Was findet man nicht alles in Schubläden: Allerlei Krimskrams zumeist. Ein heilloses Durcheinander. Ein Sammelsurium der Vergangenheit mitunter und es macht deshalb manchmal auch Spaß, zwischendurch darin zu wühlen. Alte Batterien liegen drin, kaputte Bleistifte, Zettel von früheren Einkäufen, Taschenmesser und schon halb verrostete Schraubenzieher.
Und alles bleibt, wie es ist, wenn die Schubläden wieder geschlossen werden. Aber es gibt auch die anderen Schubläden. Jene, die in die Zukunft schauen können. In denen Pläne liegen für den Fall der Fälle, kurz Notfall genannt. Es sind fast so etwas wie Geheimpapiere, weil sie viele unterschiedliche Namen beinhalten.
Wenn zum Beispiel ein Trainer des FC Bayern München wie Hansi Flick unverhofft seinen Vertrag nicht erfüllen will aus vielerlei Gründen, dann kommt normalerweise das Fach mit den Lösungsvorschlägen zum Einsatz.
Bundesliga
Perfekt! Nagelsmann wird Bayern-Trainer, Flicks Vertrag aufgelöst
27/04/2021 AM 07:53
Entweder hat Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des Vereins, den kleinen, fast zierlichen Schlüssel dafür in der Hand, oder Uli Hoeneß ist noch in dessen Besitz.

Enttäuschende Offenbarung

Aber schauen wir doch gemeinsam in die Schublade, gehen wir auf Entdeckungsreise. Ganz vorsichtig ziehen alle gemeinsam am Griff, der aus Altersgründen schon etwas wackelt und dann stecken wir unsere Köpfe immer näher an die große Offenbarung, damit wir ja auch alles erkennen. Die Enttäuschung ist wie ein Donner mit Blitzen, die gar nicht aufhören wollen, die Nacht zum Tag zu machen. Die Schublade ist leer. Nur Staub liegt am Boden.
Kein Notfallplan, nichts. Rein überhaupt nichts. Der FC Bayern hat nicht vorgesorgt, als sich abzeichnete, dass Flick den Münchner den Rücken kehren würde. Keine Trainerliste ist zu sehen, kein Konzept für die Zeit nach dem erfolgreichsten Hansi der Vereinsgeschichte. Und jetzt? Ratlose Gesichter schauen sich entgeistert an, denn alle, wirklich alle Verantwortlichen im Verein wissen: Jetzt ist guter Rat teuer, extrem teuer, denn jetzt fällt allen nur Julian Nagelsmann ein aus Leipzig und der kostet: Vermutlich müssen die Münchner, um ihn aus seinem Vertrag bei den kampfwütigen Bullen zu lösen, um die kolportierten 25 Millionen Euro überweisen.
Gut, das bringt den FC Bayern jetzt nicht an die Armutsgrenze, aber es tut weh. Leere Schubladen entfalten in solchen Fällen eine enorme Wirkung. Und mit Nagelsmann, das wissen Rummenigge, Hoeneß, Hainer und alle anderen, wird sich das Vereinsgefüge verändern. Dieses Risiko müssen sie eingehen mangels Vorsorge.

Positionen müssen neu überdacht werden

Vor allem die Position des Sportvorstandes, die Hasan Salihamidzic seit Juli 2020 bekleidet, wird neu überdacht werden müssen, denn ein Millionenmann als Trainer ist schon aufgrund der angedachten Summe nicht mehr bloß ein normaler Übungsleiter, der Hütchen aufstellen lässt im Training und taktische Anweisungen gibt.
Er ist von Anfang an ein neues Schwergewicht im Bayern-Kosmos, der seine Vorstellungen mit weit mehr Nachdruck versehen kann, als das Hansi Flick möglich war. Es ist ein Trend hin zum Teammanager, wie das in England seit vielen Jahren üblich ist, weil der Erfolg letztlich ja vor allem auch davon abhängt, ob der Trainer seine Spielphilosophie mit den vorhandenen Spielern umsetzen kann.

Julian Nagelsmann wird ab 1. Juli 2021 Trainer beim FC Bayern München

Fotocredit: Imago

Wenn nicht, wird er Nachbesserungen verhandeln und die Wünsche bei Salihamidzic deponieren, der dann letztlich nur noch ein Erfüllungsgehilfe sein wird. Kaderplaner wird Trainer Nagelsmann werden, der schließlich auch mit seiner Mannschaft die Erfolge einfahren muss und daran gemessen wird. Nagelsmann wird vermutlich der Trainer werden mit den meisten Befugnissen in der Geschichte der Münchner.

Nagelsmann am Ziel seiner Wünsche

Vom jugendlichen Aussehen und seinem Alter mit 33 Jahren sollte sich beim FC Bayern niemand blenden lassen. Julian Nagelsmann hat seine Karriere zielgerichtet so aufgebaut, dass sie beim FC Bayern landen sollte und wenn der gebürtige Landsberger seine Ziele weiter mit der bisherigen Konsequenz verfolgt, könnten viele im Verein plötzlich weniger zu sagen haben.
Inwieweit Nagelsmann das so durchsetzen kann, auch im Hinblick auf die mannschaftliche Struktur mit Müller, Lewandowski, Neuer und Kimmich, wird man sehen. Für Hasan Salihamidzic, der sich in der Auseinandersetzung mit Flick, die der Verein auch immer verständlicherweise klein geredet hat, vielleicht als Sieger fühlen konnte, werden die Zeiten nicht ruhiger werden. Außerdem ist derzeit von den Führungspersonen im Verein nichts zu hören.
Es ist gerade so, als hätten sich Karl-Heinz Rummenigge, der designierte Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn und sogar Uli Hoeneß, die graue Eminenz, ein Schweigegelübde auferlegt. Einzig Präsident Herbert Hainer gibt in diesen Tagen hier und da ein Statement ab. Und das ist nie ein gutes Zeichen. Aber vielleicht suchen sie im Schrank der Weisheit noch immer nach der Schublade, in der sie Papiere für den Notfall deponiert haben.
Aber sie finden nur einen Scheck. Adresse RB Leipzig. Ziemlich neu. Der Betrag muss noch eingetragen werden. Einfallsreich ist das nicht.

ZUR PERSON SIGI HEINRICH:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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