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Der LIGAstheniker | Korkut weg, sechs Trainer angezählt: Die feige Trainerpolitik der Bundesliga

Der LIGAstheniker | Die feige Trainerpolitik der Bundesliga

08/10/2018 um 11:42Aktualisiert 08/10/2018 um 13:56

Der LIGAstheniker Thilo Komma-Pöllath kritisiert die Trainerpolitik in der Bundesliga. Nach dem Rauswurf von Tayfun Korkut wackeln sechs weitere Kandidaten. Einer davon ist Bayern-Trainer Niko Kovac. Zwar gibt's von Uli Hoeneß im Moment noch die volle Rückendeckung. Aber auch Kovac muss um seinen Job bangen, wenn er seine Mannschaft nicht so schnell wie möglich zurück in die Erfolgsspur führt.

Spieltag sieben, die erste Trainerentlassung. Es war zu erahnen, dass es so schnell gehen würde, zu viele Trainer wurden ab Spieltag zwei angezählt. Und wenn ich ab Spieltag zwei schreibe, dann ist das kein Schreibfehler. Ein kolossaler Führungsfehler in den Klubs aber allemal. Jetzt hat es Tayfun Korkut erwischt vom Tabellenletzten Stuttgart. Wir erinnern uns: derselbe Korkut, der den VfB in der letzten Spielzeit vor dem Abstieg rettete und fast noch in die Europa League geführt hatte.

Von dem Sportvorstand Michael Reschke noch im März als "Glücksfall" schwärmte und der ihn jetzt, zwei Handvoll Spiele und sechs Monate später, ebenso humor- wie fristlos die Tür weist mit der inhaltsleeren Begründung: "Die Gesamtbilanz ist total unbefriedigend". Dass man in Stuttgart nicht zufrieden ist, ist logisch. Dass man sofort den Trainer entlässt, ist an Hasenfüßigkeit kaum noch zu toppen. Denn im Grunde ist gar nichts passiert: Zwischen dem Letzten Stuttgart und dem Zehnten Augsburg liegen drei Punkte Differenz, also ein gewonnenes Spiel. Warum also diese Panik?

Sechs angezählte Trainer, einer entlassen

Spieltag sieben, und mindestens so viele Trainer, die schon angezählt sind: angefangen bei den Bayern mit Niko Kovac, Tedesco auf Schalke, Herrlich in Leverkusen, Breitenreiter in Hannover, Michael Köllner in Nürnberg, seit dieser Woche auch Wunderknabe Nagelsmann in Hoffenheim, Stuttgart hat sich ja schon erledigt. Da muss die Frage erlaubt sein: Was ist da passiert?

Niko Kovac vom FC Bayern München

Niko Kovac vom FC Bayern MünchenGetty Images

Der Trainer war immer schon das schwächste Glied in der Kette, um ein kaum noch erträgliches Bundesligaklischee zu wiederholen. Das zweite Klischee, das direkt draufgesetzt wird und genauso dümmlich ist, geht dann so: Man könne schließlich nicht die ganze Mannschaft entlassen. Wobei diese zweite Erkenntnis schon klar macht, wo das Problem eigentlich liegt: bei der Mannschaft, nicht beim Trainer.

Der panische Reschke

Man müsste also "Rasierer-Reschke" (BILD), der sein Hire-and-Fire-Handwerk sinnigerweise beim Branchenführer Bayern München gelernt hat, einmal fragen, wie nah er dran war in der Vorbereitung an Trainer und Mannschaft, wenn er jetzt schon alles wieder einreißt? Hat er einen Trainer erlebt, der einen klaren Plan hatte für die neue Saison, einen Draht zur Mannschaft, ja oder nein? Wenn nicht, warum geht er mit diesem Trainer überhaupt in die Saison? Wenn ja, warum fällt er in der ersten krisenhaften Situation sofort um, wo er Korkut doch einiges zu verdanken hat? Bei Korkuts Vorgänger Hannes Wolf agierte Reschke ganz genauso.

Michael Reschke (VfB Stuttgart)

Michael Reschke (VfB Stuttgart)Getty Images

Keine drei Wochen nach der "exzellenten Vorbereitung" in der Winterpause war Wolf weg. Die Umstände waren sogar noch absurder, weil Reschke den eigenen Trainer vor dessen Entlassung auch noch öffentlich belehrte und damit beim eigenen Team unmöglich machte. "Rasierer-Reschke" will endlich mal selbst den großen Macker mokieren, was er bei Bayern ja nie durfte, und lieber gehen andere als er selbst. Seit Reschke im Sommer 2017 als Sportvorstand zum VfB kam, beträgt die Halbwertzeit der Trainer unter seiner Aufsicht eine halbe Saison. Das ist panisch, ein Plan, eine Idee vom eigenen Spiel ist das nicht.

Kovac und die vollblutige Rückendeckung

Man muss sich nicht an Stuttgart festbeißen, wenn es darum geht, dass es in den Führungsetagen der Ligaklubs vor allem eines immer weniger gibt: den spürbar festen Willen des Vorstands, eine Krise zuerst einmal gemeinsam überstehen zu wollen. Womöglich wird Julian Nagelsmann dabei in den nächsten Wochen eine ähnliche Achterbahnfahrt seines Vorstandes erfahren, wie sie Niko Kovac schon jetzt aushalten muss: erst langes Schweigen, dann vollblutige Rückendeckung. Erst am Sonntag, nachdem sich nicht nur Kovac-Kumpel Fredi Bobic über die Stille im Münchner Vorstand gewundert hatte, brachte es Uli Hoeneß fertig in bester Highlander-Manier die ganze Verunsicherung im Klub in zwei direkt aufeinanderfolgenden und deshalb so unglaubwürdig wirkenden Sätzen auch noch zu bestätigen.

Uli Hoeneß

Uli HoeneßSID

Hoeneß sagte wörtlich: "Ich werde Niko Kovac verteidigen bis aufs Blut. Bei uns herrscht die totale Ruhe". So beginnt sie oft die schleichende Demontage in München, erst mit einem Schweigen, gefolgt von einer martialischen Überrhetorik, die nur bis zur nächsten Niederlage gilt und auch deshalb keiner mehr glauben mag. Dass der Kader so große Lücken aufweist, insgesamt zu klein ist, dass er "nicht erfrischt wurde", wie SKY-Experte Lothar Matthäus so erfrischend formulierte, Altstars wie Robben und Ribery, die nicht mehr den Unterschied ausmachen, die unerträglich-beleidigten Leberwürste von Robben bis Rodriguez, denen oft noch jeder Anstand fehlt, die Möchtegernweltstars wie Boateng, all das ist ein hausgemachtes Problem, das Kovac nicht verursacht, sondern lediglich übernommen hat. Das Verursacherprinzip gilt in der Bundesliga aber schon lange nicht mehr. Denn wenn dem so wäre, müssten Reschke, Hoeneß und Rummenigge einmal ganz laut über sich selbst nachdenken. Andererseits: die eigene Unfehlbarkeit lässt sich schlecht diskursiv erörtern.

Feige Trainerpolitik

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, natürlich darf man noch Trainer entlassen. Einen wie José Mourinho bei Manchester United zum Beispiel, nach allem was er sich erdreistet hat, der gehört an die frische Luft gesetzt. Aber sofort! (Anm. d. Red.: Und er ist es immer noch nicht). Aber solange man in der Bundesliga an dieser falschen Trainerpolitik festhält und bei jeder ersten, kleinen wie großen sportlichen Krise sofort den Trainer entlässt, und damit jedes Mal die Spieler aus der Verantwortung nimmt, verschärft man das sportliche Grundsatzproblem im deutschen Fußball, das sich gerade bei der WM in Russland so eindrucksvoll gezeigt hat: es gibt kaum noch Spielerpersönlichkeiten auf dem Rasen, die wissen wie das geht, Verantwortung zu übernehmen.

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