Trotz Tabellenführung in der Liga und souveränem Einzug ins Achtelfinale der Champions League ist es unruhig beim FC Bayern.
Zu viele Gegentore, dazu nun das sensationelle Aus im DFB Pokal gegen Zweitligist Holstein Kiel – beim Branchenprimus ist das schon fast als Krise zu bezeichnen.
Die Kieler zeigten die Probleme der Bayern schonungslos auf: Das Pressing ist nicht mehr so griffig wie in der letzten Saison. Bayern lief Kiel wie gewohnt von außen an. Die Außenstürmer sprinteten also mit einem Bogen im Laufweg von außen auf Kiels Innenverteidiger – der Pass zum Außenverteidiger sollte so versperrt werden.
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Doch anstatt hektisch zu werden, suchten Hauke Wahl und Stefan Thesker im Kieler Aufbauspiel immer wieder mutig das Zentrum. Die Mittelfeldspieler legten die Bälle wiederum auf die Außenverteidiger ab – "Spiel über den Dritten" wie man im Trainersprech sagt.

FC Bayern: Probleme beim Timing, kein Zugriff im Mittelfeld

Ein hohes Pressing ohne Zugriff in Verbindung mit einer hoch stehenden Abwehrkette ist eine gefährliche Kombination. "Entscheidend ist, dass wir Druck auf den Ball bekommen", sagte Hansi Flick in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Freiburg. Beim 1:1-Ausgleichstreffer der Kieler durch Fin Bartels sei dies nicht der Fall gewesen und man habe zudem nicht rechtzeitig die Tiefe gesichert und es dem Gegner dadurch zu einfach gemacht.
Kiel ist nicht die erste Mannschaft, die sich in Ballbesitz mehr zutraute als es die Bayern-Gegner noch in der letzten Saison getan hatten. Auch Union Berlin, Mainz und zuletzt vor allem Gladbach nutzten die Probleme des Rekordmeisters aus. Das
Anlaufen geschieht zwar in hoher Intensität, das Timing stimmt aber seltener als zuvor. So laufen die Außenstürmer oftmals einen kleinen Moment zu spät los, sodass der gegnerische Innenverteidiger den Ball schon kontrollieren und mit nach innen nehmen kann - der angesprochene Bogenlauf wird so ausgehebelt.

Flick gesteht: "Hatte früher mit einem Einbruch gerechnet"

In der letzten Saison waren diese Anspiele des Gegners ins Zentrum noch die Pressingfalle der Bayern schlechthin. Man stand nicht direkt bei den Gegenspielern, sondern zwischen den verschiedenen Optionen, immer auf dem Sprung um Überzahl herzustellen. Dies gelingt aktuell nicht und sie tappen quasi selbst in die Falle: Gegner mit Mut und Ruhe können das ausnutzen und regelmäßig in Situationen kommen, in denen sie mit Blickrichtung zum Bayern-Tor ohne Gegnerdruck den Pass hinter die Abwehrkette vorbereiten können.
Ein Blick in die Statistik belegt diese Mängel: Bayern wird wirklich zu oft ausgespielt. Nur sechs der 24 Gegentore fielen nach Standards, 18 Mal erspielte sich der Gegner ein Tor – nur Schalke (21), Mainz (21) und Hoffenheim (23) sind in diesem Bereich schwächer.

Wo sind die lauten Bayern?

Neben Timing, Abständen und Zweikampfführung ist im Pressing noch ein weiterer Faktor extrem wichtig: Kommunikation.
In Zeiten von Geisterspielen bekommt man mit, was und wie viel auf einem Fußballplatz geredet wird. Die Bayern zeigten sich vor allem zum Ende der letzten Saison auffällig kommunikativ – was sich sowohl im Inhalt als auch in der Lautstärke ausdrückte. Keine Mannschaft war so laut wie der Triple-Sieger, jeder half dem Vorder- oder Nebenmann.
Zuletzt wurde es da deutlich ruhiger. Während Gladbach und auch Kiel sich gegen den Rekordmeister lautstark gepusht und wichtige verbale Hilfestellungen gegeben hatten, hörte man auf der Gegenseite wenig bis gar nichts.
Auf Eurosport-Nachfragebestätigte Flick dies auf der Pressekonferenz. Man sei aktuell wirklich leiser, so der Trainer: "Es hat uns immer gut getan, wenn die Mannschaft laut war und sich gegenseitig gecoacht hat."

Welche Anpassungen müssen jetzt folgen?

Natürlich liegt es angesichts der Art und Weise der letzten Gegentore nahe, eine tiefere Abwehrreihe als Lösung der Probleme zu sehen. Doch das ist zu kurz gedacht. Flick merkte zurecht an, dass man ähnliche Fehler auch aus einer tieferen Ordnung machen könne.
"Man kann auch im eigenen Strafraum den Laufweg des Gegners nicht aufnehmen", so der Bayern-Coach. Der Last-Minute-Ausgleich in Kiel dient hier als gutes Beispiel, Wahl kam viel zu frei zum Kopfball. Der Blick sei aktuell öfter mal zu sehr auf den Ball fokussiert. "Wir müssen aber auch sehen, was drumherum passiert".
Für Flick und sein Trainerteam steht nun Detailarbeit an. Will man weiterhin hoch verteidigen – und nichts anderes kann der Anspruch dieses Teams sein - muss wieder mehr Druck auf den Ballführenden gegeben werden. Stimmt das Timing nicht, brauchen die Bayern eine Rückzugsstrategie, um erst einmal die Tiefe zu sichern und dann aus der Ordnung wieder nach vorne zu schieben.
Die Abwehrreihe selbst sieht aktuell zwar oft sehr schlecht aus, muss aber eben auch in äußerst unangenehmen Situationen verteidigen: Der Gegner kommt mit Tempo und läuft in die richtige Richtung. Süle, Alaba und Co. agieren aus dem Stand und müssen sich erst drehen – und das alles, während der Gegner keinen Druck bekommt und einen sauberen Pass spielen kann.
Dennoch gibt es auch hier Details zu verbessern, so sollten die Abwehrspieler etwas seitlicher stehen, um das Tempo des Gegners schneller aufnehmen zu können.
Eurosport-Check: Nach den zuletzt sehr einfachen Gegentoren zu sagen, der "Bayern-Code" sei geknackt, ist wohl etwas vorschnell. Dennoch gibt es unübersehbare Probleme, die auch individuell klar unterlegene Gegner ausnutzen können – wenn sie denn mutig genug sind. Flick, der laut eigener Aussage eine sehr lange Analysesitzung nach dem Poka-Aus gehalten hat, muss nun für die richtige Balance sorgen. Zuerst muss dringend daran gearbeitet werden, Tiefe besser zu sichern – sei es durch besseres Timing im Anlaufen oder eben mit einer frühzeitiger fallenden Abwehrkette. Um dem Gegner zudem weniger Zeit im Mittelfeld zu geben, könnte sich eine klare Mannverantwortung in diesem Bereich oder zumindest auf der Ballseite bezahlt machen.
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