Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Wenn man ein weiteres Mal Anschauung nehmen wollte, warum diese Bayern seit acht Jahren das Maß der Dinge in der Bundesliga sind, dann reichte der jüngste Spieltag dafür vollkommen aus. Es sind gar nicht die reinen sportlichen Ergebnisse, die den Klassenunterschied zwischen den Bayern und dem ganzen Rest der Liga am Ende markieren, vielmehr sind es die offen zu Tage tretenden Widersprüche am Spielfeldrand derer, die allzu gerne die große Bayern-Dämmerung einläuten möchten und dann doch am amateurhaften Krisenmanagement der eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

Bundesliga
BVB-Star am Scheideweg: Sancho droht ein dauerhaftes Problem
09/06/2020 AM 05:33

Am deutlichsten wird das gerade Mal wieder bei Borussia Dortmund, dem großen Herausforderer der Bayern, der nominellen Nummer Zwei hierzulande - dem ewigen Zweiten, das trifft es wohl besser.

Dortmunder Dummheiten

Da lässt der hochbegabte Jadon Sancho, zugegeben erst 20, also einen Friseur kommen. Das war in aller Munde und selten dämlich. Dass das gegen das Hygienekonzept der DFL verstößt, das wusste er. Diesen Friseurbesuch ohne jeglichen Schutz und Abstand über Social Media mit seinen Followern zu teilen, kann man nur als dumm bezeichnen.

Dass er die von der DFL verhängte Geldstrafe auf Twitter als "totalen Witz" bezeichnete, ist dann kaum noch adäquat zu kommentieren. Tatsächlich könnte man fragen, was eine Geldstrafe bringen soll, wenn sich Sancho mit dem Virus angesteckt hat, ob eine zweiwöchige Spielsperre nicht angemessener wäre im Angesicht des tückischen Virus'. Sei's drum. Als sein Chef, BVB-Coach Lucien Favre im "ZDF" darauf angesprochen wird, will er darüber partout nicht sprechen.

BVB | Jadon Sancho

Fotocredit: Getty Images

Kein böses Wort kommt ihm über seinen einfach gestrickten Superstar über die Lippen, keine Ermahnung, keine Erinnerung an den Vertrauensvorschuss, den die Liga von der Politik erhalten hatte, um als erste große Sportliga der Welt wieder den Betrieb aufnehmen zu dürfen, was eigentlich seine pädagogische Aufgabe gewesen wäre. Favre marschiert beleidigt von dannen. Sie fragen zu Recht: Und was hat das alles mit dem FC Bayern zu tun? Das ist es ja: überhaupt rein gar nichts!

Die Bayern haben verstanden, der BVB nicht

Glaubt irgendjemand, dass einem Bayern-Spieler eine solche multiple Dummheit unterlaufen könnte, und sei er noch so jung? Und selbst angenommen wenn, dass der Klub sich dermaßen von einem Spieler ungestraft blamieren ließe? Das glaubt zu Recht niemand! Kein anderer als Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hatte besser verstanden, dass der Re-Start der Liga nach der Corona-Pause eine "Lex Bundesliga" war, ein Spielen auf Bewährung, der man sich erwachsen genug erweisen sollte.

In der Folge dessen haben die Bayern einen Hilfsfonds nach dem anderen aufgelegt oder initiiert, unter anderem auch für die Dritte Liga. Die Bayernspieler Leon Goretzka und Joshua Kimmich haben in der Pause unter dem Hashtag "We Kick Corona" eine Onlineplattform gegründet, um soziale, karitative und medizinische Einrichtungen mit Spenden zu unterstützen. Nach eigenen Angaben haben Goretzka und Kimmich eine Million Euro ihres eigenen Geldes in den Topf gelegt.

Goretzka und Kimmich initiierten "WeKickCorona"

Fotocredit: SID

Und der BVB? Erscheint dagegen wie ein total schlechter Joke. Nicht nur der einfältige Mister Sancho, auch dessen Boss Aki Watzke war während der Corona-bedingten Spielpause nur dadurch aufgefallen, dass er Angst um sein Geschäftsmodell hatte. Zwischen dem FCB und dem BVB klafft nicht nur sportlich eine Lücke, wie sie im öffentlichen Eindruck kaum größer sein könnte.

Erfolgreicher Fußball ist immer Organisation

Eine Profifußballmannschaft mit seinen 20, 25 Spielerindividuen zu organisieren ist ein kompliziertes Geschäft. Zumal, wenn man international Spitze sein will. Die Organisation von Klub und Kader ist dabei mindestens so wichtig wie die sportliche Organisation auf dem Feld.

Spotify oder Apple Podcast? Höre alle Folgen "Extra Time" auf der Plattform deines Vertrauens

Wie ein Klub geführt wird, das kann man auf dem Rasen sehen. Da geht es um Themen wie Leadership, um Mitsprache und klare Verantwortungsstrukturen, um Wettbewerb und Unternehmenskultur, die alle mittragen. Hat der BVB so eine Kultur? Die Mannschaft hat am Wochenende gegen Hertha gewonnen, aber gesprochen wurde über Sanchos Friseurbesuch, warum Mario Götze nicht im Stadion war (er erwartete sein erstes Kind) und warum man wöchentlich einen neuen Trainernamen diskutieren kann, der den ungelenken Favre angeblich ablösen wird, obwohl der noch Vertrag hat.

Wenn es derart viele abseitige Diskussionsschauplätze gibt, dann weiß man, dass es mit dem Klubprofessionalismus nicht so arg weit her sein kann. Und die Bayern?

Vorschlag: Bayern-Praktikum für Aki

Auch sie hatten solche und ähnliche Diskussionen mit dem verschlafenen Umbruch bei Robben/Ribéry vor Jahren, dem lustlosen Boateng oder dem am Ende überforderten Niko Kovac. Die Bayern haben Ihre Schlüsse daraus gezogen. Und selbst der ewig stänkernde Kovac-Kritiker Rummenigge gibt sich derzeit schnurrend wie ein Hauskätzchen.

Das hat es beim FCB selten gegeben, dass sich alle lieb haben. Verliebt in den menschelnden Mentalitätstrainer Flick, ganz stoned von Kimmich als neuem Pirlo, bass erstaunt ob des Führungsspielers Goretzka, begeistert vom neuen Abwehrchef Alaba; alle bewundern Tormaschine Lewandowski, selbst die Ersatzspieler sind seit Flick so happy wie sie nie waren. Und trotz des allgemeinen Schmusekurses im Klub ist die Konzentration im Kader, die Dynamik auf dem Feld, der Wettstreit und der Ehrgeiz unter den Spielern vielleicht so groß wie nie.

Karl-Heinz Rummenigge (li.) im Gespräch mit Hans-Joachim Watzke (re.)

Fotocredit: Eurosport

Wenn "Sky"-Experte Didi Hamann von den besten Bayern der letzten 15 Jahren schwärmt, dann ist das vielleicht übertrieben, vor allem aber eine Frage der internen Abläufe und Struktur. Vielleicht kommt Aki Watzke ja demnächst mal auf ein Praktikum an der Säbener Straße vorbei.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

FC Bayern sticht offenbar Barça bei diesem Youngster aus

Premier League
Kehraus bei Arsenal: Özil und Mustafi auf der Abschussliste?
08/06/2020 AM 06:39
Bundesliga
Borussia Dortmund - Mönchengladbach live im TV, Livestream und Liveticker
VOR 37 MINUTEN