Julian Nagelsmann klatschte ein ums andere Mal Beifall für seine Mannschaft, die an diesem Samstag vornehmlich aus jungen Talenten und nur partiell aus Arrivierten bestand. Mit Torhüter Sven Ulreich, Neuzugang Dayot Upamecano und Eric Maxim Choupo-Moting standen lediglich drei Akteure mit reichlich Bundesliga-Erfahrung in der Startelf, komplettiert wurde das Kollektiv von Spielern, die üblicherweise für die U19 oder Zweitvertretung des FC Bayern zum Einsatz kommen.
Aufgrund der Tatsache, dass der Gegner aus Köln mit einer weitaus erfahreneren Truppe den Weg nach Baden-Württemberg gefunden hatte, wäre es gänzlich vermessen, die 2:3-Niederlage aus Münchner Sicht als aussagekräftiges Ereignis auf die viel zitierte Goldwaage zu legen. Nagelsmann unter Berücksichtigung besagter Rahmenbedingungen ein "verpatztes“ oder "missglücktes" Debüt zu attestieren, würde den Umstand, ein Testspiel gegen einen gut aufgestellten Bundesliga-Konkurrenten verloren zu haben, einigermaßen verzerren.
Nagelsmanns zweite oder gar dritte Garde schlug sich beachtlich, insbesondere die Talente Armindo Sieb, Taylor Booth und Malik Tillman wussten in der Offensive bisweilen zu gefallen. Der Nagelsmann’sche Applaus galt zumeist denjenigen, die weiter vorne wirbelten. "Drei, vier von den jungen Spielern haben es gut gemacht. Armindo Sieb war gut. Auch Tyler (Booth) oder Malik (Tillman). Das war schon in Ordnung, die sind ja nicht so im Rhythmus und haben auch noch keine Bundesliga-Minuten auf ihrem Konto“, lobte er im Nachgang in der Mixed-Zone.
Fußball
Van Dijk attackiert Reporter wegen Van-Gaal-Bericht: "Schäm dich!"
18/07/2021 AM 12:59
Doch es blieb aufseiten des neuen Übungsleiters nicht bloß bei positiv konnotierten Gesten, vereinzelt schlug seine Stimmung um, seine Hände dienten nicht mehr als Applausspender, sondern als Gesichtsverdecker. Eine Gebärde, die Nagelsmanns Verzweiflung symbolträchtig Ausdruck verlieh.

Gegentore erinnern an altbekanntes Problem

Doch was brachte den 33-Jährigen zum Hadern? Etwas, das in der vergangenen Spielzeit bereits seinem Vorgänger Hansi Flick regelmäßig Sorgenfalten auf die Stirn trieb: Das Defensivverhalten. Die Szenen, an deren Ende der Ball im FCB-Tor lag, riefen Erinnerungen wach, hatten gar Déjà-vu-Charakter. Insbesondere Kölns Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 war die Blaupause des typischen Gegentor-Ablaufs der Vorsaison. Die Abwehrreihe schob hoch, verweilte bei Ballbesitz kurz hinter der Mittellinie, als Omar Richards die Kugel an Florian Kainz verlor und die Geißböcke ins Umschaltspiel kamen, reichte ein langer Ball hinter die Kette aus, um die gesamte Defensivabteilung auszuhebeln.
War in der jüngeren Vergangenheit Manuel Neuer mehrfach der Leidtragende derartiger Konter, sah sich diesmal Ulreich mit einem alleine auf ihn zu stürmenden Angreifer konfrontiert. Dieser, namentlich Jan Thielmann, hatte keinerlei Probleme den Schlussmann zu überwinden. Generell war vor allem im ersten Durchgang zu erkennen, dass es den Rheinländern immer wieder gelang, Profit aus Münchner Aufbaufehlern zu schlagen, mit vielen schnellen Staffetten kombinierte sich die Baumgart-Elf in aussichtsreiche Abschlusspositionen.

Jan Thielmann im Duell mit Sven Ulreich vom FC Bayern

Fotocredit: Getty Images

Nicht nur das Zentrum erschien durchlässig, auch die defensiven Außenbahnen waren trotz des 4-2-3-1-Systems oftmals nur spärlich besetzt. Köln hatte aufgrund des fehlenden Drucks kaum Mühen, Flanken aus dem Halbfeld oder von der Grundlinie in den Strafraum zu bringen. So resultierten die Gegentore zum 1:2 und 2:3, für die Mark Uth verantwortlich zeichnete, aus unbedrängten Hereingaben von außen und mangelnder Abstimmung im Zentrum. Im Vorfeld des spielentscheidenden Treffers hatte die dilettantisch anmutende Abseitsfalle erneut nicht gegriffen.

Nagelsmann hadert: "Das war ein bisschen simpel"

Komplikationen, die hinsichtlich der kurzen Vorbereitung auf fehlende Automatismen zurückzuführen sind, bei Nagelsmann aber dennoch für Unmut sorgten: "Die Gegentore haben wir fast auf die identische Art und Weise bekommen: Wir haben auf Abseits gespielt, ohne Druck auf den Ball, und die gegnerischen Flanken nicht gut verteidigt", erklärte der Ex-Leipziger in der Mixed-Zone und schob nach: "Das war ein bisschen simpel."
Ähnlich simpel, wie sich die Münchner Hintermannschaft, seinerzeit noch mit den mittlerweile abgewanderten Stars Jérôme Boateng und David Alaba, auch unter Flick dann und wann düpieren ließ – und am Ende der Saison 2020/21 satte 44 Gegentore schlucken musste (Nagelsmanns Leipziger, Wolfsburg, Leverkusen und Union fingen sich weniger). Weil Robert Lewandowski und Co. auf der anderen Seite aber verlässlich knipsten, reichte es bekanntermaßen dennoch zum souveränen Meistertitel.
Nagelsmanns Aufgabe wird es sein, die neuformierte Abwehr zu festigen, ihr den Hang zum Harakiri auszutreiben. Der Test gegen Köln könnte die Sinne diesbezüglich noch einmal mehr geschärft haben. "Dass wir noch Luft nach oben haben, ist klar", sagte Nagelsmann abschließend, ehe sich der deutsche Klassenprimus aus Villingen verabschiedete. Damit der Applaus gegenüber dem Gesichtvergraben obsiegt und ein echter Erkenntnisgewinn gewährleistet ist, müssen also noch ein paar Testspiele ins Land gehen.
Das könnte Dich auch interessieren: Sorgen beim BVB: Rose reagiert auf Spekulationen um Hummels

DFB-Star Henrichs: Das ist meine größte Olympia-Erinnerung

Fußball
Hilfsprogramme: Verbände und Spitzenvereine helfen Flutopfern
18/07/2021 AM 11:21
Bundesliga
20-Millionen-Euro-Deal? Herthas Córdoba vor Wechsel nach Russland
18/07/2021 AM 09:15