Liebe FußballfreundInnen, wenn nach einem Bundesliga-Spieltag nur über die Gehaltsabrechnung eines einzelnen Spielers diskutiert wird, dann könnte man meinen, es sei sportlich nicht viel passiert.
Das stimmt zwar gar nicht, die Meisterschaft ist seit dem Wochenende wieder offener, denn es zeigt nur wieder mal, wie sehr es im Fußball um Personalisierung und nicht um Zusammenhänge geht.
Wenigstens glauben wir jetzt zu wissen, was Joshua Kimmich in München verdient. Übereinstimmend wurde berichtet, dass von seinem Salär für die Quarantäne-Woche 384.000 Euro einbehalten werden soll, das läuft am Ende auf ein Jahresgehalt von 20 Millionen Euro hinaus.
Bundesliga
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Man muss also kein Mitleid bekommen mit dem armen "Jo". Wenn es ihn schmerzen sollte, dann nur, weil es viel Geld ist und nicht weil er es dringend zum Leben bräuchte. Das unterscheidet den ungeimpften Kimmich von nahezu allen anderen Ungeimpften, die in einer ähnlichen Situation feststecken.

Es ist doch nur Geld!

Joshua Kimmich ist gut beraten, seinen Gehaltsabzug nicht öffentlich zu bedauern. Es ist die logische Konsequenz aus dem Infektionsschutzgesetz, wonach ein nicht erkrankter Arbeitnehmer in der Quarantäne nicht auf eine Entgeltfortzahlung bestehen kann, auf die er im Krankheitsfall natürlich Anspruch hätte.
Die Ironie dabei: Wäre Kimmich an Corona erkrankt, hätte ihm der FC Bayern niemals an den Geldbeutel gehen können. Die Öffentlichkeit wäre dennoch vollends durchgedreht, ob des vermeintlich unsolidarischen, die Allgemeinheit gefährdenden Bayern-Spielers.

Joshua Kimmich fiel in Augsburg aus, für ihn spielte Marcel Sabitzer

Fotocredit: Getty Images

Nagelsmanns Populismus

Es ist kompliziert! Die fünf ungeimpften Spieler des FC Bayern seien "überrascht" gewesen, so wird kolportiert, als Kahn & Co. Ihnen den Gehaltsstreich übermittelten, einige wollten sogar juristische Schritte prüfen.
In der Tat kann man überrascht sein, dass der FC Bayern, der sich in früheren Dekaden gerne mal von seinen Spielern auf der Nase hat herumtanzen lassen, jetzt den Spieß umdreht und seine Angestellten pedantisch an Vertrag, Recht und Gesetz erinnert.
Dafür musste offenbar Corona erfunden werden. Zu groß war der öffentliche Druck geworden, gerade nach der peinlichen Niederlage in Augsburg, bei der Trainer Julian Nagelsmann gar nicht erst so tat, als hätte die ganze Impfdiskussion um Kimmich & Co. keinen Einfluss gehabt auf die Leistung.
Das allerdings ist schlechtestenfalls Populismus: Augsburg müssen die Bayern im Schlafanzug herspielen, alles andere ist ein billiges Ablenkungsmanöver.

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Probe für die Fußballer-Persönlichkeit

Interessant wird sein, wie die Reaktion von Joshua Kimmich ausfallen wird. Wenn er der "seriöse und verantwortungsbewusste Mensch" ist, von dem Karl-Heinz-Rummenigge am Wochenende sprach, wenn er die große Fußball-Persönlichkeit ist, als die er sich in den letzten Jahren auf und abseits des Spielfeldes gezeigt hat, gerade auch während der Corona-Krise, dann wird er auf jegliche juristischen Schritte verzichten.
Er wird die Maßnahme als Konsequenz seiner bewussten Entscheidung akzeptieren, sich bisher nicht geimpft zu haben. Diese Entscheidung ist seine Privatangelegenheit, die die Öffentlichkeit akzeptieren muss.

Wie kommt Kimmich da wieder raus?

Klar ist aber, der Druck auf Kimmich wird weiter zunehmen. Ein Druck, der so groß werden wird, dass er seine Impfentscheidung in Zukunft kaum noch unabhängig und bewusst wird treffen können. Das wäre sein gutes Recht.
Aber was, wenn er demnächst wieder in Quarantäne muss, etwa beim Spiel gegen den BVB Anfang Dezember oder im nächsten Frühjahr, wenn die K.o.-Spiele der Champions League anstehen? Ob er als Mensch und Sportler aus dieser Zwickmühle unbeschadet herauskommt, ist längst nicht ausgemacht.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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