Liebe Fußballfreunde, Frage: Wie nennt man das, wenn der erste Fußballklub im Land so viele Gegentore kassiert hat wie seit vierzig Jahren nicht mehr, das erste Mal seit zwanzig Jahren wieder in der zweiten Runde im DFB-Pokal ausgeschieden ist, in Summe also eine für alle sichtbare Formflaute aufweist und dennoch zum Rückrundenstart seine Tabellenführung ausbaut, so als wäre alles so wie immer?
Zugegeben: Ein langer, komplizierter Satz mit einer einfachen Botschaft: Die Bayern sind Tabellenführer, vier Punkte vor Leipzig, sieben vor Leverkusen und Dortmund – ja wie nennt man das nur?
Eine solche Flaute hätten wohl auch die wichtigsten Bayern-Jäger gerne, denen aktuell keine solche nachgesagt wird, was angesichts der jüngsten Ergebnisse von Leipzig, Dortmund, Leverkusen, Gladbach dann doch wieder ein wenig verwundert. Und damit das unterschiedliche Anspruchsdenken in der Liga noch einmal in Stein meißelt: In der Bundesliga gibt es nur einen einzigen Klub, dessen in aller Deutlich- und Öffentlichkeit ausgesprochenes Saisonziel die Deutsche Meisterschaft ist.
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18/01/2021 AM 08:02
Das ist, mit Verlaub, ein peinlicher Offenbarungseid für die angeblich ausgeglichenste und spannendste Profifußballliga Europas. "Wer solche Spiele gewinnt", sagt Eric Meijer, der allerbeste Fußballerklärer im deutschen Fernsehen auf "Sky", und er meint den glücklichen Bayern-Sieg gegen Freiburg, "wird Deutscher Meister." Eben – und nicht Leipzig oder Dortmund oder wer sonst.

"Mini-Meisterschaft" am 16. Spieltag

Der vorletzte Hinrundenspieltag war in seiner Verdichtung ein ganz typischer Bayern-Spieltag. Eine Art Mini-Meisterschaft in der ganz großen. Ein wackliger Sieg gegen Freiburg, den die schneebedeckte Querlatte kurz vor Schluss glücklich und dennoch nicht unverdient rettet. Und die anderen, die zeitlich davor antraten, im Gefühl, dass die Bayern nach der Pokalpleite gegen Holstein Kiel womöglich oder endlich mal auch in der Liga fällig sein müssten? Mitnichten!
Leipzig ist in Wolfsburg wieder mal, wie fast immer, das bessere Team. Mehr Chancen, mehr Ballbesitz, kein Sieg. Wieder kein Sieg, wie zuletzt gegen Köln oder in Dortmund. Der BVB – sieben sehr gute Tormöglichkeiten, 73% Ballbesitz, 725 (!) Pässe und einen Elfmeter – was nicht einmal gegen den Vorletzten Mainz reicht. Auch schon davor nur ein Sieg in fünf Heimspielen.

Dem BVB gelingt nur ein Unentschieden gegen Mainz

Fotocredit: SID

Die Liga der Anderen

Gladbach kriegt ein gutes Spiel gegen gute Stuttgarter nicht über die Zeit und verliert zwei Punkte in der 96. Minute. Leverkusen spielt die beste Halbzeit der ganzen Hinrunde und verliert in der 88. Minute dennoch gegen einen Klub, der gerade einmal sein zweites Oberhausjahr spielt. Zugegeben: Union Berlin ist eine Sensation. Und Leverkusen dann halt doch keine Spitzenmannschaft.
Wenn das die Ansprüche sind, den Bayern ihren neunten Meistertitel in Folge streitig zu machen, dann braucht man kein Wahrsager zu sein, um zu wissen: Das wird wieder nicht klappen.

Das obszöne M-Wort

Beispielhaft dafür steht die Ängstlichkeit des BVB, das Wort "Meisterschaft" überhaupt in den Mund zu nehmen. So als wäre es obszön. Emre Can hatte dieser Tage öffentlich erklärt, dass die Meisterschaft das Ziel sein müsse. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Am Wochenende wurde der Sportliche Leiter des BVB, Sebastian Kehl, dazu gefragt, was er denn davon halte. Kehl eierte erst herum, dazwischen sagte er den Satz: "Wir haben damit unsere Ansprüche deutlich klarer gestellt", danach eierte er weiter rum.

Borussia Dortmunds Lizenzspielerchef Sebastian Kehl

Fotocredit: SID

Dieses Interview von Kehl ist in einem Maße selbstverräterisch, dass es weh tut. Erstens: Nicht der Klub, nicht der Vorstand, nicht die sportliche Führung, auch nicht die Mannschaft als Ganzes, ein einzelner Spieler von 25 im Kader hat Ansprüche formuliert, die in München eine Selbstverständlichkeit sind und in Dortmund immer noch ein Sumpfgebiet. Zweitens: Damit ist auch klar, dass der BVB nie mit der internen Vorgabe in diese Saison gestartet ist, endlich die Bayern vom Thron zu stoßen. Die Dortmunder, vor zehn Jahren zuletzt Deutscher Meister unter Jürgen Klopp, trauen sich es einfach nicht zu, so als wäre sportliches Duckmäusertum in ihrer DNA genetisch verankert.
Kein Wunder also, dass sich einer, der sich alles zutraut (Klopp), hier irgendwann am falschen Platz war.

Mumm und Phantasie fehlen

Und jetzt, in der bald anstehenden Rückrunde? Wenn der Herrgott ein Bundesligafan ist, dann bleibt zu hoffen, dass die Bayern nicht allzu schnell aus der Flaute herauskommen und die anderen irgendwoher Rückenwind auffangen können, woher auch immer der kommen soll.
Vorletzte Spielzeit reichte dem BVB ein Neunpunktevorsprung und eine bayerische Trainerentlassung nicht für den Titel. Vor einem Jahr zum gleichen Zeitpunkt führten Leipzig und Gladbach die Tabelle deutlich vor den Bayern an – wieder ohne Erfolg. Warum sich das jetzt endlich mal ändern soll, dafür fehlt mir die Phantasie.
Und den anderen schlicht der Mumm.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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