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Diese Tollwut-Liga braucht kein Mensch

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Der LIGAstheniker zu den Fan-Plakaten gegen Dietmar Hopp

Fotocredit: Imago

VonThilo Komma-Pöllath
02/03/2020 Am 10:32 | Update 02/03/2020 Am 10:40

Der LIGAstheniker muss in dieser Woche in seiner Kolumne wieder klare Position zu den Fan-Entgleisungen gegen Dietmar Hopp beziehen. Er nimmt sich das Verhalten der Ultras in vielen Fankurven am Bundesliga-Wochenende, aber auch die Reaktion von DFB-Präsident Fritz Keller und die gescheiterte Sicherheitspolitik der Liga vor. Für ihn ist der Dreistufenplan kein Ersatz für eine Nulltoleranzpolitik.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Liebe Fußballfreunde,

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jetzt haben wir also den sichtbaren Beweis, wie der Coronavirus wohl wirkt: Tausende taumeln mit Schaum vor dem Mund in die Fußballstadien der Republik, versammeln sich in Gitter-abgesperrten, Käfig-ähnlichen Räumlichkeiten, malen Fadenkreuze auf Köpfe und brüllen: "Fick Dich DFB!".

Wenn es noch eines Arguments bedurft hätte, Großveranstaltungen aus aktuellem Anlass zu verbieten, dann war der 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga eine orchestrierte Werbeveranstaltung dafür. In der Schweiz und in Italien werden in den kommenden Wochen die Ligaspiele wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, was würde ich darum geben, wenn das hierzulande auch so wäre. Keine "Hurensohngesänge", keine Schmähplakate, keine rassistischen, sexistischen, homophoben Entgleisungen. Kein Bullshit, einfach nur Fußball.

Das müsste auch den Ultras gefallen, denn Fußball ohne Zuschauer, lässt sich gleich viel weniger gut verkaufen, ist also gleich viel weniger "Kommerzscheiße", um noch das angeblich dahinter liegende Problem und den Grund für all den Hatespeech in den Stadien zu benennen. Das hat der Fußball mit Facebook gemeinsam: ohne Zuschauer und Nutzer wäre beides eine ziemlich dufte Erfindung. Leider neigt der Mensch in der Masse zum Tier und - mit Fanschal gewappnet - ist gegen derartige Tollwut kein Impfstoff erfunden.

Dreistufenplan statt Nulltoleranz

Fast noch schlimmer als der Hass in den Stadien, ist der Umgang der Liga-Verantwortlichen mit dem Hass. Man könnte auch fragen: welcher Umgang? Da sitzt also der neue DFB-Präsident Fritz Keller bei den Kollegen des ZDF im "Sportstudio" und erklärt, dass man darüber im Bilde war, dass es in den Stadien zu Hasskundgebungen gegen Dietmar Hopp kommen werde, soviel hatte man von den Fanbeauftragten der Klubs im Vorfeld erfahren. Zu einem größeren Aktionismus von Seiten des DFB oder der DFL hat das aber nicht geführt.

Ganz naiv erklärt Keller, es gebe eben eine FIFA-Verordnung, die für solche Fälle gemacht worden sei. Gemeint ist der Dreistufenplan - Spielunterbrechung, Teams in die Kabine, Abbruch des Spiels - um dauerhaften rassistischen Kundgebungen in den Stadien zu begegnen. Eigene Ideen und Maßnahmen, damit "diese dümmste Art von Hass aus unseren Stadien verschwindet", haben sich die Funktionäre des Spiels gar nicht erst ausgedacht. Aber warum nicht? So, wie der DFB mit dem Thema Hass und Rassismus umgeht, wird er nie aus den Stadien verschwinden, einfach deshalb, weil die Funktionärsplattitüden ziemlich unglaubwürdig daherkommen.

Wenn Keller davon spricht "Haltung zeigen" oder jedem Hobbyrassisten die "Rote Karte zeigen" zu wollen, dann ist das sprichwörtliche Mund-Propaganda, mit der Stadion-Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Der Dreistufenplan ist eben keine Nulltoleranzpolitik.

Die gescheiterte Sicherheitspolitik der Liga

In buchstäblich jedem Bundesligastadion sind am Wochenende Hassplakate aufgetaucht, die dort eigentlich gar nicht sein dürften. Es gibt Securityfirmen und Einlasskontrollen, die genau das verhindern sollen. Kritik daran, dass sich die Stadionsecurity aus dem Ultra-Milieu der Klubanhänger rekrutiert, habe ich am Wochenende nicht wahrgenommen. Aus dem gleichen Grund finden seit Jahren auch Bengalos den Weg in die Stadien, ohne dass sich daran etwas ändert. Worauf wartet man? Dass der erste eine Waffe ins Stadion schmuggelt, der das Fadenkreuzplakat zur Zielvorlage nimmt? Man braucht keinen hohen IQ um zu erkennen, dass die Security-Politik in den Stadien der Bundesliga gescheitert ist.

Wahrscheinlich kann man nie alles verhindern, aber würden die Klubs ihre Security-Dienstleister anders ausschreiben und beaufsichtigen, wäre das Problem in den Griff zu kriegen. DFB und Liga könnten ihr unglaubwürdiges Nulltorenzgeschwafel umgehend mit harten Fakten untermauern: müssten die Bayern, nach den Vorfällen in Hoffenheim, ihr nächstes Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen, oder hätten sie von Anfang fürchten müssen, dass das Spiel schon mit dem ersten Zeigen eines Hassplakats mit 2:0 für Hoffenheim gewertet wird, wäre nicht annähernd passiert, was am Wochenende in beinahe allen Stadien passiert ist.

Schmähplakat in der Bayern-Kurve gegen Dietmar Hopp

Fotocredit: Imago

Der verharmlosende DFB-Präsident

Im ZDF spricht Keller von "ein paar wenigen", die den Fußball mit ihrem Hass belegen, das ist nicht nur eine groteske Verharmlosung, sondern schlicht falsch, wer die hymnischen Gesänge der "Süd" in Dortmund und anderswo gehört hat. Es sind Tausende, mutmaßlich die eine Hälfte der Klubanhänger, die sich darin gefallen Dietmar Hopp als "Hurensohn zu besingen" und der DFB-Präsident glaubt immer noch, dass es nur um ein paar Irrgeleitete geht. Schon allein deshalb wird man an Kollektivstrafen nicht vorbeikommen, will man das Problem tatsächlich ausrotten.

Man muss den echten Fans weh tun, damit sie den Mob nicht mehr länger unter sich dulden. Als Keller im "Sportstudio" darauf angesprochen wird, dass die niederländische Liga 14 Millionen Euro in den Kampf gegen den Rassismus investiert hat und es in England seit Jahren eine App gibt, mit der Zuschauer Vorfälle in den Stadien melden können und warum es vergleichbare Initiativen in der Bundesliga nicht gibt, was antwortet Keller? In den beiden Ländern sei Rassismus "schon länger ein Problem als bei uns".

Fritz Keller mag ein Weinkenner sein, davon, wie es auf Deutschlands Fußballplätzen seit Jahrzehnten zugeht, hat er offenbar keine Ahnung.

Kulturkampf gegen das Establishment?

Ebenso grotesk was die sonst politisch oberkorrekte "ZEIT" aus dem Hass gegen Hopp macht: einen "Kulturkampf" der Ultras gegen das Fußball-Establishment aus DFB, DFL und Milliardären wie Hopp und Mateschitz, die den kommerziellen Ausverkauf ihres geliebten Sports betreiben würden. Ein Kulturkampf, der offensichtlich Fadenkreuz-Plakate rechtfertige. Weil man auf der richtigen Seite stehe, dürfe man auch mal über das Ziel hinausschießen, so lautet offenbar die ZEIT-Logik. So haben übrigens auch die Anhänger der RAF in den 1970ern argumentiert.

Aber mal ehrlich: Wer als Ultra nicht seinen Heimatdorfverein in der A-Klasse, sondern immer noch das Hyperkommerzprodukt Bundesliga braucht, der geht auch ins Puff, um die wahre Liebe zu finden.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

  • Alle Texte vom LIGAstheniker

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