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Das Coronavirus und die Folgen: Schluss mit "The show must go on"

Das Coronavirus und die Folgen: Schluss mit "The show must go on"

09/03/2020 um 11:54Aktualisiert 09/03/2020 um 12:23

Hass-Plakate und Corona - diese Themen überlagern aktuell mitunter die sportliche Berichterstattung über die Bundesliga. Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath fordert in seinem Blogbeitrag von der DFL bei beiden Themen ernsthafte Taten statt Worthülsen und damit ein Ende der Placebo-Politik. Außerdem könnten Bundesliga-Spiele ohne Zuschauer aus seiner Sicht auch etwas Gutes haben.

Liebe Fußballfreunde,

es gab einmal einen Fußballweltpräsidenten, der verglich die gesellschaftliche Kraft des runden Leders mit der UNO. Keine andere Sportart und auch sonstige soziale Bewegung hätte diese Möglichkeiten, die Welt zu einen und zu befrieden, das war das Motto des ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter.

Er selbst sah sich dabei als eine Kreuzung aus Mutter Theresa und António Guterres. Selten grober Unfug, klar, aber auch hierzulande gefällt sich der Fußball als größtes Massenspektakel des Landes in seiner sinnstiftenden Rolle.

Tatsächlich ist der Fußball Samstag für Samstag der Ort, an dem Gemeinschaft entsteht. Das letzte Lagerfeuer, der größte gemeinsame Nenner der Republik, die sonst in Filterblasen, Social Media Kanälen und Disruption zerfällt. Wie groß die Hybris der Bundesliga ist, kann man gerade in diesen verwirrenden Wochen erleben.

Falsches Motto der DFL

Es gilt, Rassismus und einen unbekannten Virus nachhaltig zu bekämpfen, aber viel mehr als eine lausige, sichtbar nicht ernstgemeinte Proklamation von Plattitüden kommt nicht. Nichts darf das florierende Geschäftsmodell stören. Das Motto der DFL: "The Show must go on"!

Plakate im BVB-Block beim Spiel in Mönchengladbach

Plakate im BVB-Block beim Spiel in MönchengladbachGetty Images

Die Liga schaut hilflos zu

Was vor einer Woche noch zum Skandal taugte, der die Bundesliga für immer verändern sollte, war jetzt schon von der Meinungsfreiheit gedeckt. So schnell wird Hass wohl nur im Fußball salonfähig. Warum selbst jetzt, in dieser aufgeheizten Stimmung, immer noch massenhaft Plakate ins Stadion geschmuggelt werden konnten, dazu gab es von Seiten der DFL wieder keine einzige Erklärung.

Angesichts solcher Umtriebe verpufft die sicher gut gemeinte "Rot gegen Rassismus"-Aktion des FC Bayern, wenn überall sonst Wut und Hass in den Stadien regieren. Und die Liga schaut hilf- und ratlos zu, kein einziges Instrumentarium scheint sie in Händen zu halten, um dem ein Ende bereiten zu können.

Die Bundesliga ist kein wärmendes Lagerfeuer, sondern für viel zu viele, die sich benehmen, als wären sie von einem unheilbaren Virus befallen, der Tummelplatz, wenigstens für einen Nachmittag ihrem alltäglichen Durchschnittsleben entkommen zu können.

Die Placebo-Politik der DFL

Und jetzt also der Coronavirus und wieder schlafwandelt die DFL durch die Stadionkatakomben als würde sie gar nicht mehr wahrnehmen, was außerhalb der Stadien, also im richtigen Leben, gerade so passiert. Man könnte ja der Meinung sein, dass die Corona-Hysterie übertrieben ist, eine Meinung, die der LIGAstheniker im Übrigen teilt.

Und die DFL? Als Gesundheitsminister Spahn am Sonntagnachmittag die Empfehlung abgab, Veranstaltungen ab 1000 Menschen auszusetzen oder abzusagen, gab DFL-Chef Christian Seifert etwa zeitgleich eine Erklärung ab, die geradezu typisch war für das Haltungsproblem der Liga. Selbstverständlich gelte der Gesundheit der Bevölkerung und aller Fußball-Fans oberste Priorität, war da zu lesen, aber selbstverständlich stehe es außer Frage, dass die Saison zu Ende gespielt werden müsse, um Auf- und Absteiger zu ermitteln.

Im Tonus identisch agiert die DFL auch beim Thema Hatespeech und Rassismus. Selbstverständlich sind wir gegen jede Form des Rassismus, trotzdem werden wir keine Spiele abbrechen oder Strafen aussprechen, die den Klubs tatsächlich weh tun würden. Merken Sie was? Es wird nur so getan als ob, tatsächlich ist das eine reine Placebo-Politik, die den Problemen gar nicht wirklich Herr werden will und kann.

Lieber Geister- als Zombiespiele

Dass es auch anders geht, zeigen Länder wie die Schweiz und Italien. In der Schweiz sind bis Anfang April alle Ligaspiele ausgesetzt, in Italien finden sie bis auf weiteres ohne Zuschauer statt. Dass die Bundesliga wichtiger, größer wäre als die Serie A in Italien, das kann kein Mensch ernsthaft behaupten.

Eine Bundesliga ohne Zuschauer, die sich Woche für Woche in ihrem Hass ergehen, wäre eine Wohltat und die dringend nötige Besinnungspause für eine Liga, die um ihre gesellschaftspolitische Rolle und Spielkultur ringt. Die sogenannten "Geisterspiele" werden kommen, das hat der Gesundheitsminister von NRW schon angekündigt. Und das ist gut so. Mir sind Geisterspiele allemal lieber als solche mit derart vielen Zombies auf der Tribüne.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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