"Sind das Tränen, mein Freund?", fragte der Boxenfunk nach der Zieldurchfahrt beim Großen Preis von Österreich in Richtung Lando Norris. "Definitiv nein", antwortete der junge Brite. Und doch waren die Tränen im Cockpit des McLaren-Fahrers deutlich wahrzunehmen. Aber es waren positive Tränen. Tränen der Freude.
Denn Norris feierte beim Saisonauftakt in Spielberg mit einem sensationellen dritten Platz das erste Podium seiner noch jungen Rennfahrerkarriere. Dabei zeigte der 20-Jährige ein perfektes Finish. In 1:07,475 Minuten schnappte er sich in der letzten Runde nicht nur den Zusatzpunkt für die schnellste Runde des Rennens, sondern verkürzte den Rückstand auf den als Zweiten über die Ziellinie fahrenden Lewis Hamilton (Mercedes) auf 4,8 Sekunden.
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Wegen einer 5-Sekunden-Strafe fiel der sechsmalige Weltmeister von Rang zwei auf die vier zurück – und Norris rückte von der vier auf die drei vor. Der Youngster genoss im Anschluss zum ersten Mal in der Formel 1 den Champagnergeschmack bei der Siegerehrung.
"Lando hat den nächsten Schritt gemacht und da wird in Zukunft noch viel mehr kommen", prognostizierte McLaren-Teamchef Andreas Seidl.

Norris zeigt überragenden Saisonstart

Dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war, bestätigte der Brite schon eine Woche später erneut auf dem Red-Bull-Ring. Beim Großen Preis der Steiermark fuhr Norris auf Rang fünf. Erstaunlich dabei: Wieder legte der McLaren-Pilot einen herausragenden Schlussspurt in den letzten zwei Runden hin und schob sich von Platz acht noch auf die fünf vor.
"In diesem Jahr scheint er mit mehr Aggressivität zu fahren, und das nutzt er zu seinem Vorteil aus. Sein neu gewonnenes Gefühl für Opportunismus wurde perfekt eingefangen, als er Ricciardo, Stroll und Pérez beim GP der Steiermark überholte", erklärt James Kilpatrick, Formel-1-Experte von Eurosport in Großbritannien.

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Bereits in seiner ersten Saison 2019 erzielte Norris ordentliche Ergebnisse und setzte seinen Teamkollegen Carlos Sainz unter Druck. Mit 11:10 ging sogar das Qualifying-Duell an den damals 19-jährigen jüngsten britischen Debütanten in der Geschichte der F1. Doch Sainz zeigte vor allen in den Rennen seine Klasse und fuhr deutlich mehr Zähler ein (96 zu 49). Norris belegte am Ende Rang elf in der WM-Wertung. Für einen Rookie ein sehr gutes Ergebnis, allerdings fehlte ihm in vielen direkten Duellen auf der Strecke noch das Selbstbewusstsein, die letzte Überzeugung.
Sein Start in die neue Saison konnte hingegen kaum besser laufen. Norris lieferte zwei grandiose Leistungen ab und liegt im WM-Klassement mit 26 Punkten auf Rang drei der Fahrerwertung, hinter dem Mercedes-Duo Valtteri Bottas und Hamilton.

Hamilton und Norris mit vergleichbaren Karrieren

Die Parallelen in den Karrieren zwischen Norris und Hamilton sind dabei kaum zu übersehen. "Lustigerweise lässt sich Norris wahrscheinlich mehr als jeder andere F1-Fahrer mit Lewis Hamilton vergleichen, da sie ähnliche frühe Karriereverläufe geteilt haben. Sie waren in verschiedenen Epochen zwei junge britische Fahrer, die sich einem der historischsten Teams (McLaren) in diesem Sport anschlossen haben, um ihre F1-Karrieren zu beginnen", macht Kilpatrick klar.
Beide begannen, wie für Rennfahrer üblich, ihre Laufbahnen bereits im früheren Alter mit dem Kartsport. Hamilton und Norris wurden dort beide bereits in jungen Jahren Weltmeister. Hamilton gewann zudem den Meistertitel in der Formel Renault, der Formel 3 sowie der GP2 und wurde bereits früh in seiner Karriere von Ex-Mclaren-Boss Ron Dennis in das Nachwuchsförderprogramm des Traditionsteams aufgenommen. 2007 debütierte er in der F1 für das Team aus Woking.

Lando Norris (links) im Duell auf der Rennstrecke mit Lewis Hamilton

Fotocredit: Getty Images

Norris triumphierte unter anderem in der britischen Formel-4-Meisterschaft, in der Formel 3 und wurde hinter George Russell (Williams) 2018 Zweiter in der Formel 2. Auch er bekam frühzeitig einen Platz im Nachwuchsprogramm von McLaren – mit der Aussicht auf ein F1-Cockpit. 2019 ging sein Traum dann in Erfüllung.
"Norris' Leistungen in Österreich sind den F1-Fans in Großbritannien ins Auge gefallen. Die Vorstellung aus Hamilton und Norris - zwei Briten - Rennsportrivalen zu machen, ist eine verlockende Aussicht", meint Kilpatrick.

Lando Norris: Sunnyboy mit Faible für Videospiele

Außerhalb der Rennstrecke glänzt Norris – ähnlich wie Hamilton – durch seine hohe Präsenz in den sozialen Medien. Der Mann mit der Startnummer vier auf dem Auto lässt dort insbesondere seine Fans an seinen virtuellen Autorennen auf der Konsole teilhaben. Diese streamt er häufig über die Plattform Twitch.
Norris tritt zudem für das Team Redline, bei dem auch Red-Bull-Star Max Verstappen mitfährt, bei größeren Veranstaltungen in Sim-Racing-Spielen an. Aber auch bei anderen Videospielen ist der Youngster aktiv.
Mit Hinblick auf den Großen Preis von Ungarn (am Sonntag, 19. Juli, ab 15:10 Uhr im Eurosport Liveticker) vor den Toren von Budapest, bei dem die Fahrer aufgrund der Corona-Pandemie ihre Blase nicht verlassen und nur zwischen Hotel und Rennstrecke pendeln dürfen, meinte Norris: "Jeden Tag Zimmerservice, Netflix gucken, Call of Duty spielen – das ist eigentlich genau mein Ding."
Der McLaren-Pilot gilt als verspielt, ist immer gut gelaunt und nimmt sich nicht so ernst. Gefördert wird er von seinem Vater Adam, der zu den 1000 reichsten Menschen des Vereinigten Königreichs zählt und viel in die Karriere des Sohnemanns investiert. Die Leistungen des Sprösslings zeigen aber, dass Norris alles andere als ein Paydriver ist.
Im Gegenteil.
Ex-McLaren-Renndirektor Éric Boullier hat das Talent von Norris bereits 2017 bei einem F1-Test in Ungarn erkannt: "Lando hat uns mit seiner Reife, Professionalität und mit seinem Tempo beeindruckt. Er hat das Potenzial in Zukunft ein Star zu sein." Norris ist drei Jahre später auf dem besten Weg dahin.
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McLaren: Norris freut sich auf Mercedes-Motoren

Um ein Siegfahrer in der Motorsport-Königsklasse zu werden und um den WM-Titel zu kämpfen, braucht Norris allerdings auch ein schnelles Auto. Die Entwicklungsschritte, die McLaren in den vergangenen beiden Jahren gemacht hat, sind riesig. Allerdings ist das noch längst nicht genug.
Noch ist der Traditionsrennstall von der Pace her weit hinter Mercedes und Red Bull. Die Briten bewegen sich derzeit auf Augenhöhe mit Ferrari und Racing Point. Zu wenig für ein Team, das in der F1-Geschichte bereits zwölfmal den Fahrer- sowie achtmal den Konstrukteurstitel gewann.
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Daher blickt Norris auch bereits mit Vorfreude auf das kommende Jahr, wenn McLaren wieder mit Mercedes-Motoren startet. Die Erwartungen sind aufgrund der vielen Erfolge dieser Partnerschaft in der Vergangenheit riesengroß. "Als ich aufgewachsen bin, waren McLaren und Mercedes zusammen. Das ist meine erste Erinnerung an die Formel 1 und McLaren. Wir glauben, dass uns die Mercedes-Motoren nach vorne bringen werden", sagte der 20-Jährige bei "RTL".

Verstehen sich prächtig und fahren ab 2021 gemeinsam für McLaren: Lando Norris (links) und Daniel Ricciardo

Fotocredit: Getty Images

Dann wird Norris übrigens einen neuen Teamkollegen an seiner Seite begrüßen. Da Sainz Sebastian Vettel bei Ferrari ablösen wird, haben die Engländer Ricciardo als Nachfolger des Spaniers verpflichtet. Mit dem 31-Jährigen versteht sich Norris prächtig. Die beiden gelten als die Sunnyboys der F1. Der Australier ist zudem ein echter Siegfahrer (7 GP-Siege mit Red Bull) und gilt als einer der schnellsten Piloten im Feld.
"Norris dürfte viel von Ricciardos enormer Erfahrung lernen. Aber Norris wird dann wahrscheinlich ein höheres Maß an Rivalität erleben, als er diese mit Sainz hatte, da beide regelmäßig um Podestplätze kämpfen werden", ist sich Eurosport-Experte James Kilpatrick aus Großbritannien sicher.
Der letzte Weltmeister im McLaren war übrigens 2008 ein gewisser Lewis Hamilton. Lando Norris muss auf dem Weg zum neuen Hamilton also in unfassbar große Fußstapfen treten. Aber der 20-Jährige bringt das Potenzial mit, diese auszufüllen. Der Saisonauftakt in Österreich war dafür ein erster Beleg.
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