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Mordaufruf im Stadion - so macht sich die Liga mitschuldig!

Mordaufruf im Stadion - so macht sich die Liga mitschuldig!

24/02/2020 um 11:31Aktualisiert 09/03/2020 um 12:22

Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath beschäftigt sich in dieser Woche mit dem Eklat während des Bundesliga-Spiels zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim. Im Borussia-Park wurde ein "Plakat" gezeigt, auf dem das Gesicht von Dietmar Hopp mit einem Fadenkreuz zu sehen war. Komma-Pöllath sieht das als "Mordaufruf" und fordert klarere Maßnahmen vonseiten der Liga und der Klubs.

Liebe Fußballfreunde,

wenn Ihr am Wochenende mal wieder ausschließlich dem Ball hinterhergeschaut habt, dann habt Ihr womöglich einen der beschämendsten, heuchlerischsten und, sagen wir wie es ist, widerlichsten Augenblicke in der Geschichte der Bundesliga verpasst. Und damit einen neuerlichen Beleg dafür, dass der Fußball zwar gerne so tut, als wäre er völkerverbindend, gegen Rassismus, ein einziges, großes, weltumspannendes Friedensprojekt - tatsächlich ist das natürlich alles eine einzige, große, weltumspannende Lüge.

Dass dieses Plakat, drei Tage nach dem Massaker von Hanau, überhaupt in ein Bundesliga-Stadion geschmuggelt und ausgerollt werden kann und dass das Spiel nach einer kurzen Unterbrechung einfach fortgesetzt wird als wäre nichts geschehen, das ist an Realitätsverleugnung kaum noch zu überbieten.

Betroffenheitssound der Funktionäre

Es ist nicht das erste Fadenkreuz-Plakat mit dem Konterfei von Dietmar Hopp in einem deutschen Bundesliga-Stadion, das macht die Größe des Skandals deutlich. Die Liga ist offenkundig nicht in der Lage, Sicherheitskontrollen privater Dienstleister zu beaufsichtigen, die das Einschmuggeln von öffentlichen Mordaufrufen verhindern kann, genauso wenig wie sie verhindern kann, dass Bengalos, Hooligans und Rassisten in die Stadien kommen. Das ist mindestens bemerkenswert.

Zynisch wird es durch die Begleitumstände, durch den ewig gleichen Betroffenheitssound der Funktionäre, die das Offensichtliche beklagen, die den Mannschaften einen Trauerflor an den Ärmel heften, weil das einfach geht. Die aber nicht bereit sind, ihr Geschäftsmodell in die Waagschale zu werfen, um diesen mutmaßlichen Tribünentotschlägern wirklich etwas entgegenzusetzen. Nach den Morden von Hanau sprach DFB-Präsident Fritz Keller davon, dass wir alle gegen jede Form der Diskriminierung zusammenstehen müssten - "ob auf der Stadiontribüne, auf der Straße und im Internet", um zu verhindern, dass aus Worten irgendwann Taten würden.

Und dann kam Gladbach und die Erkenntnis, dass man mit denen auf der Stadiontribüne eher nichts verhindern wird, ganz im Gegenteil. Wenn ein DFB-Präsident so spricht, dann erwarte ich mir ein rigides Vorgehen gegen solche Leute und nicht wohlfeile Worte, die im Zweifel das Geschehene nur beschönigen. Wer drei Tage nach Hanau ein solches Plakat ausrollt, ist nicht nur dumm, sondern ein Gewalttäter, um den sich der Generalbundesanwalt kümmern sollte.

Fadenkreuz als Schmähung verharmlost

Im Beschönigen und Verharmlosen ist die Liga Weltspitze, anders kann man es nicht sagen. Wenn Gladbachs Manager Max Eberl nach dem Spiel erst von Werten faselt und die Plakatproduzenten dann als "Hornochsen" benennt, so als hätten sie gerade einen Kasten Bier aus dem Getränkemarkt mitgehen lassen, dann hat auch der Manager das Problem nicht erkannt. Nach dem Spiel fühlte sich Gladbach zudem genötigt, auf der Vereinsseite eine Stellungnahme zu dem Plakat zu veröffentlichen. Auch was dort steht, zeugt von einer abstrusen Naivität, Unkenntnis und Verweigerung, das latente Hass- und Rassismusproblem in den Stadien im Speziellen und das derzeit gesellschaftliche Klima im Allgemeinen zur Kenntnis zu nehmen.

Von "Schmähplakaten" ist da zu lesen, von Bannern mit persönlich beleidigendem Inhalt. Lieber Herr Eberl, nur um das klar zu stellen: Ein Fadenkreuz ist keine depperte Schmähung oder Beleidigung, sondern die Botschaft an ein Millionenpublikum an den Bildschirmen da draußen, dass da einer zum Abschuss freigegeben ist. In jeder anderen Sportart wäre das Spiel vom Veranstalter abgebrochen worden. Man stelle sich vor, in der amerikanischen NFL wäre Vergleichbares passiert, das Stadion wäre umgehend geräumt worden aus Angst vor einem ganz realen Amokschützen, der in Amerika bisher häufiger anzutreffen war als hierzulande. Was haben DFB und DFL getan? Business as usal!

Ja zu Kollektivstrafen!

Warum hat Felix Brych das Spiel nach einer kurzen Unterbrechung überhaupt wieder angepfiffen? Warum hat die DFL nicht umgehend klar gemacht, dass man eine derartige obszöne Gewaltdarstellung nicht und niemals tolerieren wird, hat das Spiel abgebrochen und für Hoffenheim gewertet?

Die Liga schaut nur zu

Ich fordere hiermit die Herren Keller und Eberl zu einer Anzeige gegen Unbekannt auf. Dass es einen "Anfangsverdacht" bezüglich einer Straftat gibt, das konnten Millionen am Bildschirm verfolgen. Wenn wir sagen, dass die AfD in Hanau mitgeschossen hat, dann gilt Gleiches im Falle des hoffentlich nie eintretenden Falles auch für diese Gladbacher Vollidioten. Und die Liga hätte sich mitschuldig gemacht.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.