BVB: Das steckt hinter der Verpflichtung von Lucien Favre als neuer Trainer von Borussia Dortmund

Lucien Favre wird wohl zur kommenden Saison neuer Trainer von Borussia Dortmund. So weit, so gut. Doch welche Überlegungen stecken hinter der Verpflichtung des 60-jährigen Schweizers als Nachfolger von Peter Stöger? Welche Kräfte wirkten im Hintergrund und welche Spieler könnten besonders profitieren - Eurosport.de macht den Favre-Check.

Eurosport

Fotocredit: Eurosport

Der Deal ist nur noch Formsache.
Wie mehrere Medien am Montagabend übereinstimmend berichteten, sind sich der Schweizer und der BVB einig geworden. Favre soll ab Sommer für Peter Stöger übernehmen. Schon in der kommenden Woche ist mit der Vorstellung des neuen Coaches zu rechnen.
Bereits im vergangenen Sommer war Dortmund stark an einer Verpflichtung des 60-Jährigen als Nachfolger von Thomas Tuchel interessiert, die Verhandlungen scheiterten aber an den Ablöseforderungen des OGC Nizza. Nun erhält Favre wohl die Freigabe.
Doch warum Favre? Warum sind die BVB-Bosse überzeugt, mit ihm endlich die seit dem Klopp-Abgang abhanden gekommene Ruhe in den zuletzt doch arg ins Taumeln geratenen Verein zu bekommen?

Den Superstar zufrieden stellen

"Der Erfolg hier bei Borussia hat einen Namen: Lucien Favre! Er ist ein sensationeller Trainer. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken und bin froh, dass ich unter ihm trainieren durfte." Diese Worte sagte Marco Reus vor fast genau sechs Jahren.
Damals hatte der heute 28-Jährige gerade sein letztes Spiel für Mönchengladbach absolviert. Die Borussia beendete die Saison auf Rang vier. Reus machte - angetrieben von seinem Freund und Förderer Favre - 18 Tore und 13 Assists. "Er hat einfach ein System, dass seine Teams perfekt umsetzen können", so Reus.
Damals war Reus ein junger Spund. Heute ist er die Identifikationsfigur beim BVB. Und in dieser Funktion legte er den Verantwortlichen eine Verpflichtung von Favre nun nahe. Das ist der wichtigste Grund für die Verpflichtung des Schweizers.
Reus wird mit großer Wahrscheinlichkeit ab Juli Kapitän des BVB sein. Er hat seinen Vertrag erst kürzlich bis 2023 verlängert. Die Bosse wollen ihren wichtigsten Spieler glücklich sehen. Da traf es sich gut, dass Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc Favres Nummer auf Kurzwahl hatten.
Schon bald werden der BVB-Star und sein Wunschtrainer nun also erneut zusammen arbeiten. Für den BVB kann das nur gut sein.

Keine Angst vor der Diva

Favre ist ein durchaus schwieriger Charakter. Er grübelt, zweifelt und hadert. Oft. Sehr oft!
In seiner Berliner-Zeit von 2007 bis 2009 wollte er alle zwei Wochen hinwerfen, führte die Hertha aber auf Rang vier. Anfang Oktober 2009 dann, nach seiner Freistellung durch die Hertha, lud Favre im Wintergarten des Berliner Nobelhotels Adlon zur privaten Pressekonferenz, warf der Hertha-Führung verfehlte Personalpolitik vor. Es folgte die fristlose Entlassung und der Streit um die Abfindung, der erst im Februar 2010 beigelegt wurde.
Im September 2015 bot er Borussia Mönchengladbach nach fünf Auftaktniederlagen in der Bundesliga seinen Rücktritt an. Dieser wurde abgelehnt, doch der Fußballlehrer demissionierte trotzdem - per Presseerklärung an die Nachrichtenagenturen, ohne Wissen der Borussia: "Ich habe nicht mehr das Gefühl, der perfekte Trainer für Borussia Mönchengladbach zu sein." Manager Max Eberl hatte vergeblich versucht, seinen Trainer davon abzuhalten, war schließlich aber machtlos.
BVB-Legende Ottmar Hitzfeld sieht darin keine Probleme, eher ein Alleinstellungsmerkmal Favres.
In Dortmund fühlt man sich für derlei Diskussionen ohnehin bestens gerüstet. Man hat Vorkehrungen getroffen. In Geschäftsführer Watzke, Sportdirektor Zorc, Teammanager Sebastian Kehl und Berater Matthias Sammer stehen vier starke Persönlichkeiten bereit, um den schwierigen Trainer wahlweise zu besänftigen oder auf Linie zu bringen.
Sammer war am Wochenende im Stadion, sah die peinliche Pleite gegen Mainz. Kein Wunder, dass die Verhandlungen mit Favre danach Geschwindigkeit aufnahmen.

Neuaufbau einleiten, Talente fördern

Allem Gemurmel über seine Persönlichkeit zum Trotz: Favres Ruf als Fachmann eilt ihm voraus und ist unbestritten. Der 60-Jährige ist ein hervorragender Taktiker, ehrgeizig, und ist ein erfahrener Entwickler von Talenten. Das braucht der BVB.
Die Borussia sitzt auf einem Kader, der vor jungen Hochbegabten nur so strotzt. Christian Pulisic, Jadon Sancho, Alexander Isak, Sergio Gómez, Maximilian Philipp, Mahmoud Dahoud - die Liste ist lang. Favre soll aus ihnen eine funktionierende Fußballmannschaft machen.
Dafür müssen auch unpopuläre Entscheidungen bei verdienten, aber in die Jahre gekommenen Spielern getroffen werden. Marcel Schmelzer, Gonzalo Castro und Nuri Sahin könnten hier ins Visier geraten. Favre hat klare Vorstellungen. Deshalb soll er übernehmen.

Kein weiterer Fehlschuss erlaubt

Nicht zu verachten ist folgende Überlegung: Die Borussia hatte zuletzt bei Trainerverpflichtungen nicht das beste Händchen. Dafür verantwortlich zeichnen Watzke und Zorc.
Die beiden können sich keine weitere Fehlbesetzung auf der Trainerbank leisten. Deshalb ist der unumstrittene Fachmann Favre die logische Wahl - und die, bei der der geringste Widerstand aus dem Umfeld zu erwarten ist.
Nach dem Klopp-Abgang im Sommer 2015 übernahm zunächst Thomas Tuchel, dann Peter Bosz. Peter Stöger trat dann Anfang Dezember die Nachfolge des glücklosen Niederländers an. Nach etwas mehr als fünf Monaten ist dessen Zeit in Dortmund am Saisonende aber abgelaufen.
Der lange verletzte BVB-Spieler Sebastian Rode sagte am Sonntag in der "Sky"-Sendung "Wontorra - der Fußball-Talk" über Favre:
In Hoffenheim soll Stöger am Samstag zunächst den letzten noch fehlenden Schritt gehen und den BVB in die Champions League führen. Ein Punkt reicht. Danach beginnt die Favre-Zeit in Dortmund.
Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung