Taktik-Check: Heiko Herrlich hat Bayer Leverkusen auf Trab gebracht

Etwas unter dem Radar der Öffentlichkeit hat sich Bayer Leverkusen durch acht ungeschlagene Spiele in Folge ins obere Tabellendrittel gespielt. Gelingt im Spiel gegen Borussia Dortmund ein Sieg, überholt Leverkusen den BVB. Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, warum es unter Trainer Heiko Herrlich so gut läuft.

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Fotocredit: Eurosport

Ob man in Leverkusen noch weiß, wie sich Niederlagen anfühlen? Kein Team ist aktuell in der Bundesliga so lange ungeschlagen wie die "Werkself". Am 20. September ging man in Berlin zuletzt als Verlierer vom Platz, seitdem gab es vier Siege und vier Remis zu verzeichnen – nur der FC Bayern und RB Leipzig sammelten in diesem Zeitraum noch mehr Punkte.

Stilwechsel unter Herrlich

Der gute Lauf der Leverkusener legt nahe, dass die Mannschaft den neuen Spielstil so langsam verinnerlicht hat. Jahrelang stand Leverkusen für Hochgeschwindigkeitsfußball. Pressing und Gegenpressing waren unter Roger Schmidt die Kernelemente des Spiels. Unter Heiko Herrlich, der seit Sommer im Amt ist, steht der Spielaufbau wieder stärker im Vordergrund.
Im Training legt Herrlich viel Wert auf sehr spielnahe Übungsformen mit vielen Torabschlüssen. Selbst beim Aufwärmen wird am Ende von Koordinationsparcours auch immer wieder mal auf ein kleines Tor geschossen. In den Spielformen lässt der Fußballlehrer auf sehr kleinen Feldern unter hohem Gegnerdruck agieren. Trotzdem soll kurz hinten rausgespielt werden.
Torhüter Bernd Leno erklärte:
Die Ergebnisse der Arbeit schlagen sich langsam auch in Zahlen nieder: Neben der guten Punkteausbeute kommt Leverkusen auf den dritthöchsten durchschnittlichen Ballbesitz hinter dem FC Bayern und dem BVB, zudem geben sie die drittmeisten Torschüssse ab (ebenfalls hinter Bayern und Dortmund).

Flexibel im System, treu in den Prinzipien

Wie die meisten modernen Trainer ist Herrlich nicht auf ein bestimmtes System festgelegt, sondern hat mit der Mannschaft offenbar sehr klare Spielprinzipien vereinbart, an die sich jeder Spieler unabhängig von der taktischen Ordnung halten soll.
Sie bauen das Spiel in der Regel zu dritt auf – entweder mit den drei Innenverteidigern im 3-4-3 oder mit einem zurückfallenden Sechser bei einer Viererkette. Die Außenverteidiger agieren sehr offensiv, im 3-4-3 agiert Leverkusen teilweise sogar mit vier gelernten Flügelstürmern – üblicherweise lässt man in solchen Systemen eher defensiv ausgerichtete Spieler auf den Außenbahnen im Mittelfeld spielen.
Über ein geduldiges Ballbesitzspiel versuchen sie hinter das Mittelfeld des Gegners zu kommen. Entweder spielt ein andribbelnder Abwehrspieler aus der (Aufbau-)Dreierreihe einen scharfen Pass zwischen die Linien oder es wird der Umweg über die Außenbahn gewählt. Von hier aus soll es vornehmlich diagonal in Richtung Zentrum gehen, Pässe die Linie entlang sind für den Gegner leicht zu verteidigen, da er ja schon vorher in diese Richtung verschoben hat.

Weiterhin stark im Anlaufen

Trotz des Stilwechsels hat Leverkusen das Pressing nicht verlernt – im Gegenteil: Mit einer bemerkenswert hohen Intensität laufen sie den Gegner an, vor allem Stürmer Kevin Volland liefert hier Woche für Woche Anschauungsmaterial für geschickte Laufwege.
Viele Mannschaften nehmen beim Anlaufen kurz vor dem ballführenden Gegner das Tempo raus, um nicht überspielt zu werden. Leverkusen hingegen geht volles Risiko und ist auf den direkten Ballgewinn aus. Das Resultat: nur vier Mannschaften foulten bislang öfter, nur drei Teams kassierten mehr Verwarnungen. Aber dafür erobert Leverkusen den Ball eben aber auch immer wieder in gefährlichen Zonen und hat kurze Wege zum Tor.
Eurosport-Check: Stilwechsel? Stilerweiterung würde wohl besser passen: Das intensive Pressing bleibt zwar ein wichtiges Element in der Spielphilosophie, jedoch wurde das eigene Offensivspiel generalüberholt. Mit den vielen spielstarken Akteuren im Team ist so eine Spielweise absolut sinnvoll und bereitet den Spielern offensichtlich große Freude – Pressing und Ballbesitzspiel schließen sich also nicht gegenseitig aus. Gelingt gegen Dortmund nun das nächste Erfolgserlebnis, sind die Leverkusener ganz oben mit dabei.
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