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FC Bayern München | Arséne Wenger als Nachfolger von Niko Kovac: Passt das?

Top-Kandidat auf Kovac-Nachfolge? Was für Wenger spricht - und was nicht

26/11/2018 um 09:25

Die Luft für Niko Kovac beim FC Bayern München wird immer dünner. Nicht auszuschließen, dass die Bosse bald die Notbremse ziehen. Als möglicher Nachfolger soll intern immer häufiger der Name Arsène Wenger fallen. Wir haben einen Experten von Eurosport.co.uk gefragt, ob und wie der 69-Jährige zum FCB passen würde - und wen er vielleicht sogar vom FC Arsenal an die Säbener Straße locken könnte.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Arsène Wenger wieder ins Fußballgeschäft zurückkehren möchte. Das hatte er erst kürzlich in einem Interview betont: "Ich werde im nächsten Jahr wieder einen Klub betreuen", versicherte der 69-Jährige.

Mit einer Einschränkung. Der Franzose kann sich nicht mehr vorstellen, einen Klub in der Premier League zu trainieren. Aber alle anderen Angebote, die ihm ins Haus flattern, schaut er sich gerne an. Angeblichen Avancen des AC Mailand erteilte er jedoch eine klare Absage.

"Wenger könnte eine Lösung sein"

Adams erklärt:

"Es ist durchaus realistisch, dass Wenger gerne Bayern-Trainer werden möchte. Wir wissen, dass er die Bundesliga als Kind gesehen und den deutschen Fußball immer verehrt hat. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ihn Bayern wirklich ernsthaft in Betracht zieht. Bayern sollte höhere Ambitionen haben, als einen Trainer zu holen, der in den letzten neun Jahren das Viertelfinale der Champions League verpasst hat. Wenn es sich um ein temporäres Engagement handelt, könnte es in einer Bayern-Krise aber eine Lösung sein."

Sprich: Als Übergangslösung könnte er mit seiner immensen Erfahrung genau der richtige Mann sein.

Video - Anerkennung zum Abschied: Wenger bekommt überraschendes Geschenk

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Wenger war von 1996 bis zum Ende der Saison 2017/18 als Trainer bei den "Gunners" tätig. Aber ihm lastet der Makel an, in den ganz wichtigen Spielen der Königsklasse keine passenden Lösungen gefunden zu haben.

Jetzt taucht der Name Wenger im Zusammenhang mit Bayern auf, weil Niko Kovac nach dem blamablen 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf beim Rekordmeister gerade maximal unter Druck steht. Uli Hoeneß gab dem Kroaten zwar für das Champions-League-Spiel gegen Benfica Lissabon am Dienstag eine Jobgarantie, jedoch müsse der Verein jetzt "alles hinterfragen". Von "bis aufs Blut verteidigen" keine Spur mehr.

Arsène Wenger

Arsène WengerGetty Images

Falls Wenger nach München kommen würde, wäre sein großer Vorteil, dass der gebürtige Straßburger fließend Deutsch spricht. Eine der Anforderungen, welche die Bayern-Bosse nach dem Aus von Carlo Ancelotti an neue Trainer stellten.

Dazu erklärt Adams:

"Natürlich ist das ein Vorteil. Er spricht die Sprache und kennt die deutsche Kultur sehr genau. Wenger passt sich nahtlos an neue Umgebungen an - zumindest früher. Er hat während seiner Zeit bei Nagoya Grampus Eight sogar Japanisch gelernt und wird keine Probleme haben, mit allen großen Spielern der Bayern-Mannschaft zu kommunizieren. Er spricht auch Spanisch und Italienisch."

Wenger ist nicht an Kompromissen interessiert

An der Säbener Straße würde es Wenger aber mit zwei ausgemachten Platzhirschen zu tun bekommen, welche die Geschicke des Klubs seit Jahren leiten - nämlich Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge.

Mit beiden müsste Wenger klarkommen. Damit könnte er aber Probleme bekommen, so Adams:

"Wenger war einer der letzten Autokraten im englischen Fußball - ein Manager des Ferguson-Typs, der den Verein von oben bis unten kontrollierte. Deshalb hat der Verein so lange gebraucht, um ihn loszuwerden. Arsenal musste mit Sven Mislintat und Raul Sanllehi eine völlig neue Machtstruktur errichten, um einen Mann zu ersetzen. Ivan Gazidis war zehn Jahre lang praktisch sein Chef, aber Wenger hatte die ganze Zeit die meiste Macht, bis die Lage auf dem Platz so miserabel wurde, dass eine Veränderung eintreten musste. Wenger hat eine klare Vorstellung vom Spiel und ist nicht an Kompromissen interessiert. Wenn man sich die Bayern-Hierarchie ansieht, sind das nicht gerade die besten Bedingungen."

Trotzdem hätte München durchaus auch seine Reize - dort würde er um Titel und in der Königsklasse spielen.

Thierry Henry und Arsène Wenger 2004

Thierry Henry und Arsène Wenger 2004Imago

Das sieht Adams ähnlich:

"Wenger hat zwar noch keinen festen Job, aber es juckt in seinen Fingern. Erst kürzlich sagte er, dass er im neuen Jahr wieder arbeiten möchte. Wenn nicht Frankreich oder Italien, wäre Deutschland durchaus denkbar, weil es für den Mann aus dem Elsass nicht weit weg ist. Sein Geburtsort Straßburg ist nur 300 km von München entfernt."

Kleiner Nebeneffekt: Wenn Wenger nach München kommen würde, hätte er vielleicht den einen oder anderen Spieler im Gepäck, den Bayern dringend benötigt.

Zuletzt war Aaron Ramsey im Gespräch, den der bereits mehrfach mit Bayern in Verbindung gebracht wurde. Der walisische Nationalspieler steht seit 2008 beim FC Arsenal unter Vertrag.

Wenger und Ramsey zum FC Bayern?

Im kommenden Sommer wird der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler seinen Verein ablösefrei verlassen. Er hat den Klub-Bossen bereits mitgeteilt, dass er keinen neuen Vertrag bei den "Gunners" unterschreibt und eine neue Herausforderung sucht.

Adams meint:

"Ein Spieler, der wahrscheinlich ist, wäre Aaron Ramsey. Wenger liebt ihn. Er kaufte ihn als Teenager, hielt nach seinem schrecklichen Beinbruch zu ihm. Er spielte immer, wenn er konnte. Ramsey ist ein Spitzenspieler und könnte einen guten Job für Bayern machen."

Zwar hatte Wenger auch immer einen sehr guten Draht zu Mesut Özil, aber diesen Spieler würde Hoeneß niemals beim Rekordmeister akzeptieren. Dafür hat er Özils Spielweise viel zu oft kritisiert.

Falls Wenger kommen sollte, würde er wie bei Arsenal einen offensiven, attraktiven Fußball favorisieren. Er legt Wert auf Spieler, die kreativ sind und auf dem Platz selbstständig Lösungen finden.

Aaron Ramsey und Arsene Wenger

Aaron Ramsey und Arsene WengerGetty Images

Sich selbst beschrieb Wenger in einem "L'Equipe"-Interview 2015 wie folgt:

"Religiös heißt es, dass Gott den Menschen geschaffen hat. Ich bin nur ein Anführer. Ich erlaube anderen, auszudrücken, was sie in sich haben. Ich habe nichts geschaffen. Ich bin ein Vermittler dessen, was im Menschen schön ist. Ich definiere mich als Optimist. Mein ständiger Kampf in dieser Branche besteht darin, das Schöne im Menschen zu erreichen."

So schön der offensive Arsenal-Fußball in den vergangenen Jahren auch anzuschauen war, unter Wenger litt die Defensive. Einer der Punkte, warum Arsenal unter Wenger nie die Champions League gewann. Näher als im Endspiel 2006 gegen den FC Barcelona war Wenger nie am "Henkelpokal" dran. Auch in München wackelt die Defensive aktuell bedenklich - auch ohne Wenger.

Jens Lehmann und Arsenal verlieren das Finale 2006 gegen den FC Barcelona

Jens Lehmann und Arsenal verlieren das Finale 2006 gegen den FC BarcelonaGetty Images

Fußball-Experte Adams erklärt:

"Je älter Wenger wurde, desto naiver und fehlerhafter war Arsenal. Vielleicht wird er daraus lernen, aber was sich nie ändern wird, ist Wengers Idee des Spiels, das von Cruyffs und Ajax' Football Total in den 1970er Jahren inspiriert wurde. In seinen frühen Jahren bevorzugte er ein 4-4-2-System. Anfang der 2000er Jahre wurde daraus ein 4-2-3-1 und später auch ein 4-3-3. Im April 2017 wechselte Wenger nach über 1000 Spielen mit einer Viererkette plötzlich zum ersten Mal auf eine Dreierkette. Die Idee war, nicht mehr so ​​viele Gegentore zu kassieren, und die taktische Änderung wirkte sich kurzfristig aus: Arsenal verstärkte die Verteidigung und schlug ManCity und Chelsea im Halbfinale sowie im Finale des FA Cups und gewann den Titel."

Erst im hohen Alter erlangte Wenger somit etwas mehr taktische Flexibilität, ansonsten rückte der Weltklasse-Trainer nicht von seinen Grundprinzipien ab.

Schwer zu sagen, ob Wenger wirklich zu Bayern passen würde. Viele Dinge sprechen dafür, einige dagegen. In absehbarer Zukunft wird sich zeigen, ob die Münchner, falls Kovac tatsächlich seine Sachen packen muss, auf die Erfahrung der Trainer-Legende zurückgreifen.

Trainer-Check:

Doch auch wenn der Franzose aktuell als heißester Kandidat auf die mögliche Kovac-Nachfolge gehandelt wird, ist er nicht der einzige denkbare Nachfolger. Mit Zinédine Zidane und Antonio Conte haben wir zwei weitere Optionen genauer unter die Lupe genommen.

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