FC Bayern München: Uli Hoeneß geht - "Das war's noch nicht"
Publiziert 15/11/2019 um 14:29 GMT+1 Uhr
Uli Hoeneß ist sehr nah am Wasser gebaut. Er wird am Freitag bei seiner Verabschiedung auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern weinen, richtig schluchzen. Jede Wette. Das ist so sicher wie das krachende Scheitern des BVB bei einem Spiel in München. Hoeneß-Buchautor Patrick Strasser blickt auf Hoeneß' letztes Jahr, erklärt, wie sich die Abteilung Attacke künftig wieder zeigt und was er vorhat.
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Das 4:0 gegen den BVB, sein letztes Spiel als amtierender Präsident, war "traumhaft" für Hoeneß, "ein wunderschöner Abschluss. Wenn du so einmarschierst, ist es natürlich angenehmer als mit einem 0:2", erklärte der 67-Jährige.
Es wird ein einziger Triumphmarsch werden. Mit Blumen und blumigen Worten. Mit Geschenken, Lobeshymnen und Standing Ovations. Bis zu 10.000 Mitglieder, glühende "Ulianer", werden die Olympiahalle in einen Wallfahrtsort aus Dankbarkeit und Wehmut verwandeln.
Fan-Kritik trifft Hoeneß schwer
Vor Jahresfrist, auf der Jahreshauptversammlung 2018, gab es derbe Kritik und lauten Unmut. Er betreibe "Vetternwirtschaft", liefere "eine One-Man-Show", lauteten die Vorwürfe. Dass diese von einem Fan kamen, hat Hoeneß "überrascht und sehr betroffen gemacht". Es dauerte lange bis er die Anklagerede eines Mitglieds verarbeitet hatte, ursächlich für seinen Rückzug als Präsident war sie jedoch nicht. "Großteils unsachlich", sei die Kritik gewesen, "das war ja die Krux". Dass solch schweren Geschütze aus den eigenen Reihen erfolgten, war eine neue Dimension vor dem Hintergrund seiner ausgeprägten Streitkultur über die vier Jahrzehnte als Manager und Präsident.
Das Wesen der Hoeneß'schen "Abteilung Attacke" war immer die Verteidigung seines Babys FC Bayern. Als Gegnerschaft suchte er sich die Großen der Branche. Siehe die legendären Fehden mit dem Werder-Manager und Bremer SPD-Senator Willi Lemke oder mit Kölns Trainer Christoph Daum, den Hoeneß im Jahr 2000 als Bundestrainer verhinderte. Zeitweilig war Hoeneß Liga-Feind Nummer eins, erhielt Personenschutz. Mit Daum und Lemke hat sich Hoeneß längst ausgesprochen und versöhnt, lediglich mit Paul Breitner nicht.
Ehemaliger Weggefährte Breitner adelt Hoeneß' Lebenwerk
Der tiefsitzende Alphatier-Stolz, der die tiefe Männerfreundschaft abgelöst hat, ist nicht zu kitten. Während Lemke, Daum und selbst Louis van Gaal - besser: van Gockel - Hoeneß zum Rückzug aus dem Amt rührende Brief schrieben, meinte Breitner in der "tz" kurz und knapp:
Weggefährten wie Mehmet Scholl, ein Freund der Familie Hoeneß, zogen es bei Interview-Anfragen vor, respektvoll zu schweigen. Die Lebensleistung des Mr FC Bayern solle für sich stehen. Vielen Beobachtern war aufgefallen, dass Hoeneß in letzter Zeit das Gespür und der Instinkt für die verbale Auseinandersetzung mit dem feinen Florett verloren gegangen war. Ob Mesut Özil, Juan Bernat oder Marc-André ter Stegen - sie alle bekamen den schweren Säbel ab. Hinterher tat es ihm leid, Hoeneß entschuldigte sich für seine zu emotionale Wortwahl.
Der Präsident Hoeneß geht, "als selbstbestimmter Einschnitt ist es sicher der radikalste", wie er findet. Im Aufsichtsrat wechselt der 67-Jährige nur das Amt, gibt den Vorsitz ab, behält Sitz und Stimme. Über seine Zukunft wolle er "am Samstag nachdenken, wenn ich zu Hause am Tegernsee aufwache". Als Ex-Präsident, der sein Büro für seinen Nachfolger Herbert Hainer geräumt hat. Doch kann er, der sich weiter als Anwalt und erster Fan des Vereins sieht, wirklich loslassen? Seine Nachfolge ist geregelt, das war ihm wichtig. "Viele Betriebe gehen kaputt, weil der Alte nicht loslassen kann und alles besser weiß", sagte er dem vereinseigenen Mitgliedermagazin "51":
Und dann zum Hörer. Und dann zum Hörer. Wie letzten Sonntag, als er in der Sendung "Doppelpass" bei "Sport1" anrief, um eine Verteidigungsrede für Sportdirektor Hasan Salihamidzic zu halten. Aus dem Bauch, aus der Emotion - aber immer berechnend. Anrufe in Redaktionen und bei Reportern, dessen Storys ihm widerstreben, werden sich wieder häufen. Die frühere Abteilung Attacke, einst Standart-Werkzeug und Kalkül, erlebt eine Renaissance, wie er bereits ankündigte.
Und sonst? Er versichert: "Mein Leben ist total in Balance." Man mag es kaum glauben, da ihn der Abschied so aufwühlt. Verständlicherweise. Sein Rückzugsort wartet, speziell seine Frau Susi, ewiger Rückhalt, die er 1973 - beide waren 21 Jahre jung - heiratete:
Er will mehr Zeit mit der Familie verbringen, mit Hund Ben, einem Labrador-Mischling, Spaziergänge machen, das Golf-Handicap (aktuell 25) wieder verbessern und - man höre und staune - mehr Urlaub wagen.
Neuseeland und Australien würden Susi und ihn reizen, "da waren wir noch nie". Der Haken: Die Liebe zu Ben. "Daher sind lange Reisen leider schwierig. Bei uns zuhause ist ein Hund ein Familienmitglied, das sehr stark im Mittelpunkt steht." Nebenbei will er sich als Vorsitzender des Kuratoriums der Dominik-Brunner-Stiftung weiter engagieren, das ist ihm wichtig.
Ein Uli Hoeneß geht niemals so ganz. Das war's noch nicht. Bestimmt nicht.
Zur Person Patrick Strasser:
Der Fußballreporter und Buchautor ("Hoeneß - die Biografie" in Zusammenarbeit mit Günter Klein im "riva"-Verlag entstanden, seit Mittwoch in der 3. Auflage erhältlich). Begleitet Uli Hoeneß seit mehr als 15 Jahren kritisch und wurde - eben deshalb - einige Male vom Bayern-Patron persönlich angerufen.
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