Diese Geschichte erzählt Lewis Hamilton besonders gerne, um zu erklären, wie alles begann. Gerade acht Jahre war er alt, seine Eltern waren geschieden, und der teure Kartsport war eine echte Belastung. Die Karriere hätte schon damals enden können, Jahre bevor sie wirklich begann. Doch Vater Anthony schulterte drei Jobs gleichzeitig, der kleine Lewis schlief auf einer Klappcouch in einem winzigen Apartment, und irgendwie genügte es, um weiterzumachen - den Rest übernahm der Sohn am Lenkrad.

Denn an Talent mangelte es ja nicht, das Selbstvertrauen war auch kein Problem. Als Zehnjähriger ging Hamilton bei einer Motorsportgala auf den damaligen McLaren-Teamchef Ron Dennis zu. "Ich will eines Tages für Ihr Team fahren und Formel-1-Weltmeister werden", sagte er. Gesagt, getan.

Grand Prix Türkei
Hamilton holt sich siebten WM-Titel: "Übertrifft all meine Träume"
15/11/2020 AM 11:55

Charakterschule in Istanbul

Erstmal stand allerdings der beschwerliche Weg durch die Nachwuchsserien an. Hamilton hatte Erfolg, doch er flog ihm nicht zu. Die Titel in der Britischen Formel Renault (2003) und in der Formel-3-Euroserie (2005) gewann er jeweils mit zwei Jahren Anlauf - in der GP2, dem direkten Unterbau der Formel 1, lief es dann anders, gleich beim ersten Anlauf wurde er 2006 Meister. Nun, da er den siebten WM-Titel in der Türkei perfekt gemacht hat, kommt Hamilton aus diesem Jahr ein ganz bestimmtest Rennen in den Sinn: Die GP2 in Istanbul, August 2006.

Der Titel war greifbar, doch Hamilton fiel nach einem Dreher weit zurück. "Ich habe in dem Jahr so viel Druck gespürt", erinnert er sich, der Sprung in die Formel 1 schien möglich, er wollte, musste daher die GP2 gewinnen. Und dann dieser frühe Fehler. "Doch danach", sagt Hamilton, "fuhr ich das Rennen meines Lebens, landete noch auf Rang zwei, holte später den Titel und sicherte damit wohl meine Zukunft". Er habe damals gelernt "niemals aufzugeben, auch wenn es unmöglich scheint".

Versprochen ist versprochen

12 Jahre nach dem ersten "Bewerbungsgespräch" bei Ron Dennis landete Hamilton 2007 also wirklich in der Formel 1, bei McLaren. Dennis hielt große Stücke auf seinen Ziehsohn. Und hatte ihn wohl doch unterschätzt, sowohl die Schnelligkeit, als auch den Ehrgeiz. Denn Dennis steckte ihn mit dem amtierenden Weltmeister Fernando Alonso in ein Team, Hamilton aber hatte nicht den Anspruch, an der Seite des Spaniers zu wachsen. Er wollte gewinnen.

Und so eskalierte dieses Teamduell so sehr, dass der Titel letztlich an Ferrari und Kimi Räikkönen ging. Alonso ergriff nach nur einem Jahr die Flucht, bei McLaren brauchte man ihn nicht mehr. Man hatte ja Hamilton. Und der machte schon in der folgenden Saison Teil zwei seiner Ankündigung wahr: Er holte den WM-Titel nach Woking.

Unschlagbar im Silberpfeil

Wäre Mercedes nicht so hartnäckig gewesen, vielleicht hätte Hamilton dann das größte Glück seiner Karriere einfach liegen gelassen. Nach dem WM-Jahr 2008 bei McLaren genügte es nicht mehr zum Titel, auch, weil das Auto dies zu oft nicht hergab. Und dennoch: Als Mercedes 2012 in Person des dreimaligen Weltmeisters Niki Lauda erstmals anklopfte, "da war ich nicht wirklich überzeugt", erinnert sich Hamilton. Warum auch? Das Werksteam war seit 2010 wieder in der Formel 1, wusste aber nicht zu beeindrucken. Von McLaren zu Mercedes, das klang nach Rückschritt.

Doch Teamchef Ross Brawn blieb dran, "wir tranken Tee im Haus meiner Mutter, Ross erzählte mir von den Plänen, von den Veränderungen, die kommen würden". Hamilton sagte also ja, und er sollte es nicht bereuen. Im Hintergrund hatte Mercedes alles auf die neue Ära der Turbo-Hybridmotoren ausgerichtet, und als diese 2014 begann, waren die Silberpfeile nicht mehr zu schlagen. Das gilt bis heute, der Weg zum Schumacher-Rekord war geebnet.

Niederlage gegen Rosberg

Was Hamilton nun noch tun musste: Seinen Teamkollegen schlagen. Das gelang ihm seither fast immer, oft sogar souverän. Nur ein Jahr bleibt hängen: 2016, die Niederlage gegen seinen Jugendkumpel Nico Rosberg. Die zeigte, dass auch der Engländer nicht unschlagbar ist. Bei der Rückschau auf diesen verlorenen Titel zeigt sich Hamilton nicht immer souverän. Er habe eben auch viel Pech gehabt in diesem Jahr, zudem, so deutet er gerne an, habe Rosberg nicht fair gespielt: "Es sind Dinge im Hintergrund passiert, die den Leuten nicht bewusst sind."

Sagt Hamilton, der in engen Teamduellen ja selbst ganz gerne alle Register zieht. Irgendwann, so seine Ankündigung, werde er ein Buch schreiben, und da werde auch das Jahr 2016 erklärt. Deutlich mehr Raum dürfte aber der Weg zum Gipfel einnehmen, den er am 15. November 2020 in Istanbul erreicht hat.

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