Eigentlich war ein Titel immer schon vergeben.
Ende der 1960er- und Anfang der 70er-Jahre ging der des Bundesliga-Torschützenkönigs traditionell an Gerd Müller. Der Bayern-Star erzielte von 1968 bis ins Jahr 1973 stets die meisten Treffer. Nur einmal nicht. Einmal, da brach einer die Phalanx des bayrischen Tor-Phänomens.
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Serie A
Transfers, die grandios scheiterten: Wie der teuerste Spieler der Welt als Totalschaden endete
03/05/2020 AM 22:08
Im Jahr 1971 hieß der treffsicherste Spieler in Deutschlands Eliteliga plötzlich nicht Müller. Auch nicht Seeler, Emmerich oder Heynckes - was nachvollziehbare Tipps gewesen wären. Nein, in den Bestenlisten steht der Name Lothar Kobluhn.
Lothar wer? Eben!

Erste Rote Karte der Geschichte geht an Kobluhn

107 Bundesligaspiele, zwölf im Pokal, 93 in der Regionalliga-West und 48 in der 2. Bundesliga sollten doch eigentlich reichen, um einem Großteil der Fußballfans ein Begriff zu sein.
Noch dazu ist Kobluhn der erste Spieler der Geschichte, der mit der neu eingeführten Roten Karte bestraft wurde. Das war im Jahr 1970, ein Jahr vor seinem Durchbruch als Torjäger. Und dennoch ist die RWO-Vereinslegende über die Grenzen Oberhausens hinweg so gut wie niemandem bekannt.

Lothar Koblun als Kanonier

Fotocredit: Imago

Ein kurzer Ausflug nach Wattenscheid

Hier, in der Arbeiterstadt im westlichen Ruhrgebiet wurde Kobluhn am 12. April 1943 mitten im zweiten Weltkrieg geboren. Und genau dort starb er auch. 75 Jahre später.
Zwischendurch hatte es ihn mal nach Wattenscheid verschlagen. Für die dortige SG spielte er drei Jahre lang. Wattenscheid gehört heute zu Bochum und ist knapp 25 Kilometer entfernt. Kobluhn war Oberhausener durch und durch. Und auch deshalb war er - natürlich - mit dabei, als RWO das dunkelste Kapitel seiner Vereinsgeschichte schrieb.
Beim Bundesliga-Skandal um verschobene Spiele und massenweise bestochene Akteure hingen die Oberhausener knietief mit drin. Für 60 Spieler und Funktionäre aus der Liga hatten die Enthüllungen aus dem Juni 1971 schwere Folgen. Es hagelte Sperren und Geldstrafen.
Wenn ich sehe, was unsere Stürmer oft zusammenspielen, dann hält mich nichts mehr, dann muss ich vorn rein.
Lothar Kobluhn wurde auch bestraft. Denn seine 24 Saisontore erschienen plötzlich in ganz anderem Licht. Auf seiner größten sportlichen Leistung lag fortan ein Schatten, den er nicht zu verantworten hatte.
Kobluhn selbst behauptete danach, Gerd Müller habe "kein Wort mehr mit mir gesprochen. Er hat mich immer angeschaut, als ob ich alle Torhüter bestochen hätte". Eine Bemerkung, die gar nicht so weit hergeholt war, denn so dachten damals offenbar einige.
Der "kicker" jedenfalls verweigerte Kobluhn die obligatorische Torjägerkanone. Chefredakteur Karl-Heinz Heimann wollte womöglich gekaufte Tore nicht auch noch prämieren. Solange keine Klarheit bestand, gab es keine Trophäe.
Kobluhn selbst betonte immer, nichts von alldem gewusst zu haben. "Wenn ich sehe, was unsere Stürmer oft zusammenspielen, dann hält mich nichts mehr, dann muss ich vorn rein", begründete der Mittelfeldspieler seinen ungeahnten Torhunger schlicht. Bis heute ist er der einzige, der Torschützenkönig wurde, ohne etatmäßiger Stürmer zu sein.

Kobluhn lässt RWO 25 Jahre lang schmoren

Mit dem "kicker" brach Kobluhn. Mit dem Sportmagazin wollte er nie wieder sprechen. Und auch die Beziehung zu seinem Heimatverein litt böse. Zu RWO ging er 25 Jahre lang nicht. Kobluhn war sauer, dass der Vorstand nie um seine Kanone gekämpft hatte.
Seine Wahnsinnssaison von 1971 blieb nicht unbemerkt. Er erhielt viele Angebote. "Ich hätte auch ins Ausland wechseln können, doch sobald ich schon den Kirchturm von der Sankt Joseph Kirche nicht mehr sah, befiel mich das Heimweh", sagte "Lo" einmal. Er nahm zum Ende seiner Karriere Vorlieb mit Wattenscheid.
Dort hängte er 1976 nach zwei Knieoperationen die Fußballschuhe auch an den Nagel, ohne zuvor für die Nationalmannschaft gespielt oder noch großartig weiter als Torjäger auffällig geworden zu sein.
Es wurde still um Lothar Kobluhn.

Lothar Kobluhn mit seiner Torjägerkanone im Jahr 2011

Fotocredit: Imago

Ein Fischhändler bringt die Kanone

Im Jahr 2007 erinnerte sich kaum noch jemand an den einst so gefeierten Fußballer. Ein Fischhändler und RWO-Fan jedoch hatte nicht vergessen. "Auf dem Wochenmarkt in Sterkrade hat er mich auf die Kanone angesprochen. Er fand das Ganze genauso ungerecht wie ich und hat dann den 'kicker' angeschrieben", berichtete Kobluhn.
Kurz darauf meldete sich das Fachmagazin und gab grünes Licht für die verspätete Ehrung. Bei der feierlichen Übergabe betonte man, Kobluhn sei seiner Zeit "völlig unschuldig" gewesen. Eine sehr lange Zeit war vergangen.
Kobluhn bekam die Trophäe an seinem 65. Geburtstag ausgehändigt. Und war gerührt: "37 Jahre habe ich gewartet, nun freue ich mich um so mehr.“
Zehn Jahre später starb Lothar Kobluhn.
Rot-Weiß Oberhausen teilte mit, man wolle ihn "in stolzer Erinnerung behalten“. Kobluhns ehemaliger Mitspieler Werner Ohm wurde deutlicher:
"Der Lothar war ein toller Typ, er hat uns mitgerissen, war ein unwahrscheinlicher Kämpfer und der eigentliche Kapitän. Gut, er war nicht besonders schnell, aber seine Vorstöße waren brandgefährlich, und wir haben dann gerne für ihn nach hinten abgesichert. Schließlich hat er für uns so viele Tore geschossen.“
In einer Saison sogar mehr als der große Gerd Müller ...
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
Vergessene Helden des Fußballs:

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