Für "Sky"-Experte Didi Hamann glich der Auftritt des BVB bei Bayer Leverkusen einem Offenbarungseid. "Disziplinlos, herzlos, charakterlos", nannte der Ex-Nationalspieler das, was Dortmund zuvor über 90 Minuten gezeigt hatte.
Ein (zu) hartes Urteil, das aber im Kern zutraf: Nach dem blamablen 1:1 zuhause gegen den Abstiegskandidaten 1. FSV Mainz 05 blieb eine Reaktion der Dortmunder aus. Neben spielerischer Klasse fehlte es beim BVB in Leverkusen auch an Einsatz und Aufopferungsbereitschaft.
"Es ist extrem bitter", resümierte Kapitän Marco Reus: "Ein enttäuschender Abend für uns, weil wir nach Samstag unbedingt einen direkten Konkurrenten schlagen wollten." Taten sie aber nicht.
Bundesliga
"Weit entfernt" vom Titel: Die Stimmen zur BVB-Pleite
19/01/2021 AM 23:08
Stattdessen schloss der BVB die Hinrunde mit zuletzt nur drei Siegen aus acht Spielen und insgesamt sechs Niederlagen nur mit 29 Punkten und außerhalb der Top drei der Tabelle ab.
Was uns beim Spitzenspiel auffiel.

1. Wer ist hier der Bosz?!

Bayer gegen BVB war auch das Duell Peter Bosz gegen Edin Terzic - aus Dortmunder Sicht: Ex-Trainer gegen Coach auf Zeit. Am Dienstag ging Bosz als dabei als Punktsieger hervor.
Vor allem sein Ansatz, den BVB mit "full court pressing" im Aufbauspiel unter Druck zu setzen, zahlte sich voll aus. "Aggressiv! Aggressiv!", hörte man Bosz immer wieder durch die Arena rufen: "Auf den Ball gehen! Auf den Ball!" Das setzten seine Spieler besser um als die pomadigen Dortmunder.
Die Bayer-Offensive setzte dem BVB sogar derart zu, dass Mats Hummels und Co. die Bälle teilweise nur lang schlagen konnten.
Beim 1:0 zeigte sich dann der zweite große Bayer-Vorteil (und BVB-Nachteil): Geschwindigkeit. Nach einem langen Schlag von BVB-Keeper Roman Bürki reichte ein einfacher langer Ball von Leon Bailey in den Lauf von Moussa Diaby, um Dortmunds Defensive auszuhebeln (14.). "Wir haben Leverkusen viele offene Räume gegeben und mussten oft 40, 50 Meter zurücksprinten", beklagte sich Reus.
Beim 2:1 durch Florian Wirtz (80.) stand der BVB ebenso blank, hier war allerdings ein Fehler des erneut nicht auf Top-Niveau spielenden Thomas Meunier vorausgegangen. "Wir kriegen einen Konter - gefühlt der 15. in dem Spiel, bei dem wir nicht gut stehen, nicht gut absichern", analysierte Reus beißend. "Das Spielfeld war sehr groß", umschrieb es Terzic.
Der war an der Seitenlinie zwar ebenso aktiv wie Bosz, konnte aber vor allem die Schaltzentrale der Gäste nicht wirklich aktivieren. Außerdem blieb die BVB-Defensive, egal was er rein rief, über 90 Minuten konteranfällig.
"Qualität ist immer das Ergebnis von Talent plus Mentalität", dozierte der BVB-Trainer hinterher: "Heute haben wir uns zu teilweise zu viel auf das Talent verlassen und uns zu wenig gewehrt. Wir haben es nicht geschafft, den Schalter umzulegen." Das fällt dann aber auch ein bisschen auf ihn zurück.
Mit zehn Punkten aus seinen ersten sechs Bundesliga-Spielen hat Terzic jedenfalls den schwächsten Start eines BVB-Trainers seit Thomas Doll 2006/07 hingelegt (ebenfalls zehn Punkte). Da war Dortmund aber bei weitem nicht so gut aufgestellt.

2. BayArena wird zum Wirtz-House

Florian Wirtz war von Bosz die letzten drei Spiele in Liga und Pokal wegen Knieschmerzen geschont worden – gegen den BVB ließ der Niederländer den 17-Jährigen jedoch wieder von der Leine und wurde nicht enttäuscht.
Wirtz wirkte über weite Strecken der Partie spritziger als die gesamte BVB-Abwehr und stellte Hummels und Co. im Verbund mit dem nicht minder aktiven Moussa Diaby immer wieder vor große Probleme.
Nominell im 4-3-3 hinter Diaby im Mittelfeld aufgeboten, genoss Wirtz auf dem Platz offensiv jedoch viele Freiheiten. So trieb er als Verbindungsspieler oft Konter an, schaltete sich situativ aber auch immer wieder selbst in den Angriff ein (drei Torschüsse, vier Vorlagen) – so wie beim 2:1, als er den perfekten Laufweg wählte und Diabys Pass zum Siegtor veredelte.
"Der Flo, obwohl er erst 17 Jahre ist, war auch heute wieder wichtig für uns. Dass er 90 Minuten durchhält, haben wir so nicht erwartet", sagte Bosz und erzählte sogar von Überlegungen, Wirtz Mitte der zweiten Halbzeit auszuwechseln: "Er hat jedoch nochmal die zweite Luft bekommen." So seinem, Bosz und Bayers Glück.
Den inoffiziellen Titel "Man of the Match" machte ihm allerdings Diaby streitig – der war inklusive des 2:1 nicht nur an zwölf Bayer-Abschlüssen direkt beteiligt (sieben Schüsse, fünf Vorlagen), sondern hatte auch schon das 1:0 erzielt.
Kleiner Wermutstropfen für beide: Vor dem Dortmunder Ausgleich waren sie es gewesen, die den Ball vor dem eigenen Strafraum vertändelt hatten. Beide müssten "noch einiges dazu lernen", schloss Bosz: "Aber insgesamt war das eine sehr gute Leistung."

Moussa Diaby trifft - Bayer Leverkusen vs. Borussia Dortmund

Fotocredit: Getty Images

3. Ein Brandt-Löscher reicht nicht

Als Dortmund in der 67. Minute dann doch jubelte, lag einem das Wort "ausgerechnet" auf den Lippen: Ausgerechnet Julian Brandt hatte getroffen, der Ex-Leverkusener, der 2019 zum BVB gewechselt war, zuletzt aber über ein Jahr lang kein Ligator mehr erzielt hatte. "Ich bin froh, dass der Knoten bei mir wieder geplatzt ist. Das war zu lange", sagte der 24-Jährige.
Ex-Bayer-Profi Brandt hatte also den Feuerlöscher bedient und Dortmund in der stärksten Phase der Gäste zum 1:1-Ausgleich geschossen. Kurz drauf hätte der Ex-Nationalspieler sogar noch das 2:1 machen können, Edmond Tapsoba stand auf der Linie im Weg (68.). Doch so stark der BVB Mitte der zweiten Halbzeit aufkam, so schnell war's auch wieder vorbei.
Auf den finalen Gegenschlag der Leverkusener hatte der BVB dann nichts mehr entgegenzusetzen. "Es zieht sich durch die Saison, dass wir nicht in der Lage sind, das Niveau über 90 Minuten zu halten", beklagte sich Brandt: "Wir haben zu viele Dellen im Spiel. Das bricht uns momentan das Genick."
Auffällig war beim BVB erneut die fehlende Kreativität aus dem Mittelfeld. Die Sechser Thomas Delaney und Jude Bellingham wirkten unter Druck überfordert, hier fehlte vor allem Axel Witsels Erfahrung und Ruhe am Ball. Bellingham war so gut wie gar nicht in den Aufbau eingebunden, beide Sechser enttäuschten mit einer Passquote unter 80.
Offensiv vermochten es Jadon Sancho, Marco Reus und auch Brandt nicht, Angreifer Erling Haaland in Szene zu setzen. So wirkte das BVB-Spiel lange bruchstückhaft, unfertig – und eine Reaktion auf das 1:1 gegen Mainz blieb vor allem im ersten Durchgang komplett aus. "Die erste Halbzeit darf nicht passieren", meinte Delaney: "Wir müssen zumindest Körpersprache reinbringen, Mentalität, Läufe. Diese drei Dinge waren gar nicht da, das ist nicht zufriedenstellend."
Auch Terzic war mit der Körpersprache der Dortmund "gar nicht einverstanden". Nach dem 0:1 habe er bereits ein ungutes Gefühl gehabt: "Der Kopf ging runter, wir wollten uns nicht wehren, wir haben das so akzeptiert, was da passiert ist." Das zu ändern, sei ihm mit der Halbzeitansprache nur teilweise geglückt.
Fazit Terzic: "Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, müssen wir das schleunigst ändern."
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