Es gibt 13 Dinge, über die sich Menschen in Fußball-Deutschland seit einigen Tagen besonders aufregen. Da wären zunächst einmal die zwölf Vereine, die sich anmaßten, eine in sich geschlossene Super League zu gründen und den Fußball aus purer Gier heraus neu zu erfinden.
Nummer 13 ist Bayerns Sportvorstand Hasan Salihamidzic, dem, so der allgemeine Tenor, alleinigen Schuldigen dafür, dass Hansi Flick, Trainer der erfolgreichsten Bayern-Mannschaft der Klubhistorie, nach nur 18 Monaten im Verein schon wieder das Weite suchen will.
Die Stimmung gegen Salihamidzic, der sich offenkundig nicht sonderlich gut mit Flick versteht, nahm in den vergangenen Tagen ein grenzwürdiges Maß an. Klubpräsident Herbert Hainer sah sich deshalb gezwungen, die Wogen mit einem Statement auf der Vereinsseite zu glätten.
Bundesliga
Flick emotional: Hass-Botschaften an Salihamidzic "ein No-Go"
23/04/2021 AM 10:55
"Der FC Bayern stellt sich geschlossen und mit Nachdruck gegen Anfeindungen in Richtung Hasan Salihamidzic", sagte der ehemalige Adidas-Vorstand. "Sachliche Kritik ist selbstverständlich immer zulässig. Persönliche Angriffe und Hetze verurteilen wir allerdings auf das Schärfste - dafür gibt es beim FC Bayern nicht den geringsten Platz."

Fans starten Petition gegen Salihamidzic

Platz gibt es aber im Internet - und zwar reichlich. Fast 70.000 Menschen unterschrieben auf der Seite change.org bereits eine Petition mit dem Titel "Pro Hansi Flick, Brazzo raus". Initiatoren sind eine Gruppe von rund 5000 Bayern-Fans und Mitgliedern, deren Kern dem Fanclub "FC Bayern VIP Fanclub" angehört.
"Hansi Flick als Trainer hat in 1,5 Jahren mehr bewirkt, als Hasan Salihamidzic in vier Jahren als Sportdirektor/ Sportvorstand. Es ist unverantwortlich, den Erfolg des Vereins leichtfertig zu verspielen, nur weil man am Sportvorstand weiter festhält und den Trainer vergrault", heißt es im Beschreibungstext der Petition, deren klares Ziel es ist, eine Mitgliederversammlung einzuberufen, bei der Salihamidzic abberufen wird. "Wir müssen einen neuen Sportvorstand bekommen", sagt Sprecher Michael Frohsz, denn unter Salihamidzic werde es auch künftig, "egal unter welchem Trainer" Konflikte geben.

Hasan Salihamidzic (vorne) und Hansi Flick (Hintergrund)

Fotocredit: Imago

"Sachlich und fair" wolle man das Anliegen mit dem Verein klären. Hass, Hetze oder rassistische Äußerungen duldeten die Fans "in keinster Weise", unterstrich Frohsz. "Diese Leute werden direkt aus der Gruppe entfernt, blockiert und und die Kommentare auch gelöscht."
Wie gut das funktioniert, sei mal dahingestellt. Kommentare wie "Brazzo ist Dreck" oder "inkompetenter, der Position nicht gewachsener Versager" ließen sich bei einer kurzen Stichprobe jedenfalls neben vielen sachlichen Beiträgen auch problemlos finden.

Familie berichtet von Hass und Hetze

Zudem: Was außerhalb von Petitionen rund um die Person Salihamidzic passiert, erfährt die breite Öffentlichkeit eben nicht. "Ich habe kein Problem damit, wenn ihr meinen Vater oder mich wegen der Lügen aus den Medien attackiert, damit können wir umgehen", schrieb Sohn Nick Salihamidzic, Spieler in Bayerns U19, kürzlich in seiner Instagram-Story: "Haltet aber meine Schwester und meine Mutter aus der Diskussion heraus. Widerliches Verhalten, widerliche Leute und Fake-Fans."
Ebenso berichtet Ehefrau Esther Salihamidzic auf dem Instagram ihres Yoga-Studios von unschönen Kommentaren in den sozialen Medien: "Man beleidigt ihn als Menschen und auch unsere ganze Familie wird gleich mit angegriffen. Ich möchte euch auf diesem Weg bitten, dies zu unterlassen, es ist unsachlich und hat auch nichts mit 'ich bin ein Fan' zu tun!"

"Stoppt den Hass": Salihamidzic-Familie wehrt sich gegen Anfeindungen

Fotocredit: From Official Website

Das große Streitthema im Verein ist bekannt und hinlänglich beschrieben. Flick wünscht sich mehr Mitspracherecht in Transferfragen, einige Deals in der Vergangenheit stießen ihm auf. Sowohl auf Zugangsseite (Marc Roca, Buona Sarr, Douglas Costa), als auch bei den Abgängen (Jérôme Boateng, David Alaba, Thiago).
Mit Salihamidzic geriet er deswegen mehr als einmal aneinander. Dabei sei es "nie ins Persönliche gegangen", beteuerte Flick auf der Pressekonferenz am Freitag vor dem Spiel gegen FSV Mainz 05 (Samstag ab 15:30 Uhr im Liveticker). Letztlich ist das Verhältnis zwischen Trainer und Sportvorstand auf beruflicher Ebene aber zu beschädigt, als dass eine Fortführung der Zusammenarbeit über den Sommer hinaus aus Sicht des Trainers Sinn ergeben würde.
Flick sucht deshalb die Flucht. Selbstverständlich in dem Wissen, dass für ihn der Job des Bundestrainers nach der Europameisterschaft im Sommer wartet.

Rummenigge und Kahn schweigen

Die eigentliche Absprache war es, bis nach dem Spiel beim FSV Mainz zu warten, ehe man Gespräche über die kommende Saison führt. Flicks Alleingang hat der Sache nun aber eine Dynamik gegeben, die vor allem Salihamidzic als "Königsmörder" in die Schusslinie beförderte.
Um Schärfe aus der Debatte zu nehmen, bedarf es nun klarerer Kommunikation. Hainers Statement auf der Klubhomepage war ein Anfang, Flicks emotionales Statement auf der Pressekonferenz der nächste Schritt: Die Hetze und Beleidigungen gegen den Sportvorstand und dessen Familie vor allem im Internet seien "ein No-go", betonte Flick am Freitag, "da wurden Grenzen überschritten. Das ist eine Sache, die ich absolut missbillige, das geht überhaupt nicht!"

Hansi Flick ist Hasan Salihamidzic zur Seite gesprungen

Fotocredit: SID

Doch noch fehlen klare, öffentlichkeitswirksame Stellungnahmen der wichtigsten Sprachrohre des Rekordmeisters: Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, und sein designierter Nachfolger Oliver Kahn. Damit der Verein als Einheit, die geschlossen hinter Salihamidzic steht, wahrgenommen wird, braucht es nun weitere klare Bekenntnisse aus der Chefetage. Rummenigge fühlt sich in diesen Tagen offenbar nicht gemüßigt, die Grundordnung mit klaren Worten wieder herzustellen, während Kahn seelenruhig im Windschatten seines Bosses lauert, anstatt sich die Finger an der Causa Salihamidzic zu verbrennen.
"Ich bin dafür bekannt, ein Mann des Dialogs und nicht des Krieges zu sein", erklärt Rummenigge der italienischen Tageszeitung "Tuttosport" kürzlich, warum UEFA-Präsident Aleksander Ceferin ihn darum bat, als Mediator in der Super-League-Problematik zu fungieren.
Genau diese Qualitäten muss der 65-Jährige nun in den eigenen vier Wänden beweisen. Damit beim FC Bayern wieder mit einer Sprache gesprochen wird und die Hetzjagd gegen Einzelne ein Ende hat.
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