Stuck im Interview zum WM-Finale in Abu Dhabi: Verstappen funkt Norris und Piastri dazwischen

Die Fahrer-Weltmeisterschaft der Formel 1 wird beim letzten Grand Prix der Saison entschieden. In Abu Dhabi kämpfen Titelverteidiger Max Verstappen sowie die beiden McLaren-Piloten Lando Norris und Oscar Piastri um die WM-Krone. Im exklusiven Interview blickt Motorsport-Legende Hans-Joachim Stuck auf den epischen Showdown und erklärt, warum Verstappen "die besten Karten" in seiner Hand hält.

Verstappen profitiert vom McLaren-Fiasko - WM-Kampf spitzt sich zu

Quelle: SID

58 Runden à 5,2 Kilometer, drei Fahrer - ein Titel. Am Sonntag (14:00 Uhr im Liveticker) gipfelt die Formel 1 in einem Finale, das so viele verschiedene Szenarien birgt wie seit 15 Jahren nicht mehr.
Mit einem Vorsprung von zwölf Punkten auf Max Verstappen (396) hält Lando Norris (408) sein Schicksal in der eigenen Hand, mit Oscar Piastri (392) lauert jedoch im eigenen Team eine weitere Gefahr im Kampf um die WM-Krone (WM-Stand).
"Für Norris und Piastri wird es eine brutale Herausforderung, Entscheidungen des Teams - die im schlimmsten Fall gegen sie selbst gerichtet sind - zu befolgen", verweist der ehemalige Formel-1-Pilot Hans-Joachim "Strietzel" Stuck im exklusiven Interview mit Eurosport auf die sogenannten Papaya Rules, die im internen WM-Kampf bei McLaren Fairness und Teamplay priorisieren.
Ein Umstand, der ausgerechnet Verstappen in die Karten spielen könnte. "Mit seiner Erfahrung und Souveränität hat Max die besten Karten in seiner Hand", so Stuck. Und wenn der 28-Jährige seine epische Aufholjagd tatsächlich krönen sollte, "ist er ohne jeden Zweifel der beste Rennfahrer, den wir in der Formel 1 gesehen haben. Dann übertrifft er Legenden wie Michael Schumacher, Ayrton Senna oder Alain Prost."
Die Weltmeisterschaft wird im letzten von 24 Grand Prix entschieden. Mit Lando Norris, Max Verstappen und Oscar Piastri kämpfen drei Fahrer um den Titel - was war das für eine Saison bisher?
Hans-Joachim Stuck: Vor ein paar Monaten hätte man sich das nicht vorstellen können, das hat es seit Jahren nicht mehr gegeben. Der Spannungsbogen hat sich dank der Aufholjagd von Verstappen mit einer enormen Gewalt aufgebaut, von den letzten Rennen wurde man fast schon an den Bildschirm gezwungen. Besser hätte das Jahr für die Formel 1 nicht laufen können.
Dass Verstappen noch eine realistische Chance auf seinen fünften Titel hat, liegt auch am zum Teil fragwürdigen Vorgehen von McLaren. Wie nahmen Sie die skurrile Boxenstrategie der Papayas in Katar wahr?
Stuck: So kontrovers man das auch diskutieren kann, am Ende steht immer ein Team hinter der Entscheidung. Wir kennen die Gründe dafür nicht, letztlich war es ein einfacher Fehler. McLaren wollte auf Nummer sicher spielen, was jedoch in die Hose ging. Einen Vorwurf mache ich ihnen nicht.
Mimik und Gestik von Piastri sprachen dennoch Bände, die umstrittenen Papaya Rules sorgten wieder einmal für Schlagzeilen …
Stuck: Und genau das rechne ich McLaren sehr hoch an! Das Team hätte sich schon deutlich früher für einen Fahrer entscheiden können und den Titel unter Dach und Fach bringen. Darauf haben sie aber verzichtet. Im Sinne der Formel 1 haben sie den Titelkampf offengelassen, dafür sollten sie nicht so scharf kritisiert werden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein teaminternes WM-Rennen jemals so fair abgelaufen ist.
Spannungen zwischen Norris und Piastri sind jedoch nicht zu vermeiden. Wie lange geht das bei McLaren noch gut?
Stuck: Das ist die Millionen-Frage! Beide sitzen im besten Auto auf dem Grid, müssen sich im Sinne der Papaya Rules aber zurückhalten und können sich nicht einfach wilde Beschimpfungen um die Ohren hauen. Tatsächlich ist das im Motorsport eine sensible Frage: Wie stark darf ich mich äußern, ohne mein Team zu verärgern? Der Schleudersitz ist nämlich schnell getätigt.
Wie darf man sich die Woche vor dem Finale bei McLaren vorstellen?
Stuck: Zum Abendessen werden sich Norris und Piastri mit Sicherheit nicht verabreden (lacht). Zwischen den beiden herrscht enorme Spannung.  Und dann kommt auch noch Verstappen dazu! Wie schwierig diese Situation für McLaren ist, kann man sich kaum vorstellen. Max funkt ihnen dazwischen, hat nichts zu verlieren und kann völlig gelassen in dieses Finale gehen. Für Norris und Piastri wird es hingegen eine brutale Herausforderung, Entscheidungen des Teams – die im schlimmsten Fall gegen sie selbst gerichtet sind – zu befolgen. Das ist die eigentliche Geschichte von Abu Dhabi.
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In Singapur feierten Lando Norris (links) und Oscar Piastri (rechts) die Konstrukteurs-WM. Doch wer krönt sich zum alleinigen Weltmeister?

Fotocredit: Getty Images

Ein ordentlicher Krach auf dem Yas Marina Circuit fehlt Norris und Piastri noch zur endgültigen Parallele zu Lewis Hamilton und Fernando Alonso vor 18 Jahren.
Stuck: Wenn sich Norris und Piastri in die Wolle kriegen, dann kann alles passieren. Die Verträge sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sind. Ein Team kann jeden Fahrer rausschmeißen, sobald es nicht mehr passt. In der Geschichte gibt es aber auch einige Piloten, die ihre Verträge nicht eingehalten haben. In der Hinsicht ist alles offen. Aber vielleicht wird es auch völlig unspannend und alle drei Titelkandidaten fliegen in der ersten Kurve raus …
Es würde nur zu gut in die Reihe an denkwürdigen WM-Finals passen: Man denke an Kimi Raikkönen (2007), Lewis Hamilton (2008), Sebastian Vettel (2010) oder Verstappen (2021). Wen sehen Sie am Ende vorn?
Stuck: In meinem Kopf krönt sich Verstappen zum Weltmeister. Von den drei Kandidaten geht er am gelassensten in das Finale: Gewinnt er, huldigen ihm alle. Eine Niederlage ist aber auch kein Problem, weil vor ein paar Monaten ihn niemand auf dem Zettel gehabt hat. Mit seiner Erfahrung und Souveränität hat Max die besten Karten in seiner Hand. Er holt immer das Maximum aus seinem Auto, Fehler macht er sowieso keine. Unter normalen Umständen fährt er den Titel nach Hause.
Vettel startete bei seinem ersten WM-Titel vor 15 Jahren von einer ähnlichen Position wie Verstappen ins Rennen, den Rückstand von 15 WM-Punkten machte er auch dank der Motorenkollegen Robert Kubica und Vitali Petrov wett. Können Sie sich ein solches Szenario für Verstappen vorstellen?
Stuck: Absolut!  Wenn sein Teamkollege Yuki Tsunoda oder auch Isack Hadjar und Liam Lawson in den Racing Bulls die Möglichkeit haben sollten, Verstappen anzugreifen, werden sie zu 100 Prozent zurückgepfiffen. Intern sind dort alle darauf getrimmt, um ihm bestmöglich unter die Arme zu greifen.
Wäre auch eine kontroverse Unterstützung – wie das absichtliche Erzwingen eines Safety Cars – vorstellbar?
Stuck: Das glaube ich nicht. Ein solches Vorgehen will ich prinzipiell ausschließen. Wenn es passiert, dann haben wir ein größeres Problem. So würde sich die Formel 1 selbst infrage stellen. Alle Beteiligten wissen, wo die Grenzen liegen.
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Max Verstappen peilt seinen fünften WM-Titel in Folge an

Fotocredit: Getty Images

Sollte Verstappen diesen Titel tatsächlich noch gewinnen: Wo in der Geschichte würde ihn dieser Triumph platzieren?
Stuck: Wenn sich Max zum Weltmeister krönt, ist er ohne jeden Zweifel der beste Rennfahrer, den wir in der Formel 1 gesehen haben. Dann übertrifft er Legenden wie Michael Schumacher, Ayrton Senna oder Alain Prost. Niemandem ist ein solches Kunststück gelungen.
Was würde ein Verstappen-Triumph über McLaren aussagen?
Stuck: McLaren wird definitiv aus dieser Saison gelernt haben. Im Vergleich zu Verstappen und Red Bull gibt es diese Konstellation noch nicht so lange, ihre Probleme waren also Kinderkrankheiten. Für die kommenden Jahre ist es wichtig, aus diesen Fehlern zu lernen und im Titelkampf neu anzugreifen.
Für Verstappen-Teamkollege Tsunoda wird es das letzte Rennen im Red Bull sein. Wie schätzen sie die Entscheidung pro Hadjar ein?
Stuck: Er bringt sehr viel Potenzial mit, darauf darf man gespannt sein! Tsunoda musste sich voll und ganz nach Verstappen richten, Hadjar lässt sich das nicht gefallen. Für mich war Isack von Anfang an sehr präsent auf dem Grid, ist tolle Manöver gefahren und hat insgesamt überzeugt. Meiner Meinung nach ist er eine Persönlichkeit, die Verstappen mehr entgegensetzen kann als Tsunoda. Für Red Bull ist es besser, zwei Eisen im Feuer zu haben – das hat man in dieser Saison gesehen. Tsunoda konnte Max einfach nicht das Wasser reichen. Hadjar wirkt angriffslustig und hat ordentlich Biss. Das ist die Chance seines Lebens.
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Verstappen brennt auf Hattrick - Rekordjagd zwischen Red Bull und McLaren

Quelle: Perform


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