Romain Grosjean hatte am Sonntag in Sakhir wohl nicht nur einen Schutzengel. Der 34-Jährige stieg nach seinem Horror-Unfall selbstständig und fast unversehrt aus seinem komplett zerstörten Haas-Boliden.
Lediglich einige leichte Blessuren trug Grosjean dabei davon. Haas-Teamchef Günther Steiner sprach von "Glück im Unglück". "Es ist ein Wunder, dass er da in einem Stück rausgekommen ist", meinte wiederum Ex-Weltmeister Damon Hill bei "Sky".
Grosjean selbst meldete sich noch am Abend bei Instagram aus dem Krankenhaus und hatte dabei auch eine Dankesbotschaft: "Vor ein paar Jahren war ich nicht für den Halo (Cockpitschutz in der Formel 1, Anm. d. Red.), aber ich denke, er ist das Beste, was der Formel 1 passiert ist. Ohne ihn könnte ich jetzt nicht zu euch sprechen. Also danke."
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Nun stellt sich die Frage: Wie konnte der Franzose diesen schrecklichen Unfall nahezu unverletzt überstehen? Welche Sicherheitsstandards spielten dabei eine Rolle? Eurosport beantwortet die wichtigsten Fragen zum Crash des Franzosen.

Wie konnte es Grosjean so lange in den Flammen aushalten?

Der 34-Jährige war rund 27 Sekunden im Herzen des Feuers, das bis zu 1500 Grad erreichen kann. Grosjean konnte allerdings nur wegen der speziellen Rennfahrerkleidung so lange aushalten. Diese muss die Piloten rund 30 Sekunden vor einem Feuer schützen, ohne Verbrennungen zweiten Grades zu verursachen.
Angesichts des Schadens, den die Flammen an seinem Helm und seinem Anzug anrichteten, hätte Grosjean daher auch nicht viel länger im Feuer sein können. Formel-1-Arzt Ian Roberts, der im Medical Car als einer der Ersten am Unfallort war, erklärte: "Er war natürlich sehr zittrig, und sein Visier war komplett geschmolzen. Ich konnte ihm seinen Helm ausziehen, um zu checken, ob alles okay ist. Er hatte Schmerzen im Fuß und in seinen Händen."
Später stellte sich im Krankenhaus heraus, dass der Franzose lediglich leichte Verbrennungen an den Händen davontrug.

Warum zerbrach der Haas beim Aufprall in zwei Teile?

Das amerikanische Team teilte nach dem Rennen mit, dass bei dem Einschlag eine Kraft von 53 g, also dem 53-fachen der Erdanziehungskraft bzw. des eigenen Körpergewichts, gemessen wurde. Zum Vergleich: Ein Eurofighter-Pilot wird darauf trainiert, Kräfte von bis zu 9 g auszuhalten. Astronauten werden beim Raketenstart rund 4 g ausgesetzt. In einem Formel-1-Auto wirken üblicherweise in Kurven bis zu 5 g.
Ein großer Teil der Energie bei Grosjeans Unfall übertrug sich auf die Leitplanke, wodurch diese verbogen wurde und das Monocoque am Ende zwischen den einzelnen Strängen der Leitplanke stecken blieb. Das Auto zerbrach aufgrund der immensen Kräfte letztendlich hinter dem sichersten Teil eines F1-Wagens, dem Monocoque.
Dadurch und dank des vor wenigen Jahren eingeführten Halo sowie des HANS-Systems, das den Nacken schützt, blieb Grosjean zumindest durch den Aufprall unverletzt. Eine Portion Glück war aber sicherlich auch dabei.

Wie überstand Grosjean den 53g-Aufprall?

Der Franzose überlebte den Einschlag dank der Kopf- und Nackenstütze, dem sogenannten HANS-System, das die Bewegung des Helms nach vorne begrenzt und einen Teil der Kräfte auf den Brustkorb ableitet.

Wie verhielt sich das Monocoque während des Unfalls?

Über viele Jahre wurde dieser Teil der heutigen F1-Autos immer weiter verbessert. Von den Füßen bis zum Überrollbügel am hinteren Ende sitzen die Formel-1-Piloten in einer Hülle aus Kohlefaser, einem starren Material, das für seine stoßdämpfenden Eigenschaften bekannt ist.
Der hinter dem Monocoque im Rücken des Fahrers angebrachte Kraftstofftank hielt im Falle von Grosjeans Unfall dem Aufprall wohl nicht stand, wie Haas-Teamchef Günther Steiner vermutete. "Für eine Analyse ist es etwas früh, aber angesichts der Trennung von Vorder- und Rückseite blieb der Kraftstofftank wahrscheinlich nicht intakt", so der 55-Jährige.
Ob dadurch auch die Flammenexplosion ausgelöst wurde, muss noch untersucht werden. Das Monocoque blieb trotz der wirkenden Kräfte und des Feuers nahezu unbeschädigt.

Welche Rolle spielte der Halo-Schutz?

"Es sieht sehr danach aus, dass Halo Romain möglicherweise das Leben gerettet hat", sagte der frühere Weltmeister Damon Hill bei "Sky" schon kurz nach dem Unfall. Auch Teamchef Steiner glaubt, der Cockpitschutz Halo habe Grosjean vor Schlimmerem bewahrt. Spuren am Halo des Unfallautos dokumentierten die Wucht des Crashs: Der Cockpitschutz selbst hatte Schaden genommen, hielt der Belastung aber stand und schützte den Fahrer im Auto.
"Sicher hat's geholfen, geschadet hat es sicher nicht. Ob es ihm das Leben gerettet hat, das kann man nie sagen. Wir können die Halos nicht mehr wegdenken, die sind da, um hier zu bleiben. Man kann nicht genug tun für die Sicherheit. Man braucht ein bisschen Glück, aber man hat gesehen, dass es geholfen hat"; so Steiner.

Warum raste Grosjean in die Leitplanke?

Was den schweren Unfall auslöste, ist bisher nicht vollständig geklärt. Die Untersuchungen der FIA (Automobilweltverband, Anm. d. Red.) dauern noch an. Sicher ist jedoch, dass es kurz zuvor zu einer Berührung zwischen Grosjean und dem AlphaTauri-Piloten Daniil Kvyat kam. Der Haas-Fahrer kollidierte dabei am rechten Vorderrad mit dem Russen.
Haas-Teamchef Günther Steiner meinte hinterher zum Unfallhergang: "Ich weiß nicht, ob er ihn nicht gesehen hat, oder ob er einfach geglaubt hat, er kommt durch. Das spielt auch keine große Rolle im Moment. Es ist wichtig für mich, dass es ihm gut geht. Das hat Zeit."
Möglicherweise könnte aber auch ein Bruch der Radaufhängung oder ein Reifenschaden durch abgebrochene Teile anderer Autos den Crash oder zumindest die Kollision mit Kvyat verursacht haben. In Onboard-Aufnahmen schien kurz vor dem Abflug ein Teil durch die Luft zu fliegen.

Grosjean sendet Videobotschaft - und bedankt sich bei Halo

Wie wurde das medizinische Team informiert?

Formel-1-Fahrer tragen seit 2018 biometrische Handschuhe, die dank eines Sensors in der Handfläche den Puls und die Sauerstoffmenge im Blut in Echtzeit anzeigen. Daher wussten die Formel-1-Ärzte schnell, dass sich der Haas-Pilot nach dem Aufprall bewegte und atmete.
Dank der diversen Sicherheitssysteme und seines Schutzengels wird Grosjean das Krankenhaus bereits am Dienstag verlassen können und höchstwahrscheinlich beim Saisonfinale der Forrmel 1 wieder am Start sein.
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