Die Anspannung war greifbar. Als Kamila Valieva am Dienstag nach einer emotionalen Achterbahnfahrt aufs Eis zu ihrem Kurzprogramm lief, schien die Welt für einen kurzen Moment still zu stehen. So viele Diskussionen, so viele Emotionen und Spekulationen hatte es zuvor gegeben. Der Rücken der 15-jährigen Russin schien dafür viel zu schmal.
Sportlich hielt das Jahrhundert-Talent dem Druck stand - ungeachtet des schweren Dopingverdachts, der gegen Valieva im Raum steht und all dem Frust derer, die es nicht verstehen konnten, warum sie überhaupt bei den olympischen Spielen antreten darf - gebührte ihrer Leistung Respekt.
"Man muss sie bewundern dafür, wie sie diese Situation gemeistert hat", lobte Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich.
Olympia - Eiskunstlauf
Valieva weint nach CAS-Urteil: "Glücklich, aber emotional müde"
14/02/2022 AM 20:04
Nach ihrem Weltklasse-Programm blickte Valieva, die nach einem aufsehenerregenden Urteilsspruch nur unter Vorbehalt startet, hilfesuchend zur Hallendecke.
Ihre Tränen hatte sie nicht ganz so gut im Griff wie ihre Eislaufkunst. Sie beendete das Kurzprogramm im Einzelwettbewerb zwar auf Rang eins und blickt zuversichtlich auf die Kür am Donnerstag. Doch der Wirbel um ihre Person wird bis dahin nicht abebben. Im Gegenteil, die Diskussionen türmen sich in diesen drei Themengebieten weiter auf:

Die Last:

Was findet da in Peking nur statt mit einer 15-Jährigen, die nach den Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur "WADA" als schützenswerte Person gilt. Schon vor dem Kurzprogramm war offensichtlich, wie durcheinander Valieva gewesen sein muss. Valievas persönliches Schicksal bewegt, am Montag gab sie im russischen Staatsfernsehen Einblick in ihr Seelenleben. Sieben Stunden habe sie bei der Videoanhörung vor den CAS-Richtern zugehört, bei nur einer 20-minütigen Pause. In der Nacht habe sie nicht geschlafen, die nervliche Belastung ließ sie vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen. "Dies sind Tränen des Glücks, aber wahrscheinlich auch der Trauer", sagte Valieva: "Ich bin glücklich, aber gleichzeitig emotional müde."

Tränen nach dem Kurzprogramm - Valieva meistert "mörderische Aufgabe"

Am Dienstag konnte sie auf dem Eis während ihrer Vorstellung alles ausblenden - In ihrem fliederfarbenen Kleid glitt sie in ihrer unnachahmlichen Art über das Eis. Die Kombination aus dreifachem Lutz und dreifachem Flip war perfekt. Danach brachen die Tränen wieder aus ihr heraus. Jedem Betrachter muss das in der Seele wehgetan haben. Anschließend rauschte Valieva wortlos hinaus in die Nacht. Weltmeisterin Anna Scherbakowa, die sich der Presse stellte, wollte Fragen zu ihrer Landsfrau nicht beantworten.

Kamila Valieva

Fotocredit: Getty Images

Die Zuschauer im Capitol Indoor Stadium zollten ihr mit lautstarkem Beifall Respekt. Ob sie diesen überhaupt richtig wahrgenommen hat? Eine 15-Jährige sollte ihr Leben genießen, sich auf den nächsten Wettkampf freuen, es als Spaß sehen. Für Valieva kommt der Ernst des Lebens viel zu früh. Es bleibt zu hoffen, dass die Last sie nicht schon bald gänzlich erdrückt.

Das Problem:

Doping im Profisport ist kein neues Phänomen. Auch dass Russland seine Athletinnen und Athleten systematisch mit leistungssteigernden Substanzen versorgt hat, ist bekannt. Im Fall Valieva entlädt sich nun erneut die Wut darüber. Der viermalige Leichtathletik-Olympiasieger Michael Johnson schrieb: "Russland ist das Dopingproblem im Sport. Das IOC hat es zugelassen. Also geht es weiter." US-Sprinterin Sha'Carri Richardson, die vor den Sommerspielen in Tokio wegen Marihuana-Konsums gesperrt worden war, bezeichnete Valievas Zulassung "als Schlag ins Gesicht".
Der 74-jährige Schweizer Denis Oswald war vom IOC auserkoren worden, auf die bohrenden Fragen zu Valieva nach der Verhandlung zu antworten. Dabei gab der Vorsitzende der Disziplinarkommission, der auch für die Untersuchung zum russischen Dopingbetrug bei den Winterspielen 2014 in Sotschi verantwortlich war, einen Einblick in die mögliche Verteidigungsstrategie: "Ich war bei der Anhörung nicht dabei, aber ihr Argument war, dass die Kontamination mit einem Mittel passiert ist, das ihr Großvater nimmt", sagte Oswald.
Valieva war positiv auf das Herzmedikament Trimetazidin getestet worden. Es weitet die Blutgefäße. "Es ist wahr, dass dieses Mittel etwas seltsam ist, vor allem für ein Mädchen in ihrem Alter", sagte Oswald: "Aber solange wir nicht genau wissen, was passiert ist, ist es schwierig, ein Urteil zu fällen."

Knapp hinter Valieva: Shcherbakova zeigt tolles Kurzprogramm

Dennoch wollte Oswald seinen "Eindruck" teilen, dass Valievas Fall in "keinem Zusammenhang" zum "institutionalisierten Staatsdoping" in Russland stehe. "Das Staatsdoping war ein großes System, in das viele Athleten involviert waren", sagte Oswald: "Diese Situation hier scheint anders zu sein."
So oder so: Im Kreuzfeuer der Kritik steht das IOC, das die sauberen Athletinnen und Athleten nicht ausreichend schütze - und nun sogar bestrafe. Diese "verdienen" eine Siegerehrung, forderten die Vertreter der US-Sportler, nachdem das IOC angekündigt hatte, zumindest die Eiskunstlauf-Teammedaillen nicht mehr in Peking zu vergeben. Die Öffnung der B-Probe Valievas steht noch aus, die Hauptverhandlung soll erst nach den olympischen Spielen geführt werden.

Kamila Valieva

Fotocredit: Eurosport

"Es ist ein riesiges Chaos, vor allem für die Sportlerinnen. Man hätte klar den Regeln folgen und sie aus dem Wettbewerb nehmen müssen", sagte Dopingfahnder Travis Tygart dem "ZDF". Was er missbilligt: Die Probe von Valieva sei am 25. Dezember 2021 an das Kontrolllabor in Stockholm von der russischen Anti-Doping-Agentur "RUSADA" verschickt worden, allerdings ohne auf eine hohe Priorität hinzuweisen. Ansonsten wäre das Ergebnis bereits mehrere Stunden nach dem Test verfügbar gewesen und nicht erst vor kurzem.
Die WADA ermittelt nun im Umfeld des Teenagers. "Es ist nicht vorstellbar, dass ein 15-jähriges Mädchen so etwas alleine tut", sagte Oswald. Bei einer Sperre könnten Valieva und dem russischen Team das Mannschaftsgold aberkannt werden.

Die Lösung?

In der Sport-Welt ist der Aufschrei riesig. Eiskunstlauf ist ein olympisches Premium-Produkt. Möglich, dass dieser Aufschrei nicht einfach so verhallt, sondern Änderungen in der Struktur herbeigeführt werden. Mehr Transparenz wird gefordert. Aktuell steht die WADA unter der Kontrolle des IOC. Für die Dopingfahnder ein No-Go. "Das Vertrauen in die Sportorganisationen ist in Verruf geraten. Jetzt hat sich das sogar noch verschlimmert", stellte Tygart fest.
Sein Vorschlag, der sich durchaus sinnvoll anhört: Reformen. Es sei an der Zeit für Sponsoren, Regierungsvertreter und auch die Öffentlichkeit einfache Reformen einzufordern. Sie dürfe nicht weiter ein politischer Arm oder ein PR-Instrument des IOC sein. "Sie muss unabhängig sein und ihren Job erledigen!", forderte Tygart.

Kamila Valieva

Fotocredit: Getty Images

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