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Der Virus als Chance für die Liga: Zurück in die Mitte der Gesellschaft

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Hans-Joachim Watzke

Fotocredit: Getty Images

VonThilo Komma-Pöllath
30/03/2020 Am 10:10 | Update 30/03/2020 Am 10:20

Noch immer hat der Coronavirus die Bundesliga fest im Griff. Während BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mit seien Positionen weiter für Wirbel sorgt und nichts zurücknehmen will, ruft Aue-Präsident Helge Leonhardt höchst martialisch die "Alarmstufe Rot" aus. Der LIGAstheniker hingegen sieht in Corona die Chance, den Fußball wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

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Dortmunds Geschäftsführer Aki Watzke kann gerade sagen was er will, hinter jedem Halbsatz lauert eine Fremdscham Stromberg'schen Ausmaßes (Sie erinnern sich, der “Stromberg” von der Capitol-Versicherung, der perfekte Streamingtipp gerade für jetzt). Watzke also gab am Wochenende der "Bild am Sonntag" ein Interview, um wiederum ein Interview zu erklären, das er vor zwei Wochen in der "ARD-Sportschau" zum Besten gab und in dem er als seelenloser Bundesligamanager auftrat.

Wirtschaftliche Hilfe für kleinere Klubs lehnte er prinzipiell ab mit dem Hinweis, dass man Vereine, die "ein bisschen Polster angesetzt haben", er meinte ein Finanzpolster, nicht bestrafen dürfe. Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Watzke bei seinem inzwischen berühmt gewordenen Auftritt gar nicht so recht verstand, was die ganze Corona-Aufregung eigentlich solle und warum es überhaupt eine Pause brauche.

Karl-Heinz Rummenigge (links) und Hans-Joachim Watzke

Fotocredit: Getty Images

In seinem neuerlichen Interview bekräftigte er, dass er alles heute genauso noch einmal sagen würde, wenn auch vielleicht mit einem Lächeln im Gesicht. Nix gelernt könnte man sagen, dabei ist die deutsche Ligawelt heute eine andere als vor zwei Wochen. Die vier deutschen Champions-League-Mannschaften haben einen Hilfsfond über 20 Millionen Euro aufgelegt für Corona-bedingt, kriselnde Klubs der ersten und zweiten Liga. Man muss davon ausgehen, dass BVB-Boss Watzke die Notwendigkeit eines solchen Fonds bis heute nicht verstanden hat. In der "BamS" sagt Watzke dann auch ganz offen, dass nicht er, sondern Karl-Heinz Rummenigge auf die Idee gekommen sei.

Warum hat er überhaupt mitgemacht?

20 Millionen, aber wie solidarisch ist die Liga?

Zu Beginn der dritten Woche der Corona-Beschränkungen wird der Fußball immer deutlicher zum Brennglas dringend nötiger gesellschaftlicher Diskussionen, die in ganz normalen Zeiten allzu leicht unter der Decke gehalten werden. Wie ernst ist es uns mit der Solidarität untereinander und wer will einfach nur den eigenen Vorteil? Im Fußball wie auch darüber hinaus? In einer perfekten Watzke-Welt, die einzig auf sich selbst schaut, würde der in eine Mietdiskussion geratene Großkonzern Adidas als BVB-Sponsor aus der Corona-Krise hervorgehen.

Wollen wir das? Dass die 20 Millionen-Euro-Aktion über die "Bild-Zeitung" lanciert und nicht von der DFL offiziell verkündet wurde, ließ einige der Nutznießer der Idee, etwa den FSV Mainz, umgehend daran zweifeln, ob es tatsächlich um die "Gemeinschaft aller Klubs" gehe, wie die DFL es nannte, oder doch um ein durchschaubares Manöver der Großklubs, die ganze Liga an den Tropf zu hängen. Wer weiß heute schon, was die BIG FOUR in Zukunft einmal als Rechnung präsentieren, wenn die neuen TV-, Sponsoren- und sonstigen Vermarktungsgelder verteilt werden.

Ist die Liga also eine Solidargemeinschaft oder eine, die nur so tut und Watzke sagt einfach, was alle da oben wollen?

Welche Alarmstufe ist angebracht?

Die Corona-Taktik der Liga, der Krise zu begegnen, erinnert dabei bildlich gesprochen an den BVB der bisherigen Spielzeit. Vorne einen raushauen und gleichzeitig hinten sentimental werden. Meister oder Krisengewinner wird man damit nicht. BVB-Watzke und der Präsident des Zweitligisten Erzgebirge Aue, Helge Leonhardt, sind dabei die Pole der aktuellen Diskussion.

Leonhardt sprach in einem Post von der "Alarmstufe Rot" und dem "unsichtbaren Feind, den wir nicht eliminieren können", mit dem Ergebnis einer drohenden "Kernschmelze" in jedem Bereich. Watzkes mangelnder Sinn für Solidarität mag irritierend sein, aber Leonhardts Appell, als stünden wir unmittelbar vor Stalingrad, ist zugleich hysterisch überzogen.

Deutschland befindet sich nicht im Krieg, die Krise verläuft hierzulande bisher gemäßigter als in anderen Ländern, auch sollte das deutsche Ligapolster, wenn die Klubs wirklich so gut gewirtschaftet haben wie zuvor immer behauptet, größer sein, als in den hochverschuldeten Ligen Italiens und Spaniens.

Und offensichtlich geht es auch dem Aue-Boss, hört man genauer hin, vor allem um seine Firmen und sein Lebenswerk, da ist er dann also wieder ganz bei Watzke. Manchmal kann man den Eindruck bekommen, die Fußballmerkels wollen unbedingt noch viel tiefer in den Steuertopf greifen.

Auch eine Corona-Taktik: Die Liga schrumpft sich gesund

Der Fußball sollte sich hierzulande nicht so irre wichtig nehmen. Kurzarbeit ist keine Rufschande, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit in Notzeiten. Und wenn es nicht immer weiter nach oben geht, weil ein neuer TV-Vertrag (auf die Vergabe des nächsten noch in diesem Jahr darf man gespannt sein) immer noch mehr Geld hineinpumpt in den Durchlauferhitzer Bundesliga, dann bietet Corona die Gelegenheit, seinen Businessplan zu überprüfen und notfalls anzupassen.

Wenn man so will: Gesund schrumpfen dank Virus. Die Bundesliga kann jetzt nachjustieren, was sie vielleicht wieder sein will: Eine Solidargemeinschaft untereinander, eine Liga für ihre Anhänger, Menschen aus allen Schichten, ohne die es gar kein Geschäftsmodell gäbe.

Oder aber Milton-Friedman-Kapitalismus in seiner Aki Watzke-Ausprägung, um den Scheich- und Finanzinvestor-bezahlten Großklubs wie Paris, Liverpool oder Barcelona hinterherhecheln zu können. Beides gleichzeitig, lieber Aki Watzke, ist heuchlerisch. Corona könnte den deutschen Fußball als Geschäftsmodell wieder stärker in die Mitte der Gesellschaft rücken. Das wäre doch schon was!

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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