Bayer Leverkusen vor der neuen Bundesligasaison: Mit Heiko Herrlich zurück nach Europa
Bayer Leverkusen startet nach dem Fast-Abstieg im letzten Jahr demütig in die neue Saison. Leistungsträger wie Hakan Çalhanoğlu, Ömer Toprak oder Javier "Chicharito" Hernández haben den Verein verlassen, Neuzugänge wurden bisher kaum vorgestellt. Dennoch soll der neue Trainer Heiko Herrlich die Werkself wieder in den europäischen Wettbewerb führen. Wider die Selbstherrlichkeit lautet die Devise.
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Auf den Rängen liegen sich Menschen in den Armen, am Rand der Tribüne herzen etliche Fans ihren Helden Stefan Kießling, der soeben vielleicht sein letztes Heimspiel für Bayer Leverkusen bestritten hat, seine Freude über das Erreichte herausbrüllt. Auf dem Rasen verteilt Sportdirektor Rudi Völler väterlich anmutende Schulterklopfer, Geschäftsführer Michael Schade strahlt über das ganze Gesicht. Eine Szenerie, die man schon so häufig am Ende einer Saison in der BayArena gesehen hat.
Wo ist der Zeugwart, der die Spieler fast schon traditionell nach Abpfiff mit "Champions-League-wir-kommen"-T-Shirts versorgt? Wo das von den Spielern in Richtung Nordkurve gezeigte Banner mit dem Aufdruck "Königsklasse 2017/18“?
Nichts davon bekommen die Anhänger der Werkself an diesem 13. Mai 2017 zu sehen. Diesmal ist der Jubel anderer, ungewohnter Natur. Der "beste Bayer-04-Kader aller Zeiten", wie er im Vorfeld von sämtlichen Vereinsverantwortlichen angekündigt wurde, ist dank eines 2:2-Unentschiedens gegen den Erzrivalen von der anderen Rheinseite, dem 1. FC Köln, soeben dem Abstieg entkommen.
Was war passiert? Denkt man an Leverkusen, drängt sich einem unweigerlich das Bild eines hochtalentierten Konstrukts auf, einer Mannschaft, die mit so viel individueller Qualität aufwartet, die aber - sobald auch nur der Hauch einer Drucksituation entsteht - immer in der Lage ist, beispiellos zu Scheitern.
In den vergangenen Jahren gab es diesen Druck kaum. Bayer spielte unter Trainer Roger Schmidt manchmal sehenswert, manchmal harakiriartig, durfte sich am Ende aber stets über einen Platz im europäischen Geschäft freuen. Vor allem gelang es vor der abgelaufenen Spielzeit, alle Leistungsträger zu halten, punktuell wurde namhaft - etwa mit Kevin Volland und Aleksandar Dragovic - nachgebessert.
Plötzlich Meisterkandidat
Plötzlich tauchte Bayer sogar wieder bei einigen Bundesliga-Trainern und Experten auf dem Meister-Radar auf. Auch, weil man sich in der Farbenstadt auf einmal angriffslustig zeigte, das sonst vorherrschende Understatement kurzerhand beiseite schob, um selbstherrlich davon zu schwadronieren, Borussia Dortmund als Bayern-Jäger Nummer eins ablösen zu wollen. Mindestens.
Schnell wurde klar, dass man sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Die junge Mannschaft war dem selbst auferlegten Druck in keiner Weise gewachsen, absolvierte höchstens eine Handvoll guter Spiele. Klubbosse und Fans verkrachten sich, die einst so respekteinflößende Festung BayArena avancierte für die Konkurrenz zu einem willkommenen Ausflugsziel. Schmidt musste nach einer erschreckenden 2:6-Vorstellung in Dortmund seinen Hut nehmen, ehe die erhoffte Besserung unter Interimslösung Tayfun Korkut ins genaue Gegenteil schlug, sodass nach 14 Jahren erstmals das viel zitierte Abstiegsgespenst durch die Bismarckstraße spukte, sich letztlich aber verzog.
Der kleine große Umbruch
Mittlerweile - so scheint es zumindest - hat man sich an der Dhünn rehabilitiert. Die Entscheidung, den verhältnismäßig unerfahrenen Heiko Herrlich als neuen Coach zu installieren, wirkte zunächst unkonventionell. So unkonventionell, dass der ehemalige Leverkusen- und Dortmund-Profi bei zahlreichen Buchmachern ganz oben auf der Liste der potentiellen Entlassungskandidaten steht, noch bevor die Saison überhaupt begonnen hat. Weil die eigentlich fest eingeplante Teilnahme auf internationalem Parkett in diesem Jahr ausfällt, sahen sich Völler und Co. gezwungen, den großen Kader auszudünnen.
Hakan Çalhanoğlu, der aufgrund einer viermonatigen Sperre beinah die komplette Rückrunde verpasste, zog es zum AC Mailand, Abwehrchef Ömer Toprak gab schon Anfang dieses Jahres bekannt, im Sommer zum BVB zu wechseln. Eine Transferverkündung, deren Zeitpunkt nicht unbedingt glücklich gewählt war, sorgte der Türke mit seinen dürftigen Darbietungen im Anschluss doch für reichlich Unmut.
Manch einer warf dem langjährigen Leistungsträger gar vor, mit dem Kopf bereits in Dortmund zu sein. Am schwersten dürfte allerdings der Abgang von Javier "Chicharito" Hernández wiegen. Der mexikanische Superstar hatte in 76 Pflichtspielen für Bayer 04 satte 39 Treffer erzielt, entschied sich aber vor wenigen Wochen für einen Tapetenwechsel und verließ die Rheinländer in Richtung West Ham United.
Kaum Neuzugänge
Bayer hielt sich in der aktuellen Wechselperiode noch zurück, holte mit Dominik Kohr einen Mittelfeldallrounder für nur zwei Millionen Euro vom FC Augsburg zurück, der in Herrlich einen großen Fürsprecher hat. Sven Bender kam vom BVB, wo er aufgrund der großen Konkurrenz kaum noch Aussicht auf einen Stammplatz hatte und ohnehin in der Vergangenheit betont hatte, gerne wieder mit seinem Zwillingsbruder Lars zusammenspielen zu wollen. Zwei Spieler, an denen es durchaus mangelte. Beide stehen für unbändige Leidenschaft, für personifiziertes Ärmelhochkrämpeln.
Dass Leverkusen noch einmal auf dem Transfermarkt tätig wird, ist aber dennoch wahrscheinlich. Zumindest im Defensivbereich, so ist immer wieder zu vernehmen, wolle der Vorjahreszwölfte nachjustieren. Ob man eine Alternative für Chicharito unters Bayer-Kreuz lotsen kann, ist indes noch offen. "Wir machen uns seit Wochen Gedanken, wo Verstärkungen sinnvoll sind", ließ Völler jüngst im Gespräch mit "Sport-Bild" verlauten. "Wichtig ist, dass du einen Stürmer hast, der zweistellig trifft", so der Ex-Angreifer weiter. Geld genug, um zwei weitere Spieler zu verpflichten, die der Herrlich-Truppe sofort weiterhelfen können, ist jedenfalls vorhanden. Die Verkäufe von Chicharito, Toprak und Çalhanoğlu haben rund 60 Millionen Euro in die Kassen gespült.
Der Star ist die Mannschaft
Herrlich, dem das Kunststück gelungen war, mit Jahn Regensburg gleich zweimal in Folge aufzusteigen, gilt als Disziplinfanatiker, als Übungsleiter, der auf mannschaftliche Geschlossenheit setzt. Der gebürtige Mannheimer betont immer wieder, dass Alleinunterhalter in seinem Team nichts zu suchen haben, sich unterordnen müssen.
Dabei versucht er, ansprechenden und offensiv-ausgerichteten Kombinationsfußball spielen zu lassen, der etwas weniger risikobehaftet daherkommt wie die Philosophie seines Vorgängers Schmidt. Die mäßige Vorbereitung (ein Sieg, drei Remis, zwei Niederlagen) führte jedoch zutage, dass besonders im Verhalten der Hintermannschaft durchaus Luft nach oben ist.
"Wir sehen das Spiel in München nicht olympisch. Nach dem Motto 'Dabeisein ist alles'", gab sich Herrlich auf der Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Auftakt beim Rekordmeister optimistisch und ergänzte:
Bayer 04 hat den Vorteil, dass kaum jemand etwas von ihnen erwartet. Anders als im letzten Jahr, hielt man sich in Leverkusen verständlicherweise mit Prophezeiungen oder Kampfansagen zurück. Von DFB-Pokal-Titelambitionen geschweige denn Meisterträumen ist nichts geblieben, lediglich "Europa" wurde vorsichtig als Ziel ausgegeben. Ein Vorsatz, der - bedenkt man, dass Bayer nach wie vor über den drittwertvollsten Kader der Liga verfügt - nicht allzu großspurig erscheint. Der Werksklub ist gut damit beraten, sich darauf zu besinnen, was ihn einst so stark gemacht hat: Gefasstheit.
Verfällt man in ähnliche Muster wie in der Vorsaison, kann der Fall umso tiefer werden. Das hat man offenbar verinnerlicht - deshalb lautet die Devise: Wider die Selbstherrlichkeit, wieder zurück nach Europa.
#TGIM - Die Bundesliga live im Eurosport Player – jetzt für 29,99 Euro
Ab August übertragen wir 45 Bundesligaspiele der Saison 2017/18 live im Eurosport Player. Dazu zählen alle Spiele am Freitagabend, die fünf Partien am Sonntagmittag (13:30 Uhr), fünf Montagabendspiele um 20:30 Uhr sowie der Supercup zwischen Borussia Dortmund und Bayern München und vier Relegationsspiele (Bundesliga/2. Bundesliga und 2. Bundesliga/3. Liga).
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/01/06/image-ea4c9f95-f41e-4a1d-95f7-4af46e7639e1-68-310-310.jpeg)