Der LIGAstheniker: Meisterrennen wird zum Murmeltiertag - Bayerns Dominanz wäre Hollywood zu langweilig

Die neue Bundesliga-Saison hat kaum begonnen, da erinnert sie den LIGAstheniker bereits an bekannte Muster - ähnlich wie im Filmklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier" mit Bill Murray. Der FC Bayern München dominiert fast schon wie im Eishockey und erfindet sich weiter neu, während der Rest der Liga keine Fortschritte zu machen scheint. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

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Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen, es geht also wieder los! Aber gleich nach dem ersten Spieltag möchte ich laut schreien: Aber bitte doch nicht gleich wieder so?
Sie kennen doch sicher den Film "Groundhog Day", zu Deutsch "Und täglich grüßt das Murmeltier"? In dem Film erlebt der sagenhafte Bill Murray den gleichen Tag immer und immer wieder. Wie in einer Zeitschleife gefangen. Genauso erlebe ich die Bundesliga seit Jahren. Und so geht es mir auch jetzt wieder mit diesem ersten Spieltag der ursprünglich als "neu" apostrophierten Saison 2022/23.
Also, was ist neu nach Spieltag 1?

Bundesliga in Zeitschleife gefangen

Der Blick auf die Tabelle ist es nicht. Die Bayern sind schon wieder Spitze! Und so wie es aussieht, sind sie dem Rest noch weiter enteilt als je zuvor, wenn selbst ein amtierender Europa League-Sieger wie Eintracht Frankfurt zu Hause eine Packung bekommt, die an ein Eishockeyergebnis erinnert.
Die Bayern souverän ganz vorne, der BVB wacklig dahinter, Union besser als Hertha, Freiburg erfrischend, Schalke mault und verliert - genau wie jener Phil Connors im Film erwache ich nach diesem Spieltag und denke: Das kenne ich doch alles schon. Muss das so sein oder geht das auch anders?

Gefühlt ist Bayern schon wieder Meister

Während im Spielfilm die Zeitschleife als Plotidee funktioniert, weil der eingelullte Zuschauer am Ende der 90 Minuten mit einem plötzlich für alle überraschenden Ergebnis konfrontiert wird - Connors überwindet die Zeitschleife, es geht also weiter - wird die Bundesliga, so hat es den Anschein, die Zeitschleife wieder nicht überspringen. Oder glaubt irgendwer im Land, dass die Bayern nicht zum elften Mal in Folge Meister werden? Es ist immer noch, auch wenn wir uns das in letzten zehn Meisterjahren des FCB abgewöhnt haben, die wichtigste und spannendste Einzelentscheidung der Liga. In jeder Fußballliga übrigens, außer der hiesigen.
Bundesliga-Orakel Lothar Matthäus, der mit seinen Instinkten allzu oft richtig liegt, meinte gar, so wie gegen Frankfurt seien die Bayern selbst international kaum zu besiegen. Von der Liga selbst erwartet er es offenbar gar nicht mehr. Wenn man also nach dem ersten Spielminuten schon sagen kann, dass es am Ende auf keine Überraschung hinauslaufen wird, dann hätte Hollywood aus der Bundesliga sicher keinen Film gemacht. Warum auch?

Neue Saison, alte Muster

Und es ist ja auch nicht nur die Bayern-Frage, die einem ein Déjà-vu in Endlosschleife ins Hirn zimmert, viele der Klubauftritte dieses ersten Spieltags erinnerten an das, was man schon kennt. Der BVB, der sich zum x-ten Mal neuerfinden will, der sich wiedermal gut verstärkt und einen Trainer geholt hat, den er schon hatte. Und auch ihr Spiel ein Spiel von Wiederholungsmustern: erst mutig, dann wacklig, als hätten sie ihr latentes Mentalitätsproblem immer noch nicht im Griff. Auch das kennt man so seit Jahren, seit sie sich als Nummer zwei im deutschen Fußball festgetackert haben.
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Quelle: Perform

Oder das Berliner Big City Club-Treffen zwischen Union und Hertha – das Spiel hat, trotz vereinzelt neuer Namen hüben wie drüben, genau so schon letzte Saison zweimal stattgefunden, im Verlauf und Ergebnis. Freiburg besser als Augsburg, Leipzig mit Startproblemen, Schalke fühlt sich verschaukelt – alles nicht wirklich neu. Oder besser: War alles schon mal da.

Liga ohne Fortschritt

Es gibt einen Unterschied zwischen Innovation und Fortschritt, habe ich kürzlich beim Sozialpsychologen Harald Welzer gelesen. Das Spiel der Bayern, wer möchte das in Abrede stellen, ist innovationsgetrieben. Passspiel, Tempo, Umschaltaktionen, siehe das Spiel in Frankfurt, die Bayern schrauben, auch dank neuem Personal, an allen zentralen Stellknöpfen, um nicht nur besser werden zu wollen, sondern um tatsächlich besser zu werden. So erfinden sie sich immer ein Stück weit neu, wobei das Altbekannte durchaus hindurchschimmert. So werden die Bayern von Jahr zu Jahr noch ein bisschen besser, heißt überlegener.
Echter Fortschritt aber wäre, wenn die anderen es ihnen gleich täten, so dass die Lücke zwischen dem Klassenbesten und dem Klassenrest so eingeebnet ist, dass man sich nach dem ersten Spieltag noch ganz naiv und offen die Frage stellen kann: Bin gespannt, wer diesmal das Rennen macht? Was glaubst du?
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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