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FC Bayern paradox: Welche Lehren zieht die Liga aus Corona?

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FC Bayern: Karl-Heinz Rummenigge und Herbert Hainer

Fotocredit: Getty Images

VonThilo Komma-Pöllath
04/05/2020 Am 10:15 | Update 04/05/2020 Am 20:34

Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath beleuchtet die unterschiedlichen Stoßrichtungen, die die Bayern-Bosse Herbert Hainer und Karl-Heinz Rummenigge propagieren. Dabei zieht er einen Vergleich zum FC Schalke 04. Der LIGAstheniker ist sich sicher, dass auch größerer finanzieller Einfluss von Investoren in der Bundesliga zu keiner wirklichen Verbesserung der königsblauen Lage führen würde.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

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Es ist womöglich völlig egal für den FC Bayern, ob tatsächlich Fußball gespielt wird oder eben gerade nicht, die Strahlkraft seiner Schlagzeilen produzierender Funktionäre ist so groß, dass sie immer und in jedem Fall die Debattenhoheit für sich reklamieren können.

Das Wochenende war dafür wieder ein Paradebeispiel.

Was könnte man mit einer derartigen publizistischen Ausnahmestellung alles auf den Weg bringen - Corona besiegen, Klimawandel managen, Weltfrieden organisieren, Voraussetzung dafür, wäre ein abgestimmtes Vorgehen, eine in sich konsistente, widerspruchslose Message, die mit der medialen Wucht des Rekordmeisters in das Land mit seinen Abermillionen dürstenden Fans hineingetragen wird.

Und stattdessen also nun das: Am Sonntag plädiert der neue Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende Herbert Hainer im "ZDF" für eine Auflösung der 50+1 Regel, um frisches Investorengeld in die Liga zu holen.

Zwei Bosse, zwei Richtungen

Tags zuvor hatte sein Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge noch völlig andere Lehren aus der Corona-Krise gezogen, er sprach von der Wiederherstellung der "Vernunft" und einem Ende der Exzesse um Gehälter, Ablöse und Provisionen.

Der eine also will, dass es nicht mehr die Vereinsstruktur des Fußballs, sondern der Markt richten soll, der andere will genau das Gegenteil.

Um im Bild zu bleiben: Es ist schlicht nicht vorstellbar, dass der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank das Investmentbanking ausweiten und der Vorstandsboss es gleichzeitig aus ethischen Gründen einstellen will. FC Bayern paradox.

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Herbert Hainer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bei der Jahreshauptversammlung des FC Bayern im November 2019

Fotocredit: Eurosport

Hainer - ein Wolf im Schafspelz?

Wer gedacht hatte, dass die Vielstimmigkeit des Bayern-Vorstands mit dem Ende der Ära Hoeneß vs. Rummenigge der Vergangenheit angehört, der darf sich nun getäuscht sehen. Und dabei mutiert der neue Hoeneß Hainer zu einer Art Anti-Hoeneß.

Dem Original-Uli vom Tegernsee war das Gschäftlmachen immer wichtig, aber eben auch die Aufrechterhaltung der Vereinsstruktur, der Verein sollte immer noch die finale Maßgabe aller Entscheidungen sein.

Er war Kapitalist und Traditionalist in einem, das kann man von Hainer, der in seinen bisherigen Bayern-Tagen eher die Aura eines Kuschelbärs verströmte, nun nicht mehr sagen. Und eigentlich hätte das auch niemanden verwundern dürfen. Hainer kommt aus der Industrie, er will mehr liquide Mittel, mehr Marktdynamisierung, das hat er bei seinem früheren Arbeitgeber Adidas gelernt.

Schon unter seiner Ägide war der Traditions-Sportartikler zu einem Global Player herangewachsen, der auf eine rigide amerikanische Unternehmenskultur setzte, die keinen Spaß mehr machte. Man musste sich dafür nur mit denen unterhalten, die für Adidas arbeiteten, mit Shopleitern zum Beispiel, was ich ausgiebig tat.

Zugegeben, der heutige CEO Kaspar Rorsted toppt das alles noch einmal um den Faktor 100.

Einer wie Rorsted würde aus der Bundesliga zu allererst die Vereine herausschneiden, soviel ist sicher. Ist das der Weg, den der Fußball in Deutschland nehmen soll?

Mahnmal Schalke

Hainers Credo - man solle es den Vereinen selbst überlassen, wie viele Anteile sie abgeben wollen - las sich für viele, wie auf den FC Schalke 04 gemünzt, der durch Corona offenbar vor der Pleite steht.

Was er übersieht: Eine Strukturveränderung dynamisiert nicht in jedem Fall den dafür nötigen Sachverstand. Schalke ist mit all seinen Kennzahlen ein "skandalös-exzessiver Verein", um die Wortwahl Rummenigges zu benutzen.

Mehr noch: Der skandalöseste Klub der Liga. Der zweitteuerste Kader der Liga verschlingt jährlich rund 100 Millionen Euro, was aber nicht für eine regelmäßige Champions-League-Teilnahme reicht, geschweige denn für nationale Titelgewinne. Derzeit steht Schalke auf Platz 6. Mittelmaß!

200 Millionen Schulden werden dem Klub, im Falle eines Saisonabbruchs und damit ausbleibender TV-Gelder, mutmaßlich in die Insolvenz treiben. Und sollte das passieren, droht auch dem Steuerzahler ein Schaden in Höhe von knapp 40 Millionen Euro, weil die Kreditbürgschaften des Landes NRW dann auch verloren sind.

Die Schalke-Profis befinden sich nun im Cybertraining

Fotocredit: SID

Struktur und Sachverstand

Das ist, wenn man mit Rummenigge so will, Exzess pur.

Und man kann bei Schalke zwar sagen, dass die Profiabteilung immer noch nicht in eine eigene Kapitalgesellschaft ausgegliedert wurde, was man natürlich längst hätte tun können, geführt wird der Klub aber von einem schwerreichen und in seinem eigenen Metier höchst erfolgreichen Privatunternehmer, der mit seinem Fleischimperium jährlich sieben Milliarden Euro umsetzt.

Dagegen ist jeder Profiklub Peanuts. Der mit seiner Nähe zum Autokraten Putin auch den russischen Staatskonzern Gazprom als Hauptsponsor gewinnen konnte, nur sportlich hat das alles nichts gebracht.

Was ich sagen will ist: Es ist nicht das Geld, das fehlt, es ist der Sachverstand, der in München in allen Dimensionen da ist - sportlich, wirtschaftlich, personell - und auf Schalke nicht.

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Salary Cap & Steuergeld

Die Aufhebung der 50+1 Regel, noch mehr Investorengeld hätten auf Schalke zu keinem anderen Ergebnis geführt. Und Hainer selbst erklärte auch gleich, dass der FC Bayern selbst gar nicht daran denke, die Entscheidungshoheit an Investoren abzugeben.

Wenn ein Klub der Bundesliga die von Rummenigge ins Spiel gebrachte Gehaltsobergrenze braucht, dann Schalke mit seinen mittelmäßigen Spitzenverdienern. Dass nun womöglich der Steuerzahler für die Gelsenkirchener Misswirtschaft aufkommen soll, ist der vorläufige Höhepunkt eines Exzesses namens Profifußball in Deutschland.

Ein veritabler Skandal. Wer hätte gedacht, dass ich Herrn Rummenigge einmal so uneingeschränkt Recht geben würde.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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