Sieben Tore und 17 Assists sammelte Joshua Kimmich wettbewerbsübergreifend in der letzten Saison – eine starke Quote für einen Defensivspieler. Nun stehen nach nur acht Pflichtspielen schon wieder drei Treffer und vier Vorlagen auf Kimmichs Konto. Eine Kampfansage?

Seit dem Abgang von Thiago ist Kimmich noch wichtiger für das Spiel der Bayern, als er es ohnehin vorher schon war. Die große Rotation zwischen Rechtsverteidigerposition und defensivem Mittelfeld ist Vergangenheit: Kimmich ist auf der Sechs gesetzt. Von dort gibt er den Takt an – in vielerlei Hinsicht.

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Kimmich hat den 360-Grad-Blick

Im Aufbauspiel ist Kimmich der Dreh- und Angelpunkt. Je nach gegnerischer Pressinghöhe zeigt er sich im Rücken der gegnerischen Stürmer oder auch mal etwas seitlich versetzt. Kimmichs große Stärke: die sogenannte Vororientierung.

Weil er sich ständig in alle Richtungen umschaut, weiß er genau, wie die Abstände zu Mitspielern und Gegnern auf jeder Seite sind. Dadurch gewinnt der Nationalspieler wichtige Sekundenbruchteile bei der Ballverarbeitung. Dass er so oft unbedrängte Pässe spielen kann, ist also kein Zufall.

Natürlich haben viele Gegner Kimmich als wichtigstes Puzzleteil im Übergang von Defensive zu Offensive ausgemacht. Das Problem aus Gegnersicht ist jedoch, dass Kimmich schlichtweg kaum aus dem Spiel zu nehmen ist. Läuft man ihn aggressiv an, kann er sich aufgrund seiner guten Orientierung schnell um den heranstürmenden Gegner herumdrehen – der tiefe Körperschwerpunkt, die Handlungsschnelligkeit und die blitzsaubere Technik mit beiden Füßen helfen dabei.

Nimmt der Gegner Kimmich von vornherein in Manndeckung, gibt es ein anderes Problem: Entweder fehlt dadurch ein Offensivspieler in der ersten Pressingreihe und man kann weniger Druck auf den Aufbau der Bayern aufbauen – und wird so automatisch Stück für Stück nach hinten gedrückt.

Nimmt ein Mittelfeldspieler Kimmich auf, entstehen beim Gegner Lücken im so wichtigen Bereich vor der Abwehr. Spieler wie Thomas Müller erkennen diese Situationen sofort, auch Robert Lewandowski zeigt sich dann immer wieder gerne im offensiven Mittelfeld.

Joshua Kimmich (rechts) hat auf dem Spielfeld alles im Blick

Fotocredit: Getty Images

Kimmich der Taktgeber im Pressing des FC Bayern

Auch defensiv bestimmt Kimmich viele der Münchener Aktionen. Beim hohen Anlaufen dirigiert er seine Vordermänner lautstark und sorgt mit seinem konsequenten Nachschieben bis weit in die gegnerische Hälfte dafür, dass die Offensivspieler ruhigen Gewissens mit hohem Risiko pressen können - ohne Sorge um Pässe in den Rücken.

Noch wichtiger ist Kimmichs Defensivarbeit jedoch nach Ballverlusten. Bayern geht dann sofort ins Gegenpressing und versucht, den Ball innerhalb der nächsten paar Sekunden zurückzuerobern. Kimmich gelingt es in diesen Situationen immer wieder, eine Position zu finden, aus der er zu gleich mehreren Gegnern kurze Distanzen und somit Möglichkeiten zum Zugriff hat.

Dabei sieht man den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Antizipieren und Spekulieren. Kimmich rennt nicht blind zu einem bestimmten Gegenspieler und hofft, dass der Ball dort landet – er erkennt anhand von Körperhaltung und Spielsituation mit extrem hoher Trefferquote den nächsten Pass des Gegners.

Joshua Kimmich (vorne rechts) erobert im Mittelfeld viele Bälle zurück

Fotocredit: Getty Images

FC Bayern: Kimmich schießt jetzt auch wichtige Tore

Dass Kimmich durchaus torgefährlich werden kann, hat er in der letzten Saison schon unter Beweis gestellt. In Erinnerung geblieben ist da vor allem das Traumtor gegen den BVB - ein Lupfer aus dem Rückraum über den verdutzten Roman Bürki. Mittlerweile taucht Kimmich noch öfter deutlich näher vorm Tor auf.

Die Bayern sind im Zentrum im Vergleich zur Vorsaison etwas variabler geworden. Bis zur Sommerpause war die Aufgabenverteilung recht eindeutig: Der Sechser fungierte als Aufbauspieler und Absicherung der Achter (meist Leon Goretzka) war für Wege aus der Tiefe ins letzte Drittel zuständig und der Zehner kombinierte mit den Flügelspielern und besetzte den Strafraum bei Flanken. Nach dem Abgang von Ballmagnet Thiago, der jeden Ball in den Fuß gefordert hat, haben sich die Rollen angenähert.

Wenn Kimmich den Ball verteilt hat, geht er nun immer wieder selbst mit nach vorne – und stellt den Gegner so vor neue Herausforderungen. Weil die gegnerischen Defensivspieler nach Verlagerungen oder öffnenden Pässen meistens die volle Aufmerksamkeit auf Müller, Gnabry, Lewandowski und Co. legen, kommt Kimmichs Laufweg in die Spitze oft überraschend.

Mal ist er im Rückraum anspielbar wie beim Tor gegen Moskau unter der Woche, mal geht er durch bis in den Strafraum – und wartet darauf, dass sich die Flügelflitzer durchsetzen und Bälle von der Grundlinie ins Zentrum bringen.

Eurosport-Check: Ballsicher, vielseitig, bissig, fleißig, handlungsschnell – alles nichts Neues. Doch nun ist Joshua Kimmich auch noch torgefährlich. Die neue Aufgabenverteilung im Mittelfeld der Bayern bringt Kimmich nun häufiger in den gefährlichen Bereich. Dass er dort auch Qualitäten hat, ist aufgrund seiner Entwicklung in den letzten Jahren nicht unbedingt überraschend, aber definitiv bewundernswert. Kimmich ist dem kompletten Fußballer wieder ein Stück näher gekommen. Und erfahrungsgemäß lässt sich dazu nur sagen: Fortsetzung folgt...

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