"Das fühlt sich nicht gut an", sagte Julian Nagelsmann nach der 0:3-Pleite im Test gegen Neapel. Ein ungewohntes Gefühl für den 34-Jährigen, für den es seit Jahren nur nach oben geht. Die Spitze - oder zumindest einen schönen Aussichtspunkt in betrachtlicher Höhe - hat er mit seinem Wechsel zum FC Bayern erreicht.
Die erste Aussicht aber: eher bewölkt. Vier Testspiele, drei Niederlagen. Ein traumhafter Einstand sieht wahrlich anders aus. Schon am Freitag geht es im ersten Pflichtspiel der neuen Saison im DFB-Pokal gegen den Bremer SV. Die Angst vor einem Fehlstart packt Nagelsmann nicht, behauptet er selbst. Eine Woche hat er noch - was er jetzt noch tun muss.
Fußball
Wieder kein Sieg unter Nagelsmann: Bayern geht auch gegen Napoli baden
31/07/2021 AM 16:30

Routine im Kollektiv: Auf zur neuen Spielidee

Klar: Die Aussagekraft von Testspielen sollte man nie zu hoch hängen. Auch Julian Nagelsmann probierte Spielsysteme, Kombinationen und testete vor allem Spieler. Viele Jugendspieler und Spieler, die in der vergangenen Saison zur zweiten Reihe gehörten. Zur Halbzeit wechselte der 34-Jährige beim Test gegen Neapel gleich acht Mal. Eingespielt ist nichts.
Nagelsmann ist optimistisch. In der Partie gegen Neapel waren die Bayern über fast die komplette Spieldauer die dominierende Mannschaft, doch der Zug zum Tor fehlte. Er ergänzte: "Und wie wir die Tore bekommen haben, das war kein Problem des Kollektivs, sondern individuelle Fehler.” Zum Beispiel von Mickael Cuisance, der beim 0:1 den Ball verlor und auch durch einen Fehlpass das zweite Gegentor mitverschuldete.
Viel wichtiger als individuelle Stärken und Schwächen ist ein Unterbau. Ein System, eine Spielidee, an der alle Spieler teilhaben. Flügelstürmer Serge Gnabry unterstrich das nach dem Spiel. Sie müssen nun "gewisse Abläufe trainieren, dann wird es schon passen. Es braucht Zeit", sagte er. Ein Grundkonzept muss zumindest einmal bis Freitag stehen, bis zum Pokalspiel.
Schon jetzt erkennbar sind das energische Pressing und ein klar strukturiertes Stellungsspiel in der Defensive.

Neuer, Müller, Kimmich kehren zurück: Teambuilding steht an oberster Stelle

In dieser Pokalbegegnung wird der neue Bayern-Trainer auch wieder auf Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Thomas Müller zurückgreifen können. Die drei Nationalspieler sind die letzten Rückkehrer nach dem Sommerurlaub. Mit seinem kompletten Kader hat er also noch gar nicht gearbeitet. Neben der sportlichen Ebene muss Nagelsmann auch sofort auf einer psychischen Ebene agieren und die Mannschaft vereinen.
Sein Vorteil: Bis auf Omar Richards und Dayot Upamecano greift er auf ein Team zurück, das sich kennt. Und in dem es ein Machtgefüge gibt. Ein sensibles Konstrukt, in dem gestandene Spieler den neuen und jüngeren helfen. Das aber auch für Frustration sorgt. Auch Nagelsmann wird erst lernen müssen, welcher Spieler welchen Raum einnimmt. Niko Kovac etwa wurde das Gebilde zum Verhängnis. Nagelsmann, der fast anderthalb Jahre jünger ist als sein Torhüter Manuel Neuer, kann einen anderen, einen lockeren Zugang zum Team herstellen.

Leroy Sané im Testspiel gegen Neapel.

Fotocredit: Imago

Die Frage nach Verstärkung - und die Macht von oben

Bei aller Lässigkeit, mit der Nagelsmann auf die Pleite gegen Neapel schaut, bereitet der nächste Ausfall Sorgen: Der Franzose Kingsley Coman musste schon nach neun Minuten ausgewechselt werden. Er hatte sich nach einem Zusammenprall mit Stanislav Lobotka am Rücken verletzt. Sein Trainer rechnet mit einer schnellen Rückkehr. Doch der Flügelflitzer reiht sich ein in das Lazarett, in dem sich auch Niklas Süle, Marc Roca, Lucas Hernández und Alphonso Davies befinden.
Viel Spielraum, sich eine Stammelf zu basteln, hat Nagelsmann nicht. Handlungsbedarf sieht der neue Vorstandschef Oliver Kahn aber auch nicht. "Ich denke, wir sind sehr gut aufgestellt in allen Mannschaftsteilen", sagte er am Samstag bei RTL. Der FC Bayern habe einen "exzellenten" Kader.

Julian Nagelsmann (links) und Oliver Kahn.

Fotocredit: Imago

Bei Nagelsmann klang das schon etwas anders: "Als Fußball-Klub haben wir die Aufgabe, den Transfermarkt immer zu sondieren", sagte er im Rahmen des Testspiels. "Das hätte sich auch durch vier Siege nicht geändert. Wir müssen immer auf dem Markt schauen, was uns besser macht oder weiterbringt."
Mit Nagelsmann steht auch Kahn erst seit kurzem auf diesem schönen Aussichtspunkt. Dem Trainer ist klar, wie schnell er von dort wieder verdrängt werden kann. Dem letzten Bayern-Coach Hansi Flick ist es so ergangen. Die Frage nach Sommertransfers wird die erste Bewährungsprobe für Nagelsmann, wie im Machtgefüge der Bayern-Führungsetage mitwirken kann. Um möglichst lange eine Aussicht zu haben, eine schöne natürlich.
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