Olympia 2022 - Anni Friesinger-Postma exklusiv: Das ist unsere größte Medaillenhoffnung

Anni Friesinger-Postma war beim spektakulär errungenen Gold in der Team-Verfolgung bei den Winterspielen 2010 in Vancouver dabei - bis heute die letzte deutsche Eisschnelllauf-Medaille bei Olympia. In diesem Jahr begleitet sie als Eurosport-Expertin die Wettbewerbe in Peking. Im exklusiven Interview spricht die 45-Jährige über die deutschen Chancen auf Edelmetall und die internationalen Stars.

Friesingers goldene Olympia-Momente: Siege und ein Sturz ins Glück

Quelle: Eurosport

Seit nun zwölf Jahren warten die deutschen Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufer auf eine olympische Medaille. 2014 in Sotschi und 2018 in Pyeongchang blieb die deutsche Mannschaft im Eis-Oval ohne Edelmetall.
Geht es nach Eurosport-Expertin Anni Friesinger-Postma könnte die Warterei in Peking enden. "Felix kann uns wirklich eine Medaille bringen", sagt die Olympiasiegerin von 2002 im exklusiven Eurosport-Interview über Felix Rijhnen, der in den vergangenen Jahren erfolgreicher Inlineskater war und nun im Winter auch auf Kufen antritt.
"Er startet im Massenstart, dem Wettbewerb, der den Inlineskatern am meisten liegt. Dort ist er im Weltcup (im Dezember in Calgary, Anm. d. Red.) mit einer couragierten Leistung Dritter geworden. Er hat in kürzester Zeit taktisch viel dazu gelernt und kann uns überraschen. Da könnte ganz viel passieren", erklärte Friesinger-Postma.
International rechnet sie vor allem mit den Niederlanden, den USA, Kanada, China und Japan. Im Interview verrät sie, wer für sie der Top-Star der Spiele werden könnte, was der deutsche Eisschnelllauf tun muss, um wieder den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen und was sie von Claudia Pechstein erwartet.
Zudem spricht sie über ihren legendären Sturz in der Team-Verfolgung bei Olympia in Vancouver 2010 und den besonderen Druck bei Winterspielen.
Das Interview führte Dominik Mackevicius
Frau Friesinger-Postma, in Peking gehen bei den Männern Felix Rijhnen und Patrick Beckert an den Start. Beiden könnte man in Peking eine Medaille zutrauen. Wie schätzt du deren Chancen ein?
Anni Friesinger-Postma: Patrick Beckert ist ja schon länger mit dabei. Der war ja schon 2010 in Vancouver als ganz junger Athlet zusammen mit mir am Start. Patrick ist über die 5.000 und 10.000 Meter immer wieder für eine Top-sechs-Platzierung gut, wobei ich ihn aktuell über die 10.000 Meter stärker einschätze. Aber es wird schwer, dass er wirklich eine Medaille mit nach Hause nimmt. Es gibt mit Nils van der Poel einen starken Schweden, dazu die Kanadier, die seit vielen Jahren stark laufen und natürlich die Niederländer.
Und bei Felix Rijhnen?
Friesinger-Postma: Felix ist eigentlich ein Eisschnellläufer, der den Weg zum Inlineskaten gefunden hat und jetzt glücklicherweise wieder zu den alten Wurzeln zurückgekehrt ist. Er ist mehrmaliger Weltmeister im Inlineskating und hat auch schon den Berlin-Marathon gewonnen. Er ist also ein echter Top-Athlet.
Den nicht einfachen Übergang von den Rollen auf die Kufen hat er super gemeistert. Er startet im Massenstart, dem Wettbewerb, der den Inlineskatern am meisten liegt. Dort ist er im Weltcup (im Dezember in Calgary, Anm. d. Red.) mit einer couragierten Leistung Dritter geworden. Er hat in kürzester Zeit taktisch viel dazu gelernt und kann uns überraschen. Felix kann uns wirklich eine Medaille bringen. Ich will natürlich keinen Druck aufbauen, aber ich liebe dieses Event. 2018 war der Massenstart erstmals dabei und es war für mich eines der Highlights. Da könnte ganz viel passieren.
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Eurosport-Expertin Anni Friesinger-Postma traut Felix Rijhnen (r.) in Peking eine Medaille zu

Fotocredit: Getty Images

Friesinger-Postma über Pechstein: "Mehr als Top Ten kann ich mir nicht vorstellen"

Ohne Druck wird wohl Claudia Pechstein starten, die ja zum achten Mal bei Olympischen Spielen an den Start gehen wird. Wie ist ihre Leistung und ihre nochmalige Qualifikation einzuschätzen?
Friesinger-Postma: Klar, ihr Ziel war es, sich zu qualifizieren und sich das Ticket für Peking zu sichern. Um die Medaillen kann sie aber einfach nicht mehr mitlaufen. Sie ist jetzt fast 50 und es hat sich bei den Zeiten so viel getan, da kann sie körperlich nicht mehr mithalten. Das ist einfach so. Ihre Wettbewerbe sind die 5.000 Meter und der Massenstart. Mehr als Top Ten kann ich mir aber nicht vorstellen.
Im deutschen Eisschnelllauf besteht momentan eine große Lücke. Wie gelingt es, diese wieder zu füllen und Nachwuchs zu bekommen, den man in Richtung Weltspitze führen kann?
Friesinger-Postma: Ich sage es eigentlich schon seit vielen Jahren, dass es wichtig ist, auch abseits der 400-Meter-Bahn bei den Inlineskatern zu gucken. Endlich wurde das jetzt ein bisschen gelockert, sodass die Athleten und Athletinnen dual trainieren. Sie können Inlineskating betreiben und dürfen ins Eisschnelllaufen reinschnuppern. Das ist der Weg zu guten Läufer*innen. Dies sieht man auch bei anderen Nationen, wie den Amerikanern, Belgiern und Argentiniern. Es gibt jetzt auch einen Spanier, der gut läuft. Du musst beides zulassen. So haben wir mit Felix Rijhnen nun jemanden, der vorne mitlaufen kann.

Friesinger-Postma fordert: Macht Inlineskating olympisch

Wäre es vielleicht sogar hilfreich für den Eisschnelllaufsport, wenn Inlineskating bei Sommerspielen olympisch werden würde?
Friesinger-Postma: Das wäre natürlich wunderbar. Deswegen versuchen ja viele Inliner den Weg auf die Kufen zu gehen, um bei Olympischen Spielen mitzumachen. Für mich ist es immer noch unverständlich, weil ich denke mir bei so vielen anderen Sportarten, dass sie in meinen Augen eigentlich noch nicht ins olympische Programm gehören. Aber Inlineskating muss immer noch warten.
Stimmt, Skateboard ist beispielsweise olympisch.
Friesinger-Postma: Natürlich gehört immer ein Markt dazu, der die Jugendlichen und die Sportler*innen bedient. Aber Inlineskaten ist so international. Es gibt viele gute Läufer in Brasilien und Argentinien. Dazu den asiatischen Markt. Bis auf Afrika sind alle Kontinente bei den besten Inlinern vertreten. Also der Sport hätte es verdient. Bitte, gebt’s euch einen Ruck!

Friesinger-Postma: "Irene Schouten wird absahnen"

Wer sind denn aus deiner Sicht die Top drei Athletinnen, auf die die Eisschnelllauf-Fans in Peking besonders achten sollten?
Friesinger-Postma: Die größte Medaillenkandidatin bei den Frauen ist natürlich eine Niederländerin: Irene Schouten. Sie war vor vier Jahren auch in Pyeongchang dabei. Sie kommt eigentlich aus dem Marathon mit 100- oder 200-Kilometer-Läufen. Sie hat sich sehr toll entwickelt und hat im Massenstart, über die 5.000 Meter und über die 3.000 Meter sehr gute Chancen. Dazu hat sie mit dem niederländischen Team in der Mannschaftsverfolgung noch eine vierte Medaillenchance. Schouten wird absahnen und sicher mit Edelmetall nach Hause kommen. Bei den Männern gibt es mit Nils van der Poel einen starken Schweden, der seit zwei Jahren alle verrückt macht. Man kann ihn nicht so richtig fassen, er kommt vom Orientierungslauf und hat eine unglaubliche Ausdauer. Seit zwei Jahren ist er auf seinen Strecken, den 5.000- und 10.000-Metern unschlagbar. Schouten und van der Poel sind eine fixe Bank.
Wie sieht es auf den kürzeren Distanzen aus?
Friesinger-Postma: Dort werden wir sicherlich die Asiaten sehen. Die chinesischen Läufer haben eine mächtige Truppe aufgebaut. Über die 1.000 Meter haben sie einige schlanke Athleten, die technisch sehr versiert sind und sich stark verbessert haben. Wie zum Beispiel Gao Tingyu (Olympia-Bronzemedaillengewinner 2018 über die 500 m, Anm. d. Red.). Bei den Frauen gibt es Miho Takagi aus Japan, die als erste Frau über die 1.500 Meter unter 1:50 Minuten gelaufen ist. Das japanische Team hat aufgrund der Pandemie in der vergangenen Saison alle Events ausgelassen. Nun sind sie mit einem Paukenschlag wieder in den Weltcup eingestiegen. Takagi hat über die 1.000 Meter, die 1.500 Meter, mit der Mannschaft und eventuell auch im Massenstart Chancen.
Welchen Stellenwert hat Eisschnelllauf im Gastgeberland China?
Friesinger-Postma: Die Eissportarten sind sehr hoch angesehen. Ich würde sagen, Short Track ist die Nummer eins, dann folgen Eiskunstlauf und Eisschnelllauf. Man sieht, dass sich dort etwas kontinuierlich entwickelt hat. Die chinesischen Läufer, die jetzt an der Weltspitze sind, sind mit 21 und 22 Jahren sehr jung. Man hat vor vier Jahren begonnen, sich mit niederländischen und kanadischen Trainern sehr viel Wissen von außen einzuholen. Inzwischen ist von denen keiner mehr dort, nun machen die Chinesen alles selbst. Aber sie haben wie in anderen Sportarten auch sehr viel Erfahrung und Know-how übernommen.

Friesinger-Postma über Gold in Salt Lake City: "Diese Medaille musste kommen"

Sie haben selbst vier Mal an Olympischen Spielen teilgenommen. Was war Ihr prägendstes Erlebnis?
Friesinger-Postma: Mein schönstes Erlebnis war bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City, als ich über meine Lieblingsdistanz, die 1.500 Meter Gold gewinnen konnte. Insbesondere weil ich vor den Spielen eigentlich ungeschlagen war, dann aber bei Olympia über die 3.000 Meter und 1.000 Meter ohne Medaille rausgegangen bin. Da war der Druck beim 1500-Meter-Rennen sehr groß. Nicht nur der eigene Druck, sondern auch der von außen. Diese Medaille musste kommen.
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Anni Friesinger-Postma zeigt ihre Goldmedaille über die 1500 Meter bei den Olympischen Spielen 2002

Fotocredit: Getty Images

Wie speziell ist diese Drucksituation. Kann man Olympia wirklich nicht mit Weltcup-Rennen oder Meisterschaften vergleichen?
Friesinger-Postma: Der Druck ist komplett anders, weil Eisschnelllauf in Deutschland, im Gegensatz zu den Niederlanden, wo der Sport wie Fußball ist, eine Randsportart ist. Du rückst alle vier Jahre für ein paar Wochen mal in den Fokus und kannst zeigen, wie cool die Sportart ist. Damals war Eisschnelllauf in Deutschland ja sehr populär und wenn du im Vorfeld gut gelaufen bist, waren die Erwartungen relativ hoch. Bei Olympia siehst du so viele andere Athleten und Sportarten. Es ist ein Dauerstresslevel. Allerdings auch im positiven Sinne, weil so viele Entscheidungen und Highlights passieren. Das kannst du nicht beschreiben. Es sind zwei verrückte Wochen, auf die du dein ganzes Leben hintrainierst.
Wie sind Sie mit diesem Druck umgegangen? Hatten Sie ein spezielles Rezept dafür gehabt?
Friesinger-Postma: Bei mir war es bei allen vier Teilnahmen anders. Beim ersten Mal hatte ich als Rookie in Nagano (1998, Anm. d. Red.) überhaupt keinen Druck und bin mit einer Bronzemedaille heim. Vier Jahre später war es schon richtig verrückt. Im Vorfeld war ich ungeschlagen und hatte drei realistische Gold-Chancen. Am Ende bin ich mit einer Goldenen wieder abgereist. Über die 1500 Meter siegte ich aber mit Weltrekord und großem Vorsprung. Das war eine große Erleichterung und die Erfüllung eines großen Traums.
Vor den Spielen 2006 in Turin war ich im Vorfeld ebenfalls wieder sehr erfolgreich. Ich verpasste es dann zwar mein Einzel-Gold zu wiederholen, aber ich gewann zwei Medaillen, weswegen es trotzdem schön war. Bei meinen letzten Spielen in Vancouver 2010 wusste ich, dass ich niemandem mehr etwas beweisen muss. Ich war körperlich aufgrund meiner Knieverletzung angeschlagen und konnte nicht das rausholen, was in mir steckte. Dennoch gewann ich noch einmal Gold mit der Mannschaft. Es war immer anders und verrückt, weil du bei Olympia nichts planen kannst.
Haben Ihre ganzen Medaillen einen Ehrenplatz?
Friesinger-Postma: Meine wichtigste und schönste Medaille ist die Goldmedaille über die 1.500 Meter in Salt Lake City 2002, die befindet sich bei mir im Büro, weil die Kinder da regelmäßig dran vorbeigehen und die immer wieder angucken wollen. Auch weil diese Medaille sie motiviert. Die anderen Medaillen habe ich in meiner Wohnung schön versteckt, sodass ich sie selbst wahrscheinlich nicht direkt finden würde. (lacht)

Friesinger-Postma über Team-Sturz in Vancouver: "Sturz ist immer was Negatives"

Bei den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 gab es in der Team-Verfolgung ja diese legendäre Sturz-Szene über die Ziellinie. In den Medien wird sie immer sehr hochgehangen. Ist die Szene Ihnen auch persönlich noch präsent?
Friesinger-Postma: Persönlich finde ich es nicht schön, weil ein Sturz ja immer was Negatives ist. Das war ja auch kein Sturz im Einzel, sondern ich habe damit den ganzen Erfolg der Mannschaft ins Wanken gebracht. Aber auf der anderen Seite kommen viele Leute zu mir und sagen: 'Dieser Kampf bis zum Schluss, der belohnt wurde, motiviert mich.' So war es bei mir auch. Bei vielen Dingen und Projekten gilt es einfach, nicht aufzugeben, sondern sich durchzubeißen. Das wird meistens belohnt. Diese Einstellung habe ich daraus auf jeden Fall mitgenommen. So war es dann ein wunderschöner Abschluss meiner Karriere.
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Auf dem Bauch zum Sieg: Friesinger-Postmas lucky moment 2010

Quelle: Eurosport

Welchen Ratschlag würden Sie jungen Sportler*innen mitgeben?
Friesinger-Postma: Es ist wichtig, dass sie Spaß am Sport haben, aber auch ein Ziel. Natürlich gibt es das große Ziel mit den magischen fünf Ringen, bei Olympia will jeder mal dabei sein. Aber man sollte sich kleine Zwischenetappen setzen, denn der Weg bis zu Olympia kann unheimlich weit sein. Man sollte sich bewusst machen, dass nicht immer alles planbar ist und dass stürzen dazu gehört. Wichtig ist, nicht liegen zu bleiben, sondern weiter zu machen. Auch aus Fehlern kannst du lernen und Erfahrungen sammeln. Jeder Wettkampf ist anders. Mal bist du Favorit, mal Rookie, ein anderes Mal verpasst du ständig als Vierter die Medaille. Es gibt also immer ein anderes Szenario. Das ist aber auch das Schöne am Sport.
Nach vier Jahren Pause freuen wir uns sehr, Sie wieder als TV-Expertin in unserem Eurosport-Olympia-Team begrüßen zu dürfen. Wie ist es für Sie in der Rolle der erklärenden Expertin?
Friesinger-Postma: Ich freue mich natürlich, nach vier Jahren wieder zum Eurosport-Team zu gehören. Es fühlt sich wie eine Klassenfahrt an. Das Gefühl, dass ich als Athletin auf der Bahn hatte, habe ich jetzt als Kommentatorin. Ich freue mich auch auf die ganzen anderen Sportler*innen, Expert*innen und Kommentator*innen. Hier bei Eurosport ist es schon eine sehr coole Atmosphäre.
Bei den Winterspielen gibt es ja erneut die "Hambüchen-Challenge" mit Fabian Hambüchen. Sie waren dafür mit ihm schon auf dem Eis. Können Sie schön verraten, wie er sich geschlagen hat?
Friesinger-Postma: Ich war mit Fabian ja schon mal vor circa vier bis sechs Jahren auf dem Eis, da war er sehr steif unterwegs. Man muss aber sagen, dass er zu dieser Zeit noch als Sportler aktiv war und da ist man auch immer ein bisschen ängstlich. Auch nach der Karriere ist er immer noch fit wie ein Turnschuh und jetzt hat er im Rennanzug eine richtig gute Figur gemacht.
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Wie funktioniert Eisschnelllauf? Regeln und Disziplinen bei Olympia 2022

Quelle: Eurosport

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