Eine alte Fußballweisheit besagt: Wenn nach dem Spiel niemand über den Schiedsrichter redet, dann hat er einen guten Job gemacht. Glänzen durch Unauffälligkeit quasi. Der Leitspruch der Unparteiischen.
Felix Zwayer war am Samstagabend im Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern alles andere als unauffällig. Jeder Beteiligte, dem ein Mikrofon vor die Nase gehalten wurde, hatte etwas über den Schiedsrichter zu sagen.
Als alle gesprochen und gewütet hatten, ohne anderweitige Spielanalysen vorzunehmen, trat der Gescholtene selbst vor die Kameras. Ein Referee, der sich gezwungen sieht, einzelne Entscheidungen zu rechtfertigen - ein ungewöhnliches Prozedere.
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Konkret ging es bei all dem Wirbel um zwei Szenen, um einen Zwayer-Pack sozusagen: In der 53. Minute hatte Dortmunds Erling Haaland seinen Teamkollegen Marco Reus im Strafraum geschickt. Reus, deutlich eher am Ball als sein Gegenspieler Lucas Hernández, ging in der Folge des Laufduells mit dem Franzosen zu Boden. Die Fans forderten Strafstoß, Reus haderte ebenfalls. Das allsehende Auge, das an diesem Abend Tobias Welz hieß, blieb ebenso stumm wie Zwayers Pfeife. Kein Elfmeter.

Hummels-Hand, VAR-Eingriff und Rose-Rot

Rund 20 Minuten später folgte der nächste Aufreger: Mats Hummels hatte den Ball im Gewusel nach einer Bayern-Ecke mit dem Ellenbogen berührt. Sichtbar unabsichtlich zwar (immerhin hatte Hummels die Augen zu), der Arm war allerdings deutlich vom Körper abgespreizt.

Ein aufgebrachter Marco Rose wird weggetragen

Fotocredit: Imago

Diesmal meldete sich der Videoassistent aus Köln jedoch, riet Zwayer dazu, sich das Ganze einfach selbst nochmal anzusehen. Ein Blick, ein Pfiff. Elfmeter. Robert Lewandowski verwandelte zum entscheidenden 3:2. Unmut auf der Tribüne, blanke Wut auf der BVB-Bank, die in einem Innenraum-Verweis von Trainer Marco Rose mündete.

Zwayer liefert Rechtfertigung

Zwayer, der im Gespräch mit "Sky" merklich nervös wirkte, was mutmaßlich auch damit zusammenhing, dass er nicht allzu oft nach Spielen vor Mikrofone gezerrt wird, erklärte seine Elfmeter-Auslegung folgendermaßen: "Ich sehe sofort im laufenden Spiel, dass es eine faktische Berührung gibt, der Ball mit dem Arm von Hummels. Fragestellung für mich war: Ist der Arm vom Körper weggestreckt? Das war für mich im Spiel nicht mit einer Deutlichkeit wahrzunehmen, das habe ich unmittelbar an den VAR kommuniziert."
Besagter VAR habe dann dessen "Beurteilung vorgenommen und gesagt, dass Hummels den Arm in einer unnatürlichen Haltung vom Körper weggestreckt hat und am Ende den Ball deutlich mit dem Ellenbogen abwehrt." Nach eigener Ansicht der Bilder sei Zwayer zu dem Ergebnis gekommen, "dass es ein strafbares Handspiel ist." Eine nachvollziehbare Darlegung.
Doch warum handhabte der gebürtige Berliner es bei jenem Vorfall so, während er den Reus-Hernández-Zweikampf nicht noch einmal überprüfte? Auch dafür lieferte Zwayer eine Erläuterung: "Wir alle freuen uns und fordern auch immer wieder eine robuste Zweikampfführung, wir sollen die Spiele laufen lassen", so der 40-Jährige.

Reus-Hernández-Duell ein "herkömmlicher Zweikampf"

Er ergänzte: "Für mich war es im laufenden Spiel ein Kontakt im Oberkörperbereich, ein herkömmlicher Zweikampf, bei hohem Tempo, aber auch da darf Kontakt stattfinden."
Dass nicht nur im Oberkörperbereich, sondern auch im Beinbereich womöglich ein Kontakt bestand, Reus somit am Torabschluss gehindert wurde, thematisierte Zwayer nicht - weil auch der VAR diesbezüglich nichts einzuwenden hatte.
"Es ist ein robuster Zweikampf und ich habe mich aufgrund meiner großzügigen Linie im gesamten Spiel gegen einen Strafstoß entschieden." Der VAR habe ihn in seiner Wahrnehmung gestützt und dementsprechend kein On-Field-Review empfohlen.

Borussia Dortmund - FC Bayern

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Die Quintessenz: Bei Hummels hatte er schon während des Live-Geschehens ein Handspiel erkannt und dann vom VAR Gebrauch gemacht, in Reus' Fall blieb er bei seiner Marschroute, das Spiel an der langen Leine zu lassen. Trugschluss oder legitime Auslegung - das mag jeder für sich selbst beurteilen.

Reus und Rose schimpfen über Zwayer

Genau das taten die Protagonisten auch. "Oh yes, im Spiel fand ich es gar nicht so klar. Wenn ich es so sehe, muss der Schiedsrichter sich das mindestens anschauen", sagte Reus mit Blick auf seinen Zweikampf mit Hernández und eränzte: "Ich merke den Kontakt, aber in der Zeitlupe sieht es noch heftiger aus."
Auch Rose, der eigenen Angaben zufolge gar nicht über den Schiedsrichter sprechen wollte, ließ sich zu einer Schimpftirade verleiten. "Ich glaube, dass die Aktion bei Marco Reus ein Elfmeter und die Sache bei Mats Hummels streitbar ist. Es ist schade, dass ein Spiel so entschieden wird. Der Herr Zwayer kann gerne noch ein paarmal den BVB pfeifen und uns Stöcke und Steine in den Weg legen – wir werden weitermachen."
Selbst Thomas Müller, bei den BVB-Fans nicht unbedingt ganz oben auf der Beliebtheitsskala, sprang den Hausherren zur Seite. "Natürlich kannst du den geben", sagte er. "Wenn ich der Marco wäre, würde ich mich auch beschweren. Ich kann den Frust verstehen."

Bellingham mit brisanter Anspielung

Dortmunds Juwel Jude Bellingham, der offenbar firm mit der jüngeren deutschen Fußball-Historie ist, wütete: "Man gibt einem Schiedsrichter, der schon mal Spiele verschoben hat, das größte Spiel in Deutschland. Was erwartest Du?" Der Engländer spielte wohl auf ein unrühmliches Kapitel aus Zwayers Vergangenheit an. Indirekte, im Eifer des Gefechts vorgetragene Verschwörungsvorwürfe.

Jude Bellingham

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Zwayer war nämlich in den großen Wett- und Manipulationsskandal um Robert Hoyzer 2004 verwickelt. Er half später zwar dabei, die Affäre aufzudecken, die "Zeit" förderte jedoch 2014 ein DFB-Sportgerichtsurteil zutage, wonach Zwayer sechs Monate lang gesperrt worden war. Unter anderem, weil er seinerzeit versäumt hatte, die ihm bekannten Manipulationen Hoyzers zu melden.

Gräfe kritisiert Zwayer

Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe sorgte im Sommer dieses Jahres für weitere Einblicke, verriet, dass Zwayer damals käuflich gewesen sei. "Wer einmal Geld angenommen und Hoyzers Manipulation ein halbes Jahr verschwiegen hat, sollte keinen Profifußball pfeifen", forderte Gräfe im "Zeit Magazin" und kritisierte im Zuge dessen den DFB: "Der befördert Zwayer auch noch, trotz durchschnittlicher Leistungen."
Passenderweise war Gräfe, nachweislich kein Zwayer-Fan, für das "ZDF Sportstudio" am Samstag als Schiri-Experte vor Ort. Der ehemalige FIFA-Referee ließ ebenfalls kein gutes Haar an seinem ehemaligen Kollegen. Er vermisste die Balance: "Das waren schwierige Szenen, die unterschiedlich bewertet wurden. Die Entscheidungen sind zu Lasten des BVB ausgefallen, waren damit leider spielentscheidend."
Ja, Zwayer hat mindestens unglücklich agiert, das Spiel mit seinen Eingriffen beziehungsweise Nicht-Eingriffen beeinflusst. Immerhin war er im Anschluss um Erklärung bemüht und verteidigte seine fragwürdigen, aber nicht gänzlich abwegigen Entscheidungen vor einem Millionenpublikum. Dass ein Spiel zweier Spitzenmannschaften, das eigentlich genau das hielt, was alle sich versprochen hatten, nach Abpfiff zu einer Farce verkam, war aber nicht bloß ihm anzulasten.
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