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Der LIGAstheniker: Der FC Bayern München und sein seltsames Medienverständnis
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Publiziert 01/05/2023 um 16:58 GMT+2 Uhr
Der FC Bayern München gibt dieser Tage an verschiedenen Fronten kein gutes Bild ab. Der LIGAstheniker findet rund um den Arbeitssieg gegen Hertha BSC (2:0) vor allem das Medienverständnis des Rekordmeisters zweifelhaft. Dünnhäutig, pampig, schwadronierend - Hasan Salihamidzic und Co. müssen mehr liefern als nur Ausreden. Zum Glück gibt es Journalistinnen, die noch die richtigen Fragen stellen.
Die Bayern-Granden: Herbert Hainer, Oliver Kahn, Hasan Salihamidzic (v.l.)
Fotocredit: Getty Images
Liebe FußballfreundInnen,
Seit Wochen führen die Bayern ein Medienspektakel auf, das dieser Fußballklub mit der Entlassung von Julian Nagelsmann selbst inszeniert hat. Einen Wechsel, den die breite und die Fachöffentlichkeit nicht verstanden hat, vor allem auch deshalb nicht, weil es sportlich seither schlecht läuft als vorher. Das ist mindestens erklärungsbedürftig.
Anders als es die Bayern sonst gewohnt sind, sind sie dabei nicht von Fragendarstellern mit Klubmitgliedschaft umgeben, die es unter Fußball-Reportern reihenweise gibt, sondern von Journalistinnen, die sich nicht den Schneid abkaufen lassen.
Insofern ist diese Kolumne auch ein Hoch auf Frauen wie Esther Sedlaczek ("ARD") und Laura Wontorra ("DAZN"), die den Männern des televisonären Getriebes seit der Fußball-WM vor Augen führen, wie kritischer Fußballjournalismus wirklich geht.
Die Art und Weise wie Wontorra Bayerns Sport-Vorstand Hasan Salihamidzic vor dem Hertha-Spiel nicht von der Angel ließ, ihm seine nichtssagenden Floskeln nicht durchgehen lassen wollte, ist großes Fernsehen.
Trotzige Jungs auf dem Schulhof
Nach dem Ausscheiden in der Champions League hatte auch schon der statistische Hinweis auf die mangelnde Chancenverwertung der Bayern ausgereicht, um den neuen Trainer Thomas Tuchel aus der Contenance zu bringen ("Dann brauchen Sie mich ja nicht zum Analysieren"). Tuchel reagierte ein wenig wie ein trotziges Kind auf dem Schulhof.
Nur noch mal zur eigenen Erkenntnis: Dem FC Bayern München gelang gegen ManCity in zwei Spielen kein einziges Tor aus dem Spiel heraus (0:3 und 1:1) und der bloße Hinweis darauf reichte aus, damit der Bayern-Coach austuchelte.
Als "ARD"-Kollege Alex Bommes nach dem Pokal-Aus gegen Freiburg (1:2) Ähnliches versuchte, ruderte so gleich wieder zurück als er merkte, Tuchel is not amused.
Kann Bayern mit Kritik umgehen?
Viel erkenntnisreicher war dagegen das Gespräch von Wontorra mit Sportdirektor Brazzo Salihamidzic vom Sonntag. Wontorra war gut vorbereitet und nagelte den Sport-Vorstand auf Interview-Aussagen vom Sommer fest, wonach er den Kopf hinhalten würde, wenn der Kader-Umbruch nicht gelänge.
Ob das jetzt der Zeitpunkt dafür sei, fragte Wontorra. Danach erzählte Salihamidzic davon, dass man einen Top-Kader habe, dass man in der Hinrunde durch die Champions League marschiert sei und 72 Tore erzielt habe.
Weshalb man auf der Grundlage dieser Analyse den Trainer entlassen musste, weshalb man sich jetzt genötigt fühlt, den Kader rundzuerneuern, wie kolportiert wird, das erklärte der Sport-Vorstand aber nicht.
Brazzo fantasiert herum
In der Wissenschaft spricht von der "Kognitiven Dissonanz". Das, was man sagt, und das, wie sich die Dinge nach außen hin darstellen, passen nicht zusammen. Und bevor jemand das erkennt, pampt mal lieber in bekannter Manier herum. "Ich höre jetzt aus Ihren Fragen, dass wir nicht mit Kritik umgehen können", sagte Brazzo zu Wontorra.
Salihamidzic enthüllte damit das Wesen einer rhetorischen Frage: man kann sie sich selbst mit einem lauten "Ja" beantworten.
Auf die Idee, dass der FC Bayern selbstkritisch geführt würde, kämen nicht mal die zahlreichen Fußballreporter mit "Bayern-Parteibuch". Der Mia-san-Mia-Klub ist eine Wagenburg, an der jeder zerschellt, der nicht zum Ja-Sager taugt.
Bayern-Spieler werden "kaputtgemacht"
Am Ende müssen die Sportler, die Spieler diese verfehlte Erwartungshaltung einer gescheiterten Vereinspolitik ausbaden. Der Druck auf sie kommt dabei von allen Seiten: Klubführung, Trainer, Öffentlichkeit.
Jeder drückt anders, irgendwann lähmt das alle, wer will da noch frei aufspielen? Leon Goretzka hat sich am Wochenende dazu deutlich geäußert: "Wir Spieler werden komplett kaputtgemacht."
Das, mit Verlaub, ist das Werk der sportlichen Leitung, diese sollte die Konsequenzen ziehen. Selbstkritisch und ohne Gemaule.
ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform
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