Aljona Savchenko ist zurzeit pausenlos mit den Gedanken in der Ukraine. Die Paarlauf-Olympiasiegerin von PyeongChang 2018 sorgt sich um Familienmitglieder.
"Meine Familie kommt aus der Region rund um Mariupol. Dort wurde ein Verwandter verletzt. Er ist erst 17 Jahre alt", schildert die 38-Jährige im Interview mit Eurosport.de die schlimme Lage in ihrer Heimat: "Es ist eine humanitäre Katastrophe."
Dass zuletzt bei einer Propaganda-Veranstaltung des russischen Präsidenten Wladimir Putin sich auch Sportler auf der Bühne zeigten, darunter einige Eiskunstläufer, macht Savchenko sprachlos. "Diese Sportler feiern das Ganze und unterstützen diese Gala. Das ist unmenschlich", sagt sie.
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22/03/2022 AM 13:29
Im Interview erzählt Savchenko außerdem, wie der Krieg die Beziehungen zwischen ukrainischen und russischen Sportlern belastet, wie sie die Situation rund um Kamila Valieva sieht und was sie dazu bewogen hat, nun als Bondscoach der Niederlande zu arbeiten.
Frau Savchenko, bei der Gala von Wladimir Putin im Moskauer Stadion waren auch mehrere Eiskunstläufer mit auf der Bühne. Was sagen Sie zu diesem Auftritt mit dem 'Z-Zeichen' auf der Brust?
Aljona Savchenko: Ich war sprachlos, als ich das gesehen habe. Ich konnte kaum meinen Augen trauen. Es ist sehr schmerzhaft, was zwischen der Ukraine und Russland passiert. Kinder und Menschen sterben, Länder gehen kaputt - es ist eine Katastrophe. Und diese Sportler feiern das Ganze und unterstützen diese Gala. Das ist unmenschlich. Allerdings weiß ich nicht, ob sie dahin freiwillig gegangen sind oder nicht. Es gibt Gerüchte, dass sie mussten beziehungsweise dazu gezwungen wurden. Ich kann es leider nicht einschätzen …
Meine Familie kommt aus der Region rund um Mariupol. Dort wurde ein Verwandter verletzt. Er ist erst 17 Jahre alt. Die weiteren Familienmitglieder sind in einem Keller, können aber nicht raus. Essen gibt es dort auch nicht. Wenn es noch einige Tage so weitergeht, dann werden sie aufgrund mangelnder Ernährung sterben. Es ist eine humanitäre Katastrophe.
Wie geht es Ihren Freunden und Ihrer Familie, welche Nachrichten erhalten Sie selbst aus der Ukraine?
Savchenko: Am Montag gab es leider schlechte Nachrichten. Meine Familie kommt aus der Region rund um Mariupol. Dort wurde ein Verwandter verletzt. Er ist erst 17 Jahre alt. Die weiteren Familienmitglieder sind in einem Keller, können aber nicht raus. Essen gibt es dort auch nicht. Wenn es noch einige Tage so weitergeht, dann werden sie aufgrund mangelnder Ernährung sterben. Es ist eine humanitäre Katastrophe. Meinen Brüdern geht es okay, sofern man das in der aktuellen Situation überhaupt sagen kann. Allerdings dürfen sie zwei Tage lang gar nicht rausgehen.
Halten Sie die Maßnahmen, russische Sportler vom Weltsport weitestgehend auszuschließen, gerechtfertigt?
Savchenko: Ja, auf jeden Fall! Ich denke auch, dass noch mehr passieren muss. Dass dort weiter gefeiert und gelacht wird, ist einfach unbeschreiblich. Aber auch hier muss man differenzieren. Ich habe von Fällen gehört, dass einige russischstämmige Kinder, die hier in Deutschland leben, ausgeschlossen wurden. Das wäre auch nicht ganz richtig …
Was könnte der Sport noch mehr tun, um den Druck auf Putin zu erhöhen?
Savchenko: Das ist eine gute Frage. (überlegt) Weitere Sanktionen erlassen und zehn- oder 20-jährige Sperren verhängen. Es ist eine schwierige Geschichte. Mit vielen russischen Athletinnen und Athleten waren wir befreundet und sind es auch noch. Aber diese ganze Situation schürt Hass zwischen den Menschen, obwohl wir diesen Hass eigentlich gar nicht wollen. Zudem weiß man nicht, was noch passieren muss, damit es besser wird. Oder ob es überhaupt wieder besser wird. Die Boykotte sind richtig, aber es bleibt fraglich, ob sie wirklich etwas bringen. Es ist wirklich schwierig und ich finde dafür momentan auch nicht die richtigen Worte.
Haben Sie aktuell Kontakt zu russischen Freunden?
Savchenko: Ehrlich gesagt, habe ich viele aus meiner Kontaktliste gestrichen. Ich kann nicht nachvollziehen, dass einige diesen Krieg befürworten. Andere sind gegen den Krieg, äußern sich aber nicht dazu. Es gibt viele Menschen, die mir negative Nachrichten schreiben. Es melden sich aber auch viele, die gegen den Krieg sind. Allerdings schreiben sie mir, dass sie nichts dagegen machen können. Wenn sie dagegen protestieren, würden sie dies mit hohen Gefängnisstrafen oder gar ihrem Leben bezahlen. Sie haben einfach alle große Angst, sodass selbst diejenigen, die dagegen sind, nichts unternehmen werden. Sie wissen selbst nicht, wie sie richtig reagieren sollen. Andererseits denke ich, dass man sich äußern sollte, wenn man eine eigene Meinung hat. Aber ich bin natürlich auch nicht vor Ort und kann daher nicht beurteilen, wie die Lage in Russland ist. Ich weiß, dass man da selbst für die Verwendung des Wortes 'Krieg' in den Sozialen Medien hart bestraft wird. Aus meiner Sicht wird es aber schwierig für die Menschen, sich dort wieder in die Augen schauen zu können.

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Halten Sie eine Rückkehr zur Normalität bei einem zeitnahen Frieden für möglich?
Savchenko: Das wird Jahrzehnte dauern. Es wurden so viele Kinder und Menschen getötet. Zahlreiche Einrichtungen wie Kinderhäuser oder Schulen zerstört. Die ganze Infrastruktur ist kaputt. Der Wiederaufbau dessen wird sehr lange dauern. Die Menschen haben kein Leben und kein Zuhause mehr. Und sie werden auch kein Zuhause mehr finden, weil sie nicht zurückkönnen. Ich glaube zudem nicht, dass dieser Krieg ein schnelles Ende nimmt. Man startet nicht solch einen großen Angriffskrieg, um ihn dann zügig wieder zu beenden.
Auch wenn es nicht ganz einfach ist - zum Sport. Um Kamila Valieva ist es nach den Olympischen Spielen sehr still geworden. Wissen Sie, wie es ihr geht?
Savchenko: Nein, ich hatte keinen Kontakt. Meines Wissens wurde es ihr allerdings auch verboten, sich zu äußern. Nach den Olympischen Spielen hatte sie sich ja auf Instagram zu Wort gemeldet und geschrieben, dass sie das beste Team und die beste Unterstützung habe. Zu diesem Post kursieren jedoch Berichte, dass ihr das vorgegeben wurde, sie den Text also gar nicht selbst verfasst hat. Dass man seitdem plötzlich nichts mehr von ihr hört, finde ich komisch.
Das Verfahren um ihre positive Dopingprobe schwelt. Haben Sie Informationen, wie der dort der Stand ist?
Savchenko: Nein, habe ich nicht und genau das meine ich. Ich finde es komisch, dass es um dieses Thema so still geworden ist. Klar, der Krieg ist aktuell das Schlimmste. Aber dieser Vorfall ist natürlich auch schlimm für den Sport.

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In dieser Woche steigt in Montpellier mit der Eiskunstlauf-WM der letzte Höhepunkt der Saison. Neben den Russen fehlen auch die chinesischen Top-Paare und zudem bei den Herren Nathan Chen. Wer sind aus Ihrer Sicht jetzt die Favoriten auf Gold?
Savchenko: Zunächst einmal ist es nicht ungewöhnlich, dass Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer die WM nach den Olympischen Spielen auslassen. Insbesondere wenn sie Olympiasieger geworden sind. Im Paarlauf schätze ich die US-Amerikanischer stark ein. Für die Europäerinnen wird es dagegen schwierig werden. Bei den Männern sind die Japaner zu beachten, bei denen immer gute Nachwuchsläufer nachkommen. Dazu wird der Italiener Daniel Grassl sicherlich eine Medaille anpeilen. Bei den Frauen wird es durch das Fehlen der Russinnen deutlich interessanter. Dadurch haben die Europäerinnen, wie zum Beispiel die Belgierin Loena Hendrickx größere Chancen. Hendrickx hat zuletzt gute Fortschritte gemacht und interessante Programme gezeigt. Dazu kommen noch die Japanerinnen mit Kaori Sakamoto und Wakaba Higuchi. Zudem werden wir mehr Athletinnen mit fraulichen Körpern sehen. Möglicherweise wird es zwar keine Höchstschwierigkeiten wie Vierfachsprünge geben, dafür aber Eiskunstlauf mit anderen Schwerpunkten und viel Eleganz.
Der niederländische Verband hat mir im Gegensatz zum deutschen Verband ein richtiges Angebot unterbreitet: Ein geregeltes Einkommen, soziale und gesundheitliche Absicherung, berufliche Perspektive und auch die soziale Absicherung für meine Tochter.
Auf wen können sich die Fans sonst noch besonders freuen?
Savchenko: Auf jeden Fall aufs Eistanzen mit den Olympiasiegern Gabriella Papadakis/Guillaume Cizeron. Die beiden kann man sich immer anschauen.
Das Fehlen zahlreicher Top-Athletinnen und Athleten ist auch eine Chance für die deutschen Läuferinnen und Läufer. Was können wir von Minerva Haase/Nolan Seegert, Nicole Schott und Nikita Starostin erwarten?
Savchenko: Für sie geht es vor allem darum, eine gute Leistung zu zeigen und saubere Programme zu laufen. Eine genaue Platzierung ist schwer zu planen. Ich wünsche ihnen das Beste und hoffe, dass sie so gut wie möglich abschneiden. Und wer weiß, mit etwas Glück ist vielleicht sogar eine Medaille drin. Aber schon das Erreichen der Top Ten wäre ein toller Erfolg für die Deutschen. Für Nikita dürfte dies in der Herren-Konkurrenz aber schwierig werden.
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Sie starten jetzt als Nationaltrainerin in den Niederlanden in ein neues Kapitel: Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?
Savchenko: Der niederländische Verband hat mir im Gegensatz zum deutschen Verband ein richtiges Angebot unterbreitet: Ein geregeltes Einkommen, soziale und gesundheitliche Absicherung, berufliche Perspektive und auch die soziale Absicherung für meine Tochter. Durch die Corona-Pandemie gab es in Deutschland keine Shows, weshalb ich umdenken und eine neue Richtung einschlagen musste. Die Bundestrainerinnen-Tätigkeit in den Niederlanden ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.
Wie werden Ihre ersten Schritte in den Niederlanden aussehen?
Savchenko: Zunächst einmal werde ich natürlich die Läuferinnen und Läufer kennenlernen. Meine Aufgabe als Bundestrainerin wird es anschließend sein, eine Mannschaft aufzubauen.
Die Deutsche Eislauf-Union wollte zwar, dass wir etwas machen, aber es kam niemand zu mir und bot Unterstützung an. Es war mehr nach dem Motto: 'Mach einfach mal selbst.' Dann wurde auch noch Alexander König rausgeschmissen. Das zeigt, dass dort einiges schiefläuft.
Was sind Ihre Ziele?
Savchenko: Ich möchte das niederländische Eiskunstlaufen wieder zurück nach oben führen. Dort wo es in den 1960er-Jahren schon einmal war. Ich bekomme hier die Chance etwas Ähnliches aufzubauen wie im Eisschnelllauf und im Schwimmen, wo die Niederlande zur absoluten Weltspitze gehören. Die Voraussetzungen dafür sind gut und der Wille ist ebenfalls vorhanden. Außerdem ist es mein Anliegen, unsere tolle Sportart in den Niederlanden bekannter zu machen.
Medienberichte zufolge gab es auch Pläne für ein Eiskunstlauf-Projekt in der Deutschen Eislauf-Union, an dem Sie mitwirken sollten. Diese realisierten sich jedoch nicht. Warum?
Savchenko: Richtig, es gab eine Projektidee zusammen mit meinem ehemaligen Trainer Alexander König, der mich und Bruno Massot zum Olympiasieg in PyeongChang gecoacht hat. Aber es gab dafür kein klares Angebot. Die Deutsche Eislauf-Union wollte zwar, dass wir etwas machen, aber es kam niemand zu mir und bot Unterstützung an. Es war mehr nach dem Motto: 'Mach einfach mal selbst.' Dann wurde auch noch Alexander König rausgeschmissen. Das zeigt, dass dort einiges schiefläuft. König ist überhaupt der Beste und wer, wenn nicht er könnte dem deutschen Eiskunstlauf helfen? Aber ihm wurde einfach gekündigt … Auch das tolle Team rund um Ben Burgess konnte mit den Sportlern nicht mehr arbeiten. Und Ben hat uns sozusagen damals gerettet. Theoretisch könnten sie auch Bruno halten, oder auch Robin Szolkowy als den fünffachen Weltmeister … Wo sind sie alle?

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Können Sie sich dennoch eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?
Savchenko: Ja, natürlich und ich bin ja auch nicht weg. Zudem ist mein Vertrag offen gestaltet. Neben meiner Bundestrainer-Tätigkeit darf ich weiter Shows laufen oder TV-Angebote annehmen. Ich kann die gleichen Dinge machen wie bisher. Das haben wir so abgesprochen. Dazu zählt die Trainertätigkeit für andere Paare. Wenn es entsprechende Anfragen geben sollte, dürfte ich zusätzlich nicht-niederländische Athletinnen und Athleten betreuen. Das gilt auch für deutsche Paare.
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