Marco Reus vom BVB im großen Eurosport-Interview der Woche

Marco Reus spricht bei Eurosport im Interview der Woche über den harten Weg zurück und sein Comeback in der Bundesliga. Der 28-Jährige von Borussia Dortmund macht sich aber auch Gedanken, die weit über den Fußball hinausgehen und sagt über die Gesellschaft in Deutschland: "Das macht mich traurig." Daneben verrät Reus, wie er seine Chancen einschätzt, bei der WM 2018 in Russland dabei zu sein.

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Fotocredit: Eurosport

Das Interview führte Christian Ortlepp

Marco Reus über…

... sein Comeback im Februar gegen den HSV:
Reus: Ich habe sieben Monate lange den Ball nicht richtig berührt. Das Gefühl dann beim ersten Spiel, das kann ich gar nicht beschreiben. Zuvor war ich, außer bei meiner Schambeinentzündung 2016, nie so lang raus. Wieder bei der Mannschaft zu sein, die Spielvorbereitung, das Hotel, die Fahrt mit dem Bus zum Stadion - das hat mir am meisten gefehlt. Ich bin sehr dankbar, dass ich das wieder habe.
... seine Gesundheitsprobleme in den vergangenen Jahren:
Reus: Ich habe viel erlebt, musste viele Rückschläge einstecken. Das gehört aber zum Leben. Ich versuche trotzdem, jede Saison das Maximum herauszuholen, gesund zu sein und zu regenerieren. Je älter du wirst, desto mehr Verantwortung musst du in dieser Hinsicht übernehmen. Du lernst deinen Körper immer besser kennen. Das brauche ich in meiner Situation, um gut spielen zu können. Nur, wenn ich über Monate oder auch mal ein, zwei Jahre fit bin, kann ich die Leistung bringen, die ich von mir selbst erwarte. Ich versuche generell, positiv zu denken und auch bei Verletzungen nicht zu sagen: 'Was für ein Mist, warum ich?'
... seine Kraftquellen in der Reha-Zeit:
Reus: Am Anfang war es extrem schwierig, denn als die Saison losging, war ich weit davon entfernt, an ein Mannschaftstraining denken zu können. Das lag daran, weil ich in der Reha erst spät beginnen konnte, richtig zu laufen. Die Verletzung war eben kompliziert. Und dann sitzt du bei den Spielen da oben auf der Tribüne, bist emotional weit weg, weil du genau weißt, dass die Reha-Zeit noch drei, vier Monate dauern wird. Aber mir war klar, dass irgendwann die Zeit kommt, wo die Dinge sich zum Besseren wenden. Dazu haben mir Familie, Freundin und Freunde geholfen, ich habe Dinge unternommen, die ich sonst nicht hätte machen können.
... den veränderten Blick auf Karriere und Leben durch die Verletzungen:
Reus: Wenn du zwischen 20 und 25 Jahre alt bist, hast du nur Fußball im Kopf. Die Gedanken kreisen tagtäglich darum, wie du dein Spiel verbessern kannst. Ich freue mich im Moment aber einfach darüber, gesund zu sein und die Zeit auf dem Platz genießen zu können. Denn die Zeit kriege ich nicht wieder zurück. Mit der Einstellung, dem Alter und der Erfahrung der vergangenen Jahre kam diese Entwicklung bei mir. Man muss sich im Leben auch über andere, wichtigere Dinge Gedanken machen als den Fußball. Natürlich strebt jeder Sportler nach Erfolg und Siegen, aber das ist nicht das Leben. Aus meiner Sicht geht es darum, sich frei zu fühlen und zu tun, was einem Spaß macht. Ich glaube, dass das bei mir in letzter Zeit ein Knackpunkt war.
... die WM 2018
Marco Reus: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht an die WM denke und nicht sehr gerne dabei wäre. Aber ich war nie ein Mensch, der konkret drei oder vier Schritte vorausplant. Ich habe das Ganze aber im Hinterkopf, weil es wichtig ist, um fokussierter zu sein. Ich will auch keinen Hehl daraus machen, dass es ein großes Ziel ist, dabei sein. Wenn ich meine Leistung bringe, habe ich gute Chancen, davon bin ich überzeugt.
... die Chancen für Deutschland, den Titel zu verteidigen:
Reus: Es sind extrem viele gute Nationen dabei, die Leistungsdichte ist aus meiner Sicht noch größer als 2014. Ich erwarte noch engere Partien, denn viele Teams sind besser geworden und das Spiel hat sich weiter verändert. Es wird wieder auf Kleinigkeiten ankommen, aber wer uns als Turniermannschaft kennt, weiß, dass mit Deutschland immer zu rechnen ist. Wir müssen aber bei 100 Prozent sein, um den Erfolg von 2014 wiederholen zu können.
... die wichtigen Themen neben dem Fußball:
Reus: Das Leben generell, Familie und Kinder zu haben, das war immer ein Traum. Es gibt ein Leben nach der Karriere und auch jetzt in der aktiven Zeit eines neben dem Fußball. In meinem Alter ist es wichtig zu wissen, dass es einen Weg nach der aktiven Zeit gibt. Dem sollte man sich früh genug widmen, sodass du nach der Karriere nicht dastehst und anfängst, zu überlegen. Wenn man so lange raus war wie ich, dann kommen solche Gedanken einfach.
... die Zeit nach der Karriere:
Reus: Darüber habe ich mir schon viele Gedanken gemacht und überlegt, was ich jetzt schon antreiben kann. Ich kann dazu noch nichts Genaues sagen, aber ich habe ein paar Dinge im Kopf. Der Fußball ist natürlich mein Job, mein tägliches Brot. Aber wie gesagt: Es gibt wichtigere Dinge.
... seine Vorbildfunktion als Fußball-Star und die Entwicklung der Gesellschaft:
Reus: Ich bin ja schon lange im Geschäft dabei und weiß mittlerweile, worauf es ankommt. Man lernt, dass die schlechten Dinge mehr im Vordergrund stehen als die Guten, was schade für unsere Gesellschaft ist. Diese Entwicklung in der Gesellschaft macht mich nicht nur nachdenklich, sondern auch traurig. Jeder von uns hat einen hohen Anspruch an sich selbst, die Medien haben große Ansprüche an Spieler und Vereine. Manche Dinge brauchen allerdings Zeit. Man sollte nicht immer nur das Negative sehen, sondern auch das Positive. Etwa die Tatsache, dass in der Europa League zwei Klubs weitergekommen sind und die Bayern in der Champions League kurz davorstehen. Als Sportler tut man alles für den Erfolg, aber wenn es dann nicht klappt, ist das so. Das sollte man anerkennen, aber das ist heute ein großes Problem in der Gesellschaft.
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