egal, ob das mit 110 km/h oder mit 90 km/h passiert. Natürlich ist es bei 160 blöder als bei 90. Im Vorjahr ist man extrem viel in der Wüste und querfeldein gefahren. Das war extrem schnell. Man fährt nur auf Sicht, was es sehr gefährlich macht. Mir wäre es lieber, wenn man dabei bleibt, dass man zügig und schnell fährt und nicht so viel querfeldein, weil man die ganzen Gefahrenstellen nicht markieren kann. Jeder fährt irgendwo anders und man hat das nicht mehr in der Hand.
Legen Sie sich für das Rennen eine bestimmte Taktik zurecht?
Walkner: Nein, gar nicht. Über die Jahre hat sich herauskristallisiert, dass so viele Sachen dabei sind, die man nicht selbst in der Hand hat und nicht kontrollieren kann. Das sind Fehler im Roadbook, schwierige Navigation, leichte Navigation. Ich werde von Tag zu Tag schauen, ob es Sinn macht Gas zu geben. Wie sieht die nächste Etappe aus? Sind viele Dünen dabei oder eher nicht? Ich werde einfach versuchen, schnellstmöglich Motorrad zu fahren. Dann kann ich mir auch keinen Vorwurf machen. Ich werde mein Bestes geben und am Schluss sehen wir, was dabei herauskommt.
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