Wenn Sebastian Vettel am Wochenende in seine womöglich letzte Formel-1-Saison startet, dürfte sich der viermalige Weltmeister ein wenig vorkommen wie früher auf der Kartbahn. Das zuweilen einem Bienenstock gleichende Fahrerlager wird ihm wie ausgestorben vorkommen. Keine VIPs, die ihre bunten Getränke schlürfen, kaum Journalisten, die neugierige Blicke in die Boxen werfen.
Eigentlich paradiesisch für einen Motorsport-Puristen wie Vettel, der das Drumherum oft als lästige Begleiterscheinung seines Berufs empfindet. Davon ist der Ferrari-Pilot bis auf Weiteres "befreit", doch der Anlass für die Abkehr von der Show ist ernst.
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Masken, Abstandsregeln, Coronatests und leere Tribünen sind in Zeiten der Pandemie die Realität im Sport und damit auch in der Formel 1, die am Sonntag (15:10 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) auf dem Red-Bull-Ring im österreichischen Spielberg mit 112 Tagen Verzögerung und so spät wie nie in ihre Saison startet.

F1: Teams in unterschiedlichen Hotels

Das 78 Seiten starke Hygienekonzept des Automobil-Weltverbandes FIA soll dafür sorgen, dass das Motorsportjahr doch noch einen glimpflichen Verlauf nimmt. Hierzu gilt der Grundsatz: Minimales Personal, maximale Isolation.
Die Teams, die jeweils von den anderen Rennställen abgeschottet in unterschiedlichen Hotels leben werden, müssen ihre Mitarbeiterzahl an der Strecke drastisch reduzieren. TV-Rechteinhaber wie "RTL" und "Sky" berichten notgedrungen aus der Heimat, der Medientross vor Ort ist auf ein Minimum eingestampft. Streckenposten oder Rettungskräfte hingegen bleiben selbstredend systemrelevant für den Formel-1-Betrieb.

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Dafür wird es keine Champagnerdusche bei der Siegerehrung geben. Das Ballyhoo in der Startaufstellung entfällt ebenso wie die Fahrerparade - für wen sollte sie auch stattfinden, wenn keine Zuschauer vor Ort sind.
Auch die Arbeit an den Rennwagen wird sich grundlegend verändern. Das Einhalten der vorgeschriebenen Abstände verkompliziert vor allem die Arbeit der Mechaniker. Jede normalerweise routinemäßige Reparatur könnte zum GAU werden, weil mehr Zeit eingeplant werden muss.

Formel 1: Acht Renntermine bestätigt

"Es darf nur eine gewisse Zahl an Teammitgliedern zur gleichen Zeit am Auto arbeiten. Das begrenzt die Geschwindigkeit, mit der du zum Beispiel die Power Unit wechseln kannst. Wenn das erforderlich ist, wird es sehr herausfordernd", sagt Andy Green, Technischer Direktor bei Racing Point.
All diese Einschränkungen setzen der Formel 1, in Zeiten der Klimaschutz-Debatte ohnehin angezählt, weiter zu. Doch sämtliche Parteien nehmen dies in Kauf, immerhin steht die Existenz mehrerer Teams und damit der Fortbestand der gesamten Serie auf dem Spiel.
Acht Renntermine bis Anfang September sind bislang bestätigt. 15 Grand Prix müssen mindestens gefahren werden, damit die Formel 1 nicht mit den TV-Anstalten nachverhandeln muss. Um diese magische Zahl irgendwie zu erreichen, wird vieles in Kauf genommen. So ist weiterhin nicht ausgeschlossen, dass die WM entgegen der ursprünglichen Pläne auch im Herbst noch in Europa und nicht in Asien oder Amerika fortgesetzt wird.
Anders als beim ursprünglich geplanten Saisonstart Mitte März in Australien, als ein positiver Coronatest zur Absage der gesamten Veranstaltung führte, sehen sich die Verantwortlichen mit dem neuen Konzept dafür gewappnet, Infizierte isolieren und eine Ausbreitung des Virus verhindern zu können. Nur auf der Strecke gelten andere Regeln, da sollen sich die Autos möglichst nahe kommen. Zumindest das wäre gut für die Show.
(SID)
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