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Formel-E-Pilot Maximilian Günther im Interview vor dem Rennen in Marrakesch

Günther über die Formel E: "Das stärkste Fahrerfeld im gesamten Motorsport"

12/01/2019 um 09:40

Maximilian Günther ist der jüngste Fahrer in der Formel E. Der 21-Jährige ist vor dieser Saison beim US-Team GEOX Dragon vom Test- zum Stammfahrer aufgestiegen. Im Exklusiv-Interview spricht der Deutsch-Österreicher über seinen verkorksten Auftakt in Saudi Arabien, welche Sternzeichen-Eigenschaften ihm als Rennfahrer entgegenkommen - und eine steile These von Nico Rosberg.

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Das Interview führte Björn Hesse

Vor wenigen Wochen gab es den Auftakt zur 5. Formel E Saison in Saudi Arabien: 6 neue Fahrer, neues Gen2 Car, neue Strecken, neue Features. Bei Deiner Premiere warst Du immerhin ins Ziel gekommen. Was waren Deine Eindrücke vom ersten Rennen?

Dein Teamkollege Jose Maria Lopez startete zuletzt von Platz 2 ins Rennen und lag auch zwischendurch auf einem Podiumsplatz, bis er ausscheiden musste. Die Entwicklung von GEOX Dragon verläuft steil nach oben…

Günther: Wir befanden uns vor der Saison ein bisschen wie im Blindflug. Testfahrten haben nicht allzu große Aussagekraft. Unser Ziel ist es natürlich vorne mit zu fahren und Erfolge einzufahren. Wir wollen schnell sein, aber waren dann auch sehr positiv überrascht. Wir sind im Endeffekt das kleinste Team, ein Privatteam, kämpfen fast ausschließlich gegen Automobilhersteller mit viel Erfahrung und vielen Möglichkeiten. Für uns war der Beginn in Riad eine gute Momentaufnahme, aber dennoch würde ich nicht in Euphorie verfallen. Es gab viele Teams, die unter Wert geschlagen wurden.

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Der Attack Mode sorgte im ersten Rennen für viele Diskussionen im Fahrerlager. Es war eigentlich als taktisches Element gedacht, aber bei "Pechito" Lopez ging das Ganze nach hinten los und er verlor 2 Positionen, beim Versuch über die Attack Zone zu fahren. Lässt GEOX Dragon jetzt eher die Finger davon?

Günther: Riad war für alle Neuland und wir haben alle erste große Erfahrungen gesammelt. Die Anzahl der Aktivierungen wird bei jedem Rennen unterschiedlich vorgeschrieben. Diese müssen wir nutzen, sonst drohen Durchfahrtsstrafen. Wann wir das machen ist uns zuzuschreiben. Das wird aus taktischer Sicht bei den nächsten Rennen spannend. Da wird es auch von Seiten der Formel E noch Änderungen geben, um den Attack Mode noch wirkungsvoller zu gestalten. Spätestens eine Stunde vor dem Rennen wird bekannt gegeben, wo sich der Attack Mode befindet. Da muss man als Team sehr offen und spontan reagieren können. Ich finde das Konzept cool. Hat natürlich alles seine Eigenheiten und Tücken. Aber diese sind für alle gleich.

Das nächste Rennen am Samstag in Marrakesch (ab 16:00 Uhr live auf Eurosport 1) befindet sich auf einer sehr schnellen Rennstrecke mit dem höchsten Durchschnittstempo im Rennkalender. Wie hast Du die Strecke von Deinem Rookie Test 2018 in Erinnerung behalten?

Günther: Die Strecke ist richtig cool und gefällt mir. Sie hat einen Mix aus eigentlich allem: Sehr langsame Kurven, extrem eng. Dann enge Streckenstellen vor dem letzten Sektor, aber auch total schnelle Kurven, flüssige Passagen, super Überholmöglichkeiten auf der Gegengeraden. Auch auf Start-Ziel ist es nicht schlecht, einige Bodenwellen, coole Schikanen, auf und ab. Eigentlich alles was das Rennfahrerherz haben möchte.

Maximilian Günther (FIA Formula E)

Maximilian Günther (FIA Formula E)Eurosport

Viele ehemalige Formel 1 Fahrer tummeln sich mittlerweile in der Formel E. Wie schätzt Du die Bedeutung der Serie ein?

Günther: Die Formel E weist eines der stärksten, wenn nicht sogar das stärkste Fahrerfeld im gesamten Motorsport auf. Es gibt keine andere Serie weltweit, wo so viele Automobilhersteller involviert sind. Das macht die Serie groß, bekannt und wichtig. Nächstes Jahr kommt noch Porsche dazu. Unter den 12 Teams im nächsten Jahr befinden sich dann fast ausschließlich nur noch Automobilhersteller und das zeigt die Wichtigkeit der Serie. Das macht sie auch für viele Fahrer interessant und darin zu fahren ist ein Privileg.

Nico Rosberg erwähnte in seinem Podcast im Gespräch mit Formel E CEO Alejandro Agag, dass er zukünftig an eine Fusion aus Formel 1 und Formel E glaubt: "Wenn die ganze Welt Elektroautos verkauft und fährt, dann macht der Verbrennungsmotor für die Formel 1 keinen Sinn mehr. Also wird dieser Moment kommen." Wie siehst Du so ein Zukunftsszenario in 5 oder 10 Jahren?

Günther: Das finde ich sehr interessant und kann mir das auch gut vorstellen. Diese These von Nico Rosberg würde ich so unterstützen. Der Motorsport basiert doch darauf, im Rennzirkus mit den Top-Ingenieuren und finanziellen Möglichkeiten die Mobilität im Alltag weiterzuentwickeln. Was wir da innerhalb von 1-2 Jahren erreichen können, ist sicherlich 10 Jahre wert an Entwicklung ohne den Motorsport. Will die Formel 1 ein Vorbild sein für den Rest, dann passt ein Verbrennermotor da nicht mehr.

Fehlt Dir der Benzingeruch und die lauten Motorengeräusche in der Formel E? Sebastian Vettel kann der Formel E nicht besonders viel abgewinnen.

Günther: Der Benzingeruch, der Lärm, der ganze Flair war für mich immer ein zentraler Bestandteil von Motorsport. Ich hatte immer gedacht, dass muss dabei sein. Aber bei meinem ersten Formel E Test in Marrakesch im Februar 2018 bin ich ganz offen an die Sache herangegangen. Mal schauen ob mir da irgendetwas fehlt beim Fahren, wenn der Wagen keinen Sound macht. Überraschenderweise fand ich es vom ersten Moment an mega cool. Das ist ein komplett anderes Feeling im Auto. Es ist ein bisschen wie schweben, weil Du nur sehr wenige Geräusche um Dich herum hast. Umso schneller Du wirst, umso cooler fühlt es sich eigentlich an. Es fühlt sich an wie ein Kampfjet. Mir macht das große Freude und ich finde es eine sehr moderne Art des Motorsports. Aber diese Erfahrung muss man erst einmal selbst machen.

Hatte der Sprung in die Formel E auf Dich privat einen Einfluss?

Günther: In der Tat hatte ich wirklich mit der Formel E meine ersten Erfahrungen mit der Elektromobilität gemacht. Im Straßenverkehr bin ich aktuell noch nicht elektrisch unterwegs, aber sehr sicher, dass ich bald umsteige.

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In der aktuellen Kampagne wirbt die Formel E mit Tiersymbolik auf ihren Plakaten, beispielsweise mit dem Skorpion in Marrakesch. Du bist vom Sternzeichen her Krebs. Welche Charaktereigenschaften kommen Dir da als Rennfahrer entgegen?

Günther: Ich habe mich mit Horoskopen eigentlich gar nicht so sehr beschäftigt. Aber es ist schon so, dass einige Krebseigenschaften bei mir zutreffen. Ich bin ein sehr sensibler und feinfühliger Mensch oder Fahrer. Vor allem im Motorsport ist es eine große Stärke, mit dem "Popometer" das Auto zu fühlen und dann auch durch meine akribische Arbeitsweise das ganze Paket immer weiter zu optimieren und extrem detailverliebt zu arbeiten.

Du bist der jüngste Formel E Fahrer in der aktuellen Saison. Viele junge Menschen gelangen zum ersten Mal über Social Media mit der Formel E in Kontakt. Wie war das bei Dir?

Günther: Ich verfolge die Formel E sehr interessiert seit der ersten Saison im TV. Damals hatte ich mir schon gedacht, das wäre ein Traum in diese Serie rein zu kommen. Was mich von Anfang an begeistert hatte, war das Racing. Es passiert so viel und die Rennen sind spannend, vor allem durch das Energiemanagement. Da ist immer Bewegung drin. Bis zum Schluss weiß man nicht, ob das Ergebnis Bestand hat, vor allem bei den vorderen Plätzen. Die Autos sind auch extrem kompliziert und sensibel zu fahren. Jetzt erfahre ich das Ganze hautnah und es macht große Freude.

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Mit deinen Social Media Reichweiten stehst Du noch deutlich hinter allen weiteren Fahrern (@maxg_official auf Twitter 2.600 Follower vs. @MassaFelipe19 mit 1,2 Mio. Followern). Verspürst Du durch das Zusatzelement #Fanboost mehr Druck auf Social Media?

Günther: Für mich ist es wichtig, dass ich mit meinen Fans interagiere und nach und nach mein Netzwerk erweitere. Ist logisch, davon lebt der Fanboost. Aber ich verspüre da keinen zusätzlichen Druck. Im Gegenteil, mir macht das viel Spaß, dass das in kleinen Schritten immer größer wird. Am Ende des Tages machen wir unseren Sport für die Fans, das ist eine Show. Ohne Fans wäre das nur halb so toll.

Trotzdem nimmt man frischen Wind im Fanboost-Voting war. Auch wenn mittlerweile 5 statt nur 3 Fahrer von der 50kW Zusatzleistung im Rennen profitieren, so hatten doch in Riad zwei ehemalige Formel 1 Fahrer die Hälfte aller Stimmen auf sich vereint (Vandoorne 39%, Massa 13%). Siehst Du im Fanboost-Voting Nachteile zu Felipe Massa und anderen Fahrern mit größerer Bekanntheit?

Günther: Logisch ist es jetzt aktuell ein Nachteil, wenn ich deutlich weniger Follower habe. Aber das ist für mich kein Grund das Handtuch zu werfen. Mein Hauptziel ist es mich auf sportlicher Ebene mit den großen Namen zu etablieren. Daneben natürlich auch auf Social Media zu wachsen und meinen Weg zu gehen.

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