"Du kannst nicht ein Jahr lang in Topform sein. Das kann kein Spieler der Welt", sagte Lucien Favre kürzlich auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen St. Petersburg. Bezogen auf den aktuell in der Kritik stehenden Jadon Sancho fügte er hinzu: "Manchmal bist du einen Monat nicht bei 100 Prozent. Das ist normal."
Sancho ist in der Tat nicht in Topform. Im Gegenteil. Statt zielstrebiger Aktionen sieht man derzeit immer wieder komplizierte oder aufreizend lässige Szenen des Engländers. Auffällig ist zudem, dass er sein Tempo aktuell kaum ausspielen kann. Dass Sancho in letzter Zeit so oft in eher statischen Situationen an den Ball kommt, liegt an seiner zentraleren Rolle. Diese hat sich bereits zum Bundesligastart angedeutet. Im 3-4-2-1 spielte der Engländer zwar wie gewohnt als etwas eingerückter Flügelstürmer, hatte aber viel mehr Aktionen im Zentrum als letzte Saison.
Vor allem wenn er zusammen mit Neuzugang Meunier auf der rechten Seite zusammenspielt, wird Sancho immer wieder weit ins Zentrum gedrängt. Damit wird die Seite für den sehr dynamischen Belgier frei, der seine stärksten Aktionen dann hat, wenn er sich aus einer tieferen Position mit Anlauf ins Angriffsspiel einschalten kann.
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Auch nach der Umstellung auf ein 4-2-3-1 sieht man Sancho trotz seiner nominellen Rolle als Rechtsaußen immer wieder im Zentrum. Und in diesen Räumen hat Sancho einfach noch nicht so viel Erfahrung. Es treten schlichtweg andere Spielsituationen auf als auf der Außenbahn, wo er letzte Saison Gegenspieler um Gegenspieler stehengelassen hat.

Anpassungsschwierigkeiten an komplexere Aufgaben

Sancho muss sich nun schneller orientieren und mit Druck aus allen Richtungen rechnen. Auf der Außenbahn startete er entweder mit seinem Tempo hinter die letzte Kette oder wartete in einer breiteren Position auf ein Anspiel in den Fuß. Von dort aus konnte er dann regelmäßig Tempo aufnehmen und ein isoliertes Eins-gegen-Eins suchen. Nun muss der im Sommer stark von Manchester United umworbene Angreifer in engen Räumen Lösungen finden – mit deutlich weniger Zeit und mehr Gegnerdruck.

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Man merkt förmlich, wie Sancho im Umstellungsprozess ist. Er versucht, Tempo aufzunehmen, obwohl er eine gegnerische Überzahl vor sich hat. Dabei rennt er sich folgerichtig oft fest und verliert Bälle – Stichwort: kompliziert. Zwischenzeitlich kommt er dann weit entgegen, um sich etwas vom Druck des Gegners zu befreien. Dabei geht er jedoch oftmals einige Meter zu viel, sodass er in einer Position anspielbar ist, die eigentlich von einem der beiden Sechser besetzt werden sollte.

Leistungsdelle? Lehrzeit!

So schwierig die Umstellung und aktuelle Situation für Sancho auch ist, so lehrreich kann sie auf Sicht werden. Ein Spieler mit seiner Technik, Handlungsschnelligkeit und Athletik kann definitiv auch in zentraleren Räumen funktionieren.
Sancho wird lernen, sich auch in engeren Räumen mit richtigem Timing anspielbar zu machen. Dabei kann er sich viel von Mitspielern wie Marco Reus oder Julian Brandt abschauen, die ständig über ihre Schultern blicken und ihren Körper so stellen, dass sie sich mit dem ersten Ballkontakt in Richtung Tor drehen können.
Sancho wird in dieser Rolle vermutlich weniger klare Duelle mit einem einzelnen Gegenspieler haben, dafür aber insgesamt öfter an Angriffen beteiligt sein. Seine Geschwindigkeit kann er auch aus diesen Räumen heraus nutzen. Das Spiel in der Königsklasse gegen Zenit St. Petersburg hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, was man in Zukunft von Sancho erwarten kann: nämlich eine variablere Positionierung und mehr Präsenz in torgefährlichen Räumen.
Eurosport-Check: Abgesehen von allen außersportlichen Faktoren, die die sportliche Leistung eines jungen Menschen wie Sancho beeinflussen, gibt es auch taktische Gründe für die schwierige Zeit des Offensivstars. Auf den ersten Blick scheint Sancho in zentralerer Rolle ein wenig verschenkt zu sein. Doch auf Sicht wird er hier viel wichtiger für seine Mannschaft werden und kann mit seinem Spielwitz noch unberechenbarer für den Gegner werden. Dadurch wird Sancho sicherlich nicht zu einem weniger spektakulären, dafür aber zu einem effektiveren Spieler. Und dann rücken die Themen abseits des Platzes auch sicher wieder in den Hintergrund.
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