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Hans-Joachim Stuck exklusiv zur Gullydeckel-Affäre in Las Vegas um Carlos Sainz: "Sind die völlig bescheuert?"
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Publiziert 20/11/2023 um 17:42 GMT+1 Uhr
Die Gullydeckel-Affäre um Carlos Sainz hat für einen Holper-Start bei der Premiere des Grand Prix von Las Vegas gesorgt. "Es ist für mich unverständlich, dass so etwas noch passieren kann", erklärt Hans-Joachim Stuck im exklusiven Interview mit Eurosport.de und blickt auf einen ähnlichen Vorfall während seiner Laufbahn. Trotz des Gully-Wirbels stellt er der Formel 1 ein sehr gutes Zeugnis aus.
Carlos Sainz hat beim Grand Prix von Las Vegas einen Schreckmoment erlebt
Fotocredit: Imago
Acht Minuten war der Auftakt beim Grand Prix von Las Vegas alt, ehe das 1. Freie Training abgebrochen werden musste. Die Ursache für den peinlichen Fehlstart: ein herumfliegender Gullydeckel. "Es ist für mich unverständlich, dass so etwas noch passieren kann", blickt Hans-Joachim Stuck im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de auf den ungewöhnlichen Vorfall zurück.
Die Strafe für Pechvogel Carlos Sainz, dessen Unterboden von dem losen Kanaldeckel zerstört wurde, konnte er indes nicht nachvollziehen. "Das soll mir mal einer erklären. Sind die jetzt völlig bescheuert geworden?", kritisiert er die FIA für die Strafversetzung des Spaniers, nachdem Ferrari einige Teile an dessen Boliden austauschen musste.
Trotz dieser Farce zum Beginn des Grand Prix stellt Stuck den Organisatoren in Nevada ein sehr gutes Zeugnis aus. "Die Formel 1 wurde in Las Vegas ihrer Stellung als Gipfel des Motorsports absolut gerecht", schwärmt er mit Hinblick auf das gebotene Spektakel im Spielerparadis. "Wenn man das Wochenende insgesamt betrachtet - vom Gullydeckel bis zum Ergebnis - dann gebe ich 90 von 100 Punkten."
Weltmeister Max Verstappen fiel dem 72-Jährigen hingegen negativ auf - sowohl auf als auch neben der Strecke. "Da hat er gelogen", analysiert er den umstrittenen Vorfall mit Charles Leclerc in Kurve eins. Verstappens scharfe Kritik an der pompösen Inszenierung in Las Vegas kann Stuck im Interview ebenfalls nicht nachvollziehen.
Herr Stuck, hatten Sie in Ihrer Laufbahn als Rennfahrer schon mal Probleme mit herumfliegenden Gullydeckeln?
Hans-Joachim Stuck: Tatsächlich indirekt! Es war bei der Langstrecken-WM 1990 in Montreal. Damals hat ein Porsche 962 einen Gullydeckel durch Unterdruck hochgesaugt und durch die Luft gewirbelt. Der Deckel ist schließlich drei Zentimeter hinter dem Rücken von Jesús Pareja im Porsche von Team Brun Motorsport eingeschlagen, das Auto hat Feuer gefangen. Er hat riesiges Glück gehabt, das war eine brutale Aktion.
Umso bedenklicher, dass sich ein derartiger Vorfall beim Grand Prix von Las Vegas nun wiederholt hat...
Stuck: Es ist für mich unverständlich, dass so etwas noch passieren kann. Ich weiß, wie ein Streckenprotokoll aussieht, das vor einem Grand Prix durchgeführt wird. Daher verstehe ich nicht, wie das vorfallen konnte. Das ist einfach ein Aufmerksamkeitsfehler und sehr bedauerlich. Was ich darüber hinaus nicht nachvollziehen kann, ist die Strafe für Carlos Sainz, der absolut nichts dafür kann. Das soll mir mal einer erklären. Sind die jetzt völlig bescheuert geworden?
Lose Teile auf der Strecke haben ja bereits in der Vergangenheit für schwere Unfälle gesorgt.
Stuck: Wenn sich von Sainz' Auto ein Teil löst und jemanden dahinter trifft - das wäre eine Katastrophe. Die Leute bei der FIA haben das ganz einfach verpennt. Auf dem Niveau darf das nicht passieren.
Neben der Gullydeckel-Affäre sorgten die scharfe Kritik von Max Verstappen vor dem Grand Prix und der Rausschmiss der Fans am Freitag für negative Schlagzeilen. Wie lautet Ihr Fazit nach der Premiere des neuen Stadtkurses?
Stuck: Wenn man das Wochenende insgesamt betrachtet - vom Gullydeckel bis zum Ergebnis - dann gebe ich 90 von 100 Punkten. Dass es bei der Premiere hier und da Probleme gibt, ist verständlich. Eine Frage ist zum Beispiel, ob man das Rennen wirklich in der Nacht abhalten muss. Für Las Vegas mag das vielleicht passen, aber ist es die Umstände wert? Verstappen bewundere ich auch als Menschen wirklich sehr. Seine Aussage, dass er sich wie ein Clown fühlt, kann ich aber überhaupt nicht nachvollziehen. Er muss verstehen, dass der Motorsport auch für die Fans gemacht wird. Wenn ich mich hinstellen und ein nettes Grinsen aufsetzen muss, dann mache ich das eben. Das gehört einfach dazu.
Toto Wolff hielt nach dem Abbruch des 1. Freien Trainings ein flammendes Plädoyer für die Organisatoren, die "den Sport größer machen als je zuvor". Hat die Formel 1 mit Las Vegas ein neues Level erreicht?
Stuck: Die Formel 1 wurde in Las Vegas ihrer Stellung als Gipfel des Motorsports absolut gerecht. Sie hat gezeigt, wo es langgeht und sogar noch einen draufgelegt. Ich hoffe, dass es so bleibt. Häufig merkt man gar nicht, was hinter einer solchen Veranstaltung steckt. Projekte wie die riesige Sphere [kugelförmige Eventhalle; Anm.d.Red.] müssen auch erst einmal geplant, gebaut und geprüft werden. Zudem werden sie von der Premiere sicher lernen und es im nächsten Jahr noch besser machen. Durch Fehler sammelt man Erfahrung.
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Die Sphere at the Venetian Resort beim Grand Prix von Las Vegas
Fotocredit: Imago
Schnelle Kurven, brutale Manöver, Spannung bis zum Schluss - Las Vegas weckte Erinnerungen an das Debüt des GP von Jeddah im Jahr 2021. Liegt die Zukunft der Formel 1 vorwiegend auf solch rasanten Stadtkursen?
Stuck: Ich würde sagen, dass das jetzige Verhältnis so in Ordnung geht. Zu viele Stadtkurse im Rennkalender zu haben, ist nämlich auch Nichts. Mit Monaco, Baku, Miami, Jeddah und Las Vegas haben wir fünf Stadtkurse - das sollte auch reichen. Wenn sich mal etwas ergibt, kann man das gerne dazunehmen. Zur Zukunft gehören Stadtkurse natürlich dazu, aber das aktuelle Verhältnis halte ich für angebracht.
Für Aufsehen sorgte das Überholmanöver von Verstappen gegen Leclerc in Kurve eins. Verstappen gab die Position nicht zurück und saß eine Fünf-Sekunden-Strafe ab. Leclerc sprach nach dem Rennen davon, dass die FIA den Positionstausch hätte erzwingen müssen, da er reifentechnisch hinter Verstappen im Nachteil gewesen sei. Wie wären Sie in dieser Situation vorgegangen?
Stuck: Zunächst muss ich auf folgendes Detail hinweisen, da ich mir die Szene in der Wiederholung angeschaut habe. Verstappen behauptete, dass er eingelenkt und das Auto nicht reagiert hat - da hat er gelogen. Er hat nicht versucht, den Vorfall durch ein stärkeres Einlenken zu vermeiden. Da hat er geschwindelt. Verstappen hat die Linie gehalten und keine Rücksicht auf Leclerc genommen. Für mich war nur unverständlich, dass man den Platztausch nicht durchgezogen hat. Dann wäre die Angelegenheit geregelt gewesen. Der Tausch wäre aus meiner Sicht die bessere Lösung gewesen.
Frederic Vasseur meinte angesichts der Leclerc-Show, dass Ferrari nicht mehr weit vom Anschluss an Red Bull entfernt sei. Steckt in der Scuderia doch mehr als bislang angenommen?
Stuck: Das ist immer von der Strecke abhängig. Einmal läuft es besser, das andere Mal etwas schlechter. Las Vegas ist eine Strecke, auf der Motorleistung ein großes Thema ist. Dort ist Ferrari gut dabei, das ist bekannt. Zudem: Wenn man einem Team wie Red Bull hinterherfährt, dann entwickelt man an der Stelle von Ferrari immer nach - auch wenn es nur kleine Dinge sind. Dadurch hat Ferrari von Rennen zu Rennen aufgeholt, ihre Leistung in Las Vegas war gut. Aus meiner Erfahrung würde ich aber sagen, dass ihnen die Strecke auch gut entgegenkam.
Lediglich vier Punkte trennen Ferrari und Mercedes im Kampf um die Vize-WM. Wer hat am Ende die Nase vorn?
Stuck: Mein Gefühl sagt mir, dass Mercedes es für sich entscheidet. Toto Wolff wird noch einmal alles, was ihm zur Verfügung steht, zusammenkratzen, um zumindest diesen Titel zu holen. Ich traue ihnen zu, einen weiteren Schritt nach vorn zu machen. Zudem gehe ich davon aus, dass die Strecke Mercedes etwas mehr liegt. Wenn ich wetten müsste, würde ich auf Mercedes setzen.
Sergio Pérez hat seinen Vize-Titel indes bereits sicher, verlor jedoch wie bereits in Brasilien auf den letzten Metern ein wichtiges Duell. Wie hat sich der Mexikaner Ihrer Meinung nach geschlagen?
Stuck: Pérez weiß natürlich, dass er liefern muss. An das Niveau von Verstappen kommt er nicht ganz ran, aber er lernt dazu. Am eigenen Teamkollegen kann man sich immer am besten messen. Wenn er langsamer ist, muss er in den Telemetrie-Daten nachschauen, wo Verstappen bremst, einlenkt oder Gas gibt. Wenn Pérez schlau ist, dann lernt er das und versucht gleichzuziehen. Wir wissen um die Gerüchte, dass er im Winter ausgetauscht werden soll. Doch außer den direkt Beteiligten weiß niemand, wie es weitergeht. Aus seiner Sicht ist es nun eminent wichtig, eine positive Visitenkarte abzugeben.
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Quelle: Perform
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