FC Bayern: Der leise Abschied von Sven Ulreich

Sven Ulreich wird den FC Bayern München wahrscheinlich in diesem Jahr verlassen. Mit Alexander Nübel kommt ein neuer Keeper vom FC Schalke 04 als Herausforderer für Manuel Neuer, auf die Nummer drei hat Ulreich wenig Lust. Das 3:1 gegen den SC Freiburg könnte also sein letztes Spiel in der Allianz Arena gewesen sein. Es war leise und hatte gute, aber auch schwache Momente. Es hat zu ihm gepasst.

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Aus der Allianz Arena berichtet Daniel Rathjen
Es sind die Momente, die sich für Torhüter wesentlich intensiver anfühlen als Tore der eigenen Mannschaft. Ein gegnerischer Stürmer läuft frei auf ihn zu, es gibt nur das direkte Duell. Wer zuckt zuerst? Wer behält die Ruhe? Für Sven Ulreich war einer dieser Momente am Samstag im Duell gegen den SC Freiburg kurz vor dem Abpfiff beim Stand von 3:1 aus Sicht seines FC Bayern München gekommen.
Chan-hoon Kwon hatte eine Unachtsamkeit der Meister-Abwehr ausgenutzt und sprintete auf Ulreich zu. Der blieb kühl und entschärfte die Situation mit einer blitzartigen Reaktion. Es könnte seine letzte Aktion im Trikot des deutschen Rekordmeisters gewesen sein.
Wenn sie es dann war, dann war es grundsätzlich ein schöner, wenn auch leiser Abschied des Ersatzkeepers, der den Einsatz gegen die Breisgauer als Vertreter für Stammtorwart Manuel Neuer von FCB-Trainer Hansi Flick quasi geschenkt bekommen hatte. Als Lohn für sein tadelloses Verhalten sozusagen. "Er macht einen sensationellen Job, ist in jedem Training motiviert", hatte Flick betont.

Ulreich empfiehlt sich für andere Vereine

Für Ulreich war die Partie auch eine Gelegenheit, sich für andere Vereine zu empfehlen. Er strebt einen Wechsel an. Denn wenn im Sommer Alexander Nübel, Deutschland größtes Torwart-Talent, von Schalke 04 zu den Bayern wechselt, wäre er nur noch Nummer drei. Für ihn, der immer loyal und da war, wenn er gebraucht wurde, war die Nübel-Verpflichtung ein Schlag ins Gesicht, den er erst einmal verkraften musste.
Seine Miene im Trainingslager in Doha im Januar am Tag, nachdem er von Sportdirektor Hasan Salihamidzic davon erfahren hatte, sprach jedenfalls Bände. "Wenn du Nübel verpflichten kannst, musst du das als Verein machen. Was das für mich bedeutet, muss ich jetzt erstmal einordnen", sagte er. In den vergangenen Wochen ist sein Entschluss gereift.
Mit 31 Jahren kann er mit der Degradierung vom Ersatzkeeper zum Ersatz vom Ersatz nicht leben, trotz eines sicher sehr gut dotierten Vertrags, der noch bis 2021 läuft. Ulreich hat schließlich nie einen Hehl daraus gemacht, dass er noch Ambitionen hegt und zum Abschluss seiner Karriere gerne wieder irgendwo die Nummer eins wäre. Das Zeug dazu hat er allemal, auch wenn kleine Unsicherheiten ob fehlender Spielpraxis unübersehbar sind. Fußballerisch hat er sich, seit er 2015 vom VfB Stuttgart nach München wechselte, definitiv enorm weiterentwickelt. Auf der Linie war der zweifache Familienvater schon immer stark.
Das Problem: Der Transfermarkt ist in diesem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr kaum einzuschätzen. Die Finanzen sitzen bei keinem Klub so richtig locker. "Ich werde versuchen, einen neuen Verein zu finden", hatte Ulreich dennoch kürzlich bei "Sport1" bekräftigt. Ob Bundesliga oder Ausland - offen wäre "Ulle", wie ihn seine Kollegen in der Mannschaft rufen, wahrscheinlich für vieles, wenn die Perspektive zwischen den Pfosten stimmt.

Am Ende überwiegt die Zufriedenheit

Auf seine Bayern-Zeit wird er mit Zufriedenheit blicken. So hart es oft für ihn gewesen sein muss, dauerhaft die Bank zu drücken, so wertvoll waren die Erfahrungen, Titel und natürlich das Gehalt. Aufgrund von Verletzungen von Neuer stand Ulreich in der Saison 2017/18 sogar beinahe über die komplette Runde im Tor, hielt phasenweise überragend, um sich dann wieder in sein Schicksal als Nummer zwei zu ergeben. In Erinnerung bleibt aber auch sein Patzer gegen Real Madrid im Halbfinal-Rückspiel der Champions League 2018 gegen Karim Benzema.
Als der Schlusspfiff gegen Freiburg ertönte, entfuhr Ulreich auch kein Siegesschrei. Er nahm ihn gelassen zur Kenntnis, ging in aller Ruhe vom Strafraum zurück zu seinem Tor, holte seine Flasche aus dem Netz. Torwart-Trainer Toni Tapalovic war der Erste, der ihm zur gelungenen Parade kurz vor Schluss gratulierte. Ulreich lächelte schließlich, als Thomas Müller ihn mit einem lauten "ULLE!" ebenfalls dazu beglückwünschte. Das Stadion war leer, es war leise. Dann verschwand er von der Bildfläche.
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