Liebe FußballfreundInnen, jeder Blick auf die Tabelle der Bundesliga ist immer auch ein Leistungsbarometer einzelner Akteure, der großen Namen, der teuren Neuzugänge. Je höher die Ablöse, je größer die Erwartung, desto stärker die Erregung der Kritiker, man denke an Leroy Sané.
Als ob der Erfolg eines Teams einzig von einem allein abhinge. Aber: Von einem Trainer allein hängt der Erfolg eines Fußballteams oft genug ab, man denke an Hansi Flick, der aus der Rumpeltruppe von Niko Kovac innerhalb kürzester Zeit einen Champions-League-Sieger formte. In der öffentlichen Debatte wird über die Trainer erst diskutiert, wenn sie nicht mehr zu retten sind. Tatsächlich aber lohnt sich gerade heute der Blick auf die zu Saisonbeginn neubesetzten Cheftrainerposten.
Alle namhaften Klubs haben seit dieser Spielzeit einen neuen Trainer, das kann man einen Trend nennen. Gerade auch Fußballtrainer sind in Zeiten des Spekulationswahnsinns vor keiner Ausstiegsklausel- und Ablösesummendummheit mehr gefeit. Der Markt lechzt nach dem nächsten großen Trainerding. Nur: Bringt das sportlich überhaupt was?
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12/12/2021 UM 23:49

Schwache Bilanz der neuen Cheftrainer

Es ist eine etwas vorgezogene, dennoch ziemlich ernüchternde Halbzeitbilanz in Sachen Cheftrainerperformance 2021/22. Mit Ausnahme vom Neu-Bayern-Coach Julian Nagelsmann, dem die Wintermeisterschaft mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz zwei nicht zu nehmen sein wird, dümpeln die zu Saisonbeginn teuer eingekauften neuen Headcoaches mit einer erschreckend schwachen Leistungsbilanz vor sich hin.
Und auch Nagelsmann, der seinem Arbeitgeber gerade erst wieder in einem großen Magazin-Interview Honig ums Klubwappen geschmiert hat ("Weltverein"), ist noch nicht der Übertrainer, den manche zum fulminanten Saisonbeginn schon in ihm gesehen haben wollten.
Drei Saisonniederlagen, vor allem das peinliche Aus im DFB-Pokal (0:5 in Gladbach), zuletzt wenig inspirierende Arbeitssiege gegen Freiburg, Bielefeld oder am Wochenende gegen Mainz - noch reicht das für die nationale Tabellenspitze, die internationalen Ansprüche der Bayern liegen mindestens eine Etage höher. Nagelsmann wird im nächsten halben Jahr zeigen müssen, ob der 34-Jährige dem Weltverein gewachsen ist.
Und zur Erinnerung: Die Bayern haben Nagelsmann in Leipzig aus dem Vertrag gekauft - für kolportierte 20 bis 30 Millionen Euro. Das war ein Weltrekord und ist die Hypothek, die er begleichen muss.

Julian Nagelsmann (Trainer FC Bayern München)

Fotocredit: Getty Images

Passt Marco Rose zum BVB?

Hinter Primus Julian gehen unter den Neutrainern Renommee, Erwartung und Erfolg oft ziemlich getrennte Wege. Marco Rose kam von Gladbach zum BVB, um die Vormachtstellung der Bayern zu brechen.
Spätestens seit dem 2:3 von letzter Woche ist die Vormachtstellung der Bayern in der Bundesliga so festbetoniert, dass der beste Dortmund-Trainer vielleicht ein Maurer sein müsste oder noch besser: eine Abrissbirne. Sechs Punkte Rückstand in der Tabelle, Aus in der Champions League - die Dortmunder Lethargie hat auch Rose ergriffen.
Das aktuelle 1:1 in Bochum - sorry, aber peinlich. Der smarte Rose wirkt längst wie der unglückselige Lucien Favre: bemüht und am Ende hilflos. Womöglich passen hier zwei nicht zusammen, die nur der Markt zusammengebracht hat.

Hütter, van Bommel, Marsch - im freien Fall

Im freien Fall befindet sich derzeit Adi Hütter mit seinen Gladbacher Fohlen: 0:9 Punkte in den letzten drei Spielen, 2:14 Tore, darunter das exzeptionelle 0:6 gegen Freiburg. Wenn das so weitergeht, wird Hütter nicht zu halten sein. In dem Fall hätte Gladbach - auch hier - eine Millionenablöse gezahlt für einen Trainer, der nicht mal eine ganze Spielzeit durchhält. In Gladbach geht es längst nicht mehr darum, eine neue Ära zu prägen, es geht ums Überleben.
In Wolfsburg und Leipzig ist man da schon ein Stück weiter Richtung Abgrund: Mark van Bommel musste nach neun Spieltagen gehen, Leipzigs Jesse Marsch nach 14. Im Selbstverständnis Spitzenklubs, dümpeln beide momentan auf Tabellenplätzen jenseits ihrer Vorstellungen herum. Sportlich besser ist mit den teuren Trainern nichts geworden.
In Leipzig hat man ein intaktes Spielsystem ohne Not aufgegeben, der neue Neutrainer Domenico Tedesco soll es jetzt wiederfinden. Dass er auch dafür nicht ewig Zeit bekommen wird, sieht man in Wolfsburg an van Bommel-Nachfolger Florian Kohfeldt, der nach zuletzt drei Niederlagen in Folge angezählt an der Seitenlinie taumelt. Es gäbe noch mehr Beispiele, etwa Oliver Glasner in Frankfurt, aber lassen wir das. Mittelmaß, wohin das Auge reicht.

Aus der Traum: Trainer Florian Kohfeldt ist mit Wolfsburg in der Champions League gescheitert

Fotocredit: SID

Was bringt so ein Trainerkarussell?

Also, was hat es gebracht, dass der Markt die sportliche Logik verdrängt? Findet jetzt jeder Verein genau den Trainer, der ihn prägen kann, mit seiner Art das Spiel zu denken?
Oder nimmt vielmehr die Ungeduld zu, die mangelnde Bereitschaft, sich den Erfolg kontinuierlich über Zeit zu erarbeiten, einfach weil der Markt gar keine Geduld kennt, sondern nur Nervosität und andere Optionen?
Bisher hat die Bundesliga keinen überzeugenden Beweis dafür geliefert, dass dieses Trainerkommerzkarussell für irgendwas gut ist.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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