Liebe Fußballfreunde, wenn man in Erfahrung bringen will, ob Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider ein guter Fußballmanager ist, dann gibt seine Körpersprache während der Spiele seines Klubs einen erkenntnisreichen Fingerzeig. Immer wieder sieht man Schneider, wie er in den 90 Minuten das Gesicht in seinen Händen vergräbt und den Kopf schüttelt, er kann dem Spiel seiner Knappen von der Tribüne aus gar nicht zusehen.

Wenn er dann doch mal den Kopf oben trägt, dann spiegelt sich in seinem Gesichtsausdruck das ganze Grauen auf dem Rasen. Möchte man eine Schlagzeile finden für Schneiders Spieltagsgesicht, dann fiele einem vielleicht ein: "Ich habe ja schon viel erlebt in den 50 Jahren meines Lebens, aber das ist mit Abstand der größte Bullshit, den die Welt des Profifußballs seit langem zu bieten hat!" So ähnlich.

Bundesliga
Uth macht Schneider Druck: "Unbedingt tätig werden"
03/01/2021 AM 11:44

Man möchte ihm auch gar nicht widersprechen, nur ist es nicht Ziel und Aufgabe des Managers, sich öffentlich fremd zu schämen ob des Stümpergekickes seines Arbeitgebers. Und wenn er das nicht kann, dann muss er es mindestens aushalten - oder gehen. In Schneiders Mimik und Gestik manifestiert sich der Offenbarungseid eines Hauptverantwortlichen der sportlichen Katastrophe, der schon lange nicht mehr daran glaubt, selbige abstellen zu können.

Dass Schneider trotzdem immer noch auf der Tribüne sitzt, nach 30 sieglosen Spielen in Folge, belegt einmal mehr das Ausmaß dieser Gelsenkirchener Tragödie.

Jochen Schneider - FC Schalke 04

Fotocredit: Imago

Schalkes Märchen vom Klassenerhalt

Jetzt also Trainer Nummer vier und das gleiche Lied: "Sky"-Experte Lothar Matthäus spricht von "Chaos pur", hätte Hertha das Spiel in der zweiten Halbzeit konsequent zu Ende gespielt wäre ein 6:0 das angemessene Ergebnis gewesen. Selbst die Spieler sagen nach der Partie, dass sie so nicht wettbewerbsfähig sind, so, als hätten sie selbst gar nicht auf dem Feld gestanden.

Der neue Trainer Christian Gross muss naturgemäß etwas anderes behaupten, er hat ja gerade erst angefangen, für kleines Geld und einen Millionenbonus im Falle des Klassenerhalts, der heute so realistisch erscheint wie die Rückkehr der Zuschauer in die Stadien ab nächster Woche.

Von Saudi-Arabien nach Schalke

Wie man auf Gross als Schalke-Retter kommt, das muss man mir aber dann doch mal erklären. Der 66-jährige Schweizer hatte sich im Frühsommer 2020 nach seiner letzten Trainerstation in Saudi-Arabien (!) in den Ruhestand verabschiedet und tauchte an Weihnachten plötzlich an der Schalker Futterkrippe auf – das hat durchaus was von Neuem Testament, von neuer Strategie eher weniger.

Gross ist Schneiders Wahl, kein anderer wäre auf einen Trainer gekommen, der bei seiner letzten Bundesliga-Station gerade einmal zehn Monate durchhielt: das war 2009/10 beim VfB Stuttgart, Manager der Schwaben damals: Jochen Schneider. Vermutlich war Gross der einzige freie Trainer, dessen gültige Handynummer in Schneiders Smartphone gespeichert war.

Gross vor Schalke-Debüt zuversichtlich: "Es ist Qualität da"

Kann Gross den Schalke-Job?

Als Schneider anrief, war der arbeitslose Gross total überrascht, heißt es. Glaubt man der gut unterrichteten "Süddeutschen Zeitung", war Schneiders entscheidende Frage an Gross: "Können Sie sich den Job vorstellen?", dann war man im Geschäft. Hätte Schneider mich angerufen, hätte ich den Job, ich hätte auch "Ja" gesagt oder "Aber klar doch" - was ein Schneider eben so hören will. Wohlgemerkt ist schon die Frage falsch: Die hätte nämlich lauten müssen: "Trauen Sie sich den Job zu?"

Vermutlich gibt es momentan selbst unter den Welttrainern Klopp, Flick, Tuchel, Guardiola nicht einen, der sich Schalke zutraut. Dass es soweit gekommen ist, ist Schneiders Verdienst.

Schneiders Bilanz: Sechs Trainer und ein Präsident

Jochen Schneider ist seit März 2019 Sportvorstand auf Schalke. An seinem ersten Arbeitstag trennte sich Schalke von Domenico Tedesco, inzwischen hat er als einziger Hauptverantwortlicher der Schalker einen Präsidenten (Tönnies), einen Technischen Direktor (Michael Reschke) und sechs Cheftrainer (Tedesco, Huub Stevens, Wagner, Baum, Stevens, Gross) er- und überlebt, das macht ihm so schnell keiner nach.

Im März 2019 hatte Schalke vier Punkte Vorsprung auf einen Relegationsplatz, heute sind es sechs Punkte Rückstand, dazwischen weitere Millionen verbrannt. Nimmt man den Kader, für dessen Zusammensetzung Schneider in erster Linie Verantwortung trägt, muss man schon Anleihen aus der Volkswirtschaftslehre bemühen: Wenn ganze Märkte kollabieren und der Staat nicht eingreift, spricht man vom "Staatsversagen".

In Schalke kollabiert gerade ein Fußballklub und der Mann, der nominell eingreifen müsste, klebt an seinem Job. Nennen wir es das "Schneiderversagen". Demnächst ein stehender Begriff im Fußballduden.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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