Liebe Fußballfreunde,

an diesem Montag nach dem fünften Spieltag der ersten offiziellen Corona-Saison muss die Liga einen Knall verarbeiten, den sie womöglich so schnell gar nicht verarbeiten kann.

Bundesliga
DFL-Boss Seifert kündigt Rücktritt an
26/10/2020 AM 11:03

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert wird seinen in zwei Jahren auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern, weshalb sich der Profifußball nach fast zwei Jahrzehnten einen neuen Chef suchen muss, der Seiferts Kurs des Hyperwachstums fortsetzen soll.

Ganz abgesehen davon, wer dann an seine Stelle treten mag: Es bleibt die drängende Frage, ob denn der Profifußball als mittelständische Unternehmung überhaupt in dem Maße weiterwachsen kann wie bisher.

Seifert-Rückzug als Eingeständnis

Seifert war es, der im konzilianten Ton und knallhart in der Sache die Politik in der vergangenen Spielzeit zu einem Re-Start der Liga nötigte - während viele andere Ligen und Lebensbereiche geschlossen blieben - und somit das schlimmste anzunehmende betriebswirtschaftliche Fiasko einiger Klubs vorerst abwendete. Seifert war es, der die Medienerlöse der Liga in seiner Amtszeit von 400 Millionen Euro auf über eine Milliarde pro Spielzeit hochgepokert hat.

Aber auch Seiferts Geschäftspolitik ist es zu verdanken, dass proportional zur Umsatzentwicklung der Klubs auch die Entfremdung der Fans zum Produkt mitgewachsen ist, die im Brennglas Corona die aktuelle Fußballdebatte dominiert und das zukünftige Geschäft noch empfindlich stören könnte. Und so ist Seiferts Rückzug auch als Eingeständnis zu lesen, dass der Markt ein weiteres Wachstum womöglich gar nicht zulässt, schon gar nicht ohne das Spiel nachhaltig zu beschädigen.

Die Spieler des FC Bayern feiern in der Allianz Arena mit ihren Fans

Fotocredit: Getty Images

Bundesliga an der Wachstumsgrenze

Am Sonntag lief in der ARD eine Dokumentation mit dem ebenso programmatischen wie ironischen Titel "Weiter, immer weiter". Der Titel bezog sich auf das ewige Mantra des Motivationsfußballspielers Oliver Kahn, der schon lange in keinem Tor mehr steht, aber ab dem nächsten Jahr Vorstandsvorsitzender des FC Bayern werden soll. An diesem "Weiter, immer weiter" bricht sich gerade Wunsch und Wirklichkeit des Profifußballs in Deutschland. Natürlich ist das ganze Szenario darauf angelegt, dass es immer weiter geht.

Die enormen Gehälter der Stars und Sternchen müssen schließlich refinanziert werden, doch wie in der Gesellschaft als Ganzes stellt sich auch im Profifußball zu Corona-Zeiten die Zielfrage: Ist immer noch größeres Wachstum eigentlich sinnvoll? Geht das überhaupt oder ist nicht längst eine Grenze erreicht? Müsste man die Liga nicht vielmehr nachhaltig aufstellen, was zwangsläufig auf Kosten des "Weiter, immer weiter" ginge?

Oliver Kahn: Ein zweifelnder Titan

In der ARD-Doku beschleichen ausgerechnet den designierten Bayern-Boss Kahn erste Zweifel. Ungewöhnlich nachdenklich sieht er aus, wenn er sich selbst die Frage stellt, ob "es wieder so wird, wie es einmal war?" Er meint den Fußball nach Corona. Ob die Zuschauer sich noch im gleichen Maße für den Fußball begeistern können, ob sie wieder in Massen kommen werden? Das ist längst keine rein rhetorische Frage mehr, auch wenn da immer viel Show-Selbstmitleid aufgetragen wird in einer Branche, die immer noch besser läuft als Luftfahrt, Tourismus oder die ganze Kulturbranche zusammen. Und dennoch: Die jüngste Ausschreibung der Verwertungsrechte der Liga hat erstmals seit Jahren keine Steigerung der Erlöse gebracht.

Das war schon Corona-bedingt und ist dennoch ein Signal: Es geht nicht mehr einfach so "weiter, immer weiter". Für hoch verschuldete Klubs wie Schalke, die TV-Gelder einplanen und ausgeben, die sie noch gar nicht überwiesen bekommen haben, reicht das nicht.

Oliver Kahn - FC Bayern München

Fotocredit: SID

Katastrophale Außenwirkung des Fußballs

Soviel Lob DFL-Boss Christian Seifert für sein Krisenmanagement im Kreise der Seinen eingeheimst hat, so katastrophal ist das Bild nach außen, in die Gesellschaft hinein zu den Fans, das der Fußball derzeit abgibt. Schalke ist dafür ein Synonym geworden, auch das vergoldete Steak, das bei dem einen oder anderen Profi zur kulinarischen Grundausstattung gehört.

Genauso der DFB, der regelmäßig von der Staatsanwaltschaft Besuch bekommt, der von einem Steuer- und Schwarzgeldskandal zum nächsten wankt und dessen Präsident dann öffentlich kundtut: Ihm fehle der volle Überblick. Ist das nachvollziehbar? Ist das nachhaltig?

Ist der Profifußball, jetzt, da vereinzelt wieder Zuschauer in die Stadien kommen dürfen, dadurch aufgefallen, dass er die Ticketpreise gesenkt hat, um sich bei denen für ihre Treue und Leidenschaft zu bedanken, die in den letzten Wochen und Monaten selbst eine harte Zeit durchgemacht haben? Sportökonomen sagen, die Klubs der Bundesliga wären dann nachhaltig aufgestellt, wenn sie für ein positives Betriebsergebnis auch ohne Zuschauereinnahmen auskommen würden. Betriebswirtschaftlich mag das stimmen, als Idee wäre dies das Ende des Fußballs: Ein Volkssport, der das Volk gar nicht mehr braucht, um trotzdem "immer weiter" gespielt zu werden, ist ein Monstrum, das jegliche Legitimation verloren hat. Die aktuellen Geisterspiele geben darauf einen ersten Vorgeschmack.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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