Julian Brandt vom BVB: Talentierte Schachfigur zwischen Genie und Wahnsinn
Julian Brandt hat in seinem ersten Jahr bei Borussia Dortmund überzeugt und die Saison mit der Vizemeisterschaft abgeschlossen. Entsprechend zufrieden zeige sich der 24-Jährige mit dem Erreichten. "Für das erste Jahr war es echt in Ordnung", zog Brandt im Interview mit den "Ruhr Nachrichten" Bilanz. Bemerkenswerterweise ist aber noch immer unklar, welche Rolle er beim BVB genau spielen soll.
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Warum steht Julian Brandt schon wieder nicht in der Startelf? Wieso vertraut ihm der Trainer nicht? Weshalb bekommt Brandt immer nur Kurzeinsätze?
So und so ähnlich fielen die Reaktionen der deutschen Fußball-Fans im Sommer 2018 aus, als Bundestrainer Joachim Löw den Blondschopf partout nicht voll ins Spiel bringen wollte - obwohl die DFB-Auswahl eine historische schlechte WM absolvierte, obwohl Brandt bei seinen insgesamt nur 19 (!) Einsatzminuten in der Vorrunde als einer der wenigen Spieler im deutschen Kader offensive Impulse setzte.
Zeitsprung in die Gegenwart, der Blick geht nach Dortmund.
Der Trainer dort heißt Lucien Favre, und der hat den 24-Jährigen in 33 von 34 Saisonspielen in der Bundesliga eingesetzt. Ein Wert, auf den sonst nur noch Achraf Hakimi und Thorgan Hazard kommen.
Tor des Monats und Riesenbock in einem Spiel
Brandt spielt also fast immer, ist nicht wegzudenken beim Vizemeister. Nur eines ist merkwürdig: Nur zwölf Mal durfte er durchspielen, 21 Mal wurde er ein- oder ausgewechselt. Eine Folge der Kaderzusammenstellung bei der Borussia, aber auch bedingt durch das Hochrisiko-Spiel, das Brandt gleichermaßen auszeichnet wie angreifbar macht.
Als Paradebeispiel dient da das spektakuläre 3:3 am 16. Spieltag zuhause gegen RB Leipzig.
In der ersten Halbzeit erzielte Brandt nach einem technischen Kabinettstückchen das Tor des Monats Dezember, in der zweiten Halbzeit leistete er sich einen kapitalen Fehlpass, den Timo Werner zum zwischenzeitlichen 2:2 nutzte. "Vielleicht", so scherzte der Offensivspezialist im Interview mit der "ARD", gebe es ja "irgendwann auch den Fehlpass des Monats".
In Dortmund ist man Brandts Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn längst gewöhnt. "Julian macht außergewöhnliche Fehler, weil man Außergewöhnliches nur spielen kann, wenn man für Spielideen oder Pässe auch mal Risiken eingeht", befand BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Sportdirektor Michael Zorc formulierte es etwas direkter, Brandt mache "aktuell noch zu viele" Fehler. "Er weiß aber selbst gut genug, dass er an diesem Punkt und am Spiel gegen den Ball weiter arbeiten muss."
Lustlosigkeit? Brandt reagiert reflektiert
Brandt selbst vermittelt ebenfalls den Eindruck, dass er seine Schwächen kennt und gewillt ist, sie abzustellen. "Ich hinterfrage mich, wenn ich nicht gut drauf bin", betonte der gebürtige Bremer, dessen Profikarriere 2014 bei Bayer Leverkusen begann. So verwundert es auch nicht, dass er mit einem weiteren Vorwurf offen umgeht. "Ich habe schon von vielen gehört, dass ich eine gewisse Lustlosigkeit ausstrahle", gab Brandt im Vereins-Talk "Erstma’n Käffken" zu, versicherte aber auch, dass sein "innerer Antrieb definitiv da" sei.
Die Fehleranfälligkeit des Ausnahme-Fußballers ist indes nur einer von zwei Aspekten, weshalb Brandt in Dortmund noch nicht zu einer festen Rolle gefunden hat. Favre brachte den Nationalspieler in der abgelaufenen Saison als Linksaußen, als Rechtsaußen, als einzige Spitze, als Mann hinter der Spitze sowie als Achter und Sechser. "Ich habe auf vielen Positionen gespielt, kannte viele Jungs noch nicht", so der BVB-Star. Deshalb sei vieles zunächst "noch etwas unharmonisch" gewesen.
So ist die Flexibilität gezwungenermaßen zur Kernkompetenz des Neuzugangs geworden - und es sieht auch nicht unbedingt danach aus, dass sich daran in der näheren Zukunft etwas ändern wird.
Brandt und die Konkurrenz: Machtverhältnisse verschieben sich
Das liegt in erster Linie daran, dass Brandt seine besten Leistungen in der Zentrale gezeigt hat, doch ausgerechnet da ist die Konkurrenz groß. Vielleicht sogar zu groß. Mit Axel Witsel und Emre Can hat Favre zwei Akteure, die in der Hackordnung über Brandt stehen. Und die Machtverhältnisse werden sich weiter verschieben, wenn der verletzte Kapitän Marco Reus erst zurück ist, der hochtalentierte Giovanni Reyna den nächsten Schritt macht oder Neuzugang Jude Bellingham sein Potenzial entfaltet. Alles Spieler, die defensiv oder offensiv im zentralen Mittelfeld zuhause sind.
Im schlimmsten Fall droht Brandt ob der starken Konkurrenz und der eigenen Flexibilität die Rolle des Edel-Jokers - und dann könnte es passieren, dass auch bei der Dortmunder Anhängerschaft häufiger die Frage diskutiert wird, weshalb Julian Brandt schon wieder nicht in der Startelf steht?
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