Wer in der Formel 1 nach einfachen Erklärungen sucht, liegt meistens falsch. Das Grundprinzip, das hinter der ersten Mercedes-Niederlage steckt, scheint aber tatsächlich simpel zu sein: "Wenn man viel Downforce hat", erklärt Teamchef Toto Wolff im Interview mit "Sky", "dann schreit der Reifen natürlich."

"Downforce ist im Regen und im Kalten richtig gut. Der Reifen kommt ins Betriebsfenster. Wenn es heiß ist, geht er über das Betriebsfenster hinaus. Das ist also gleichzeitig Segen und Fluch, dass wir bei den meisten Rennen richtig schnell sind und außer Konkurrenz fahren. Aber bei anderen Rennen, wo der Reifen der limitierende Faktor ist, machen wir den Reifen halt platt", sagt er.

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Das war am Sonntag schön zu beobachten. Bereits in der sechsten Runde musste der Mercedes-Kommandostand seine Fahrer darauf hinweisen, die Reifentemperaturen im Auge zu behalten. Und als Hamilton und Bottas längst auf den zweiten Satz gewechselt hatten und damit schon wieder Probleme meldeten, funkte Verstappen, immer noch auf dem ersten Satz: "Alles bestens."

Bottas staunt über Verstappens Reifen

"Ich habe mir Max' Reifen nach Rennende angeschaut. Die sahen noch wie neu aus", staunt Bottas nicht schlecht. "Die von Lewis und mir waren hingegen komplett mit Blasen überzogen. Da gibt es also offensichtlich einen Unterschied. Woran das liegt, wissen wir noch nicht genau."

Das wirkt sich nicht nur auf die Frage aus, wie weit die Mercedes mit einem Reifensatz kommen. Sondern wenn die Lauffläche der Reifen zu überhitzen droht und sich erste Bläschen im Gummi bilden, muss man dem frühzeitig entgegensteuern, um die Reifen nicht komplett zu verlieren. Das heißt konkret: weniger Gas vor allem in den schnellen Kurven. Ein Performance-Killer.

"Je mehr Downforce du hast, desto mehr nimmst du die Reifen ran", wiederholt sich Wolff. "Jetzt müssen wir schauen, wie wir das Auto feintunen können, um die Reifen ein bisschen zu entlasten. Ich bin wirklich gespannt, wie wir damit in Barcelona zurechtkommen. Wir haben ein paar Tage Zeit, um das alles zu verstehen. Und es gibt nichts Schöneres als eine solche Herausforderung!"

Max Verstappen siegte im Red Bull beim zweiten Rennen in Silverstone innerhalb einer Woche

Fotocredit: Getty Images

Viel tun können die Mercedes-Ingenieure nicht, erklärt Andrew Shovlin: "Wir fliegen am Dienstag raus, fahren wieder am Freitag. Die Wettervorhersage steht bei über 30 Grad. Die Strecke wird ganz ähnlich sein: ein Hochenergie-Layout, viele schnelle Kurven. Uns ist schon klar: Wenn wir das nicht schnell hinbiegen, werden wir auch nächsten Sonntag dumm aus der Wäsche gucken."

Immerhin: "Wir werden die Autos jetzt in den Simulator stecken", kündigt Wolff für die kurze Pause bis Barcelona an. "Es gibt erste Meinungen, warum das alles so gelaufen ist. Ich bin sehr gespannt und aufgeregt, wie wir das dann am Freitag hinkriegen. Ich bin überzeugt, dass wir besser sein werden als heute."

Hamilton verlässt sich jedenfalls nicht darauf, in der grauen (Qualifying-)Theorie das schnellste Auto zu haben: "Vielleicht hätten wir Hard-Medium-Hard fahren können. Aber ich glaube, sie hätten trotzdem gewonnen. Obwohl wir versucht haben, die Reifen zu schonen, sahen sie wirklich übel aus. Am Red Bull konntest du hingegen gar nichts erkennen."

Hamilton fordert: "Zurück ans Zeichenbrett"

Der WM-Leader (30 Punkte Vorsprung auf Verstappen) fordert jetzt entschlossenes Handeln von seinem Team: "Zurück ans Zeichenbrett", sagt er - im Wissen: Was hilft dir das theoretisch schnellste Auto auf eine Runde, wenn du es dann im Rennen wegen des Reifenverschleißes nicht in Siege umsetzen kannst?

Silverstone hat die Schwächen des Mercedes gnadenlos aufgezeigt. Kurven wie Copse, Becketts oder Stowe verlangen den Pirelli-Reifen alles ab. Dass schon am ersten Silverstone-Wochenende an beiden Mercedes die Reifen platzten, war kein Zufall. Durch die um einen Grad härter vorsortierten Gummimischungen war das Problem da aber noch nicht vollumfänglich klar.

Aber jener Soft, der in Silverstone 1 als zu weich empfunden wurde, war in Silverstone 2 der Medium, mit dem ein ordentlicher Rennstint möglich sein musste. Shovlin gibt zu, dass man das Ausmaß unterschätzt haben könnte: "Am ersten Wochenende hatten wir eine Safety-Car-Phase. Daher fuhren wir die meiste Zeit auf dem Hard." Der stand am zweiten Wochenende gar nicht mehr zur Auswahl.

"Wir haben immer gesagt, dass die Tage, an denen wir verlieren, die Tage sind, wo wir am meisten gewinnen - und die Tage, die unsere Gegner fürchten sollten", philosophiert Wolff. "Der heutige Tag hat gezeigt, dass man demütig sein muss. Die Leute haben gesagt, dass die WM durch ist und Mercedes jedes Rennen gewinnen wird. Aber das tun wir nicht."

"Wir hatten schon früher Anzeichen dafür, dass unser relativer Vorsprung nicht mehr so groß ist, je heißer es wird", erklärt er. "Zu sagen, das ist so, wenn es heißer wird, wäre ein bisschen vereinfacht. Wir müssen anerkennen, dass der Red Bull ein sehr schnelles Auto ist, wenn sich gewisse Parameter wie Temperaturen, Reifenmischungen, Reifendrücke ändern. Das haben wir jetzt gesehen."

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