Der LIGAstheniker: Failed Club Schalke 04 gibt Rote Laterne ab - ein Alien sammelt Lobeshymnen für Platz 17

Lobeshymnen für Platz 17 - das muss man erst einmal schaffen! Aber der "failed club" FC Schalke 04 überrascht sogar den LIGAstheniker. Doch für ihn bleibt S04 weiter ein Alien: Innendrin rührt sich was, doch weiß keiner so genau, von welcher Welt das neue Schalker Leben ist. In jedem Fall muss für die Knappen noch ein Knipser her, wenn die Wende klappen soll: Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Der FC Schalke 04 holte den ersten Sieg nach 109 Tagen

Fotocredit: SID

Liebe FußballfreundInnen,
zugegeben, dass der failed club FC Schalke 04 noch einmal die Rote Laterne in dieser Saison abgibt - der LIGAstheniker hätte das nicht möglich gehalten. Er hätte jede Wette dagegen angenommen, und wie wir seit dem Wochenende wissen, verloren.
Ein Klub, der in den letzten Jahren so ziemlich jeden Negativrekord aufgestellt hat, den man sich denken kann; der mit ganz viel Geld ganz viel sportlichen, betriebswirtschaftlichen und verhaltenspädagogischen Unsinn angestellt hat, ein Klub, der so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen konnte (inklusive Putin-Nähe und Abstieg in die 2. Liga), ausgerechnet dieser Klub ist seit sechs Spielen ungeschlagen!
Plötzlich geistern Fremdworte in Gelsenkirchen herum wie "Kollektiv", "Disziplin" oder "Gemeinschaft".
Was ist da passiert, fragt sich der entsetzte Lieblingskritiker, der sich auf das endgültige Liga-Ableben des Klubs im "Traditionshospiz“ ("Bild"-Mann Michael Makus) eingestellt hatte. Und jetzt? Kommt vielleicht doch alles anders?

Lobeshymnen für Platz 17

Natürlich kommen die telemedialen Lobeshymnen auf das "neue Schalke" vom Wochenende wieder viel zu früh. Und wenn die Granden Effenberg und Co. jetzt, im unmittelbaren Effekt der Schalker Serie bereits wieder davon ausgehen, dass Schalke "sicher" die Klasse halten wird, dann ist das natürlich Quatsch.
Woher will man das am 23. Spieltag auch wissen, bei - Hertha mitgezählt - fünf punktgleichen Teams am Ende? Die Momentaufnahme sagt: Platz 17 in der Tabelle, die klinische Analyse sagt: von Abstieg bedroht. So wurde für Platz 17 noch kein anderer Klub gestreichelt!
Erstaunlich auch, wie gut Schalke gesehen wurde in Bochum, denn guter Fußball sieht in Gänze doch anders aus. Das skandalös-peinliche, selbst hineinbugsierte Eigentor des Bochumer Torhüters Manuel Riemann, das schön gedachte und doch ziemlich zufällige 0:2 durch Marius Bülter, der den halben Strafraum getunnelt hat - eine näher skizzierbare offensive Spielidee wird da noch kaum erkennbar.
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Der FC Schalke 04 gewinnt beim VfL Bochum

Fotocredit: Imago

"Alien" Schalke und das Glück

Und doch: Schalke ist wie ein Alien. Innendrin rührt sich was, doch weiß noch keiner so genau, von welcher Welt das neue Schalker Leben ist? Der FC Schalke 04 von 2023 ist kein Phoenix aus der Asche, sondern ein verschweißtes null zu null. Von den besagten sechs letzten Spielen waren vier torlose Unentschieden dabei.
Vergleicht man das mit den teils katastrophalen Saison-Ergebnissen aus 2022 - etwa das 0:4 in Leverkusen, das 0:3 zuhause gegen Hoffenheim - dann fällt auf, dass Schalke in der Winterpause eine Seite der sportlichen Bilanz verändern und stark verbessern konnte, die andere ist nach wie vor auf "Spielglück", gebaut, wie danach Spieler, Experten, Reporter unisono analysierten.
Man sei wieder in der Lage, sich gewisse Dinge zu erarbeiten und zu verdienen, sprach Trainer Thomas Reis und meinte offenbar genau jenes außerirdische Phänomen, das wir Glück nennen, das aber noch lange kein taktisches Stilmittel ist, das für einen Klassenerhalt von S04 reichen würde.

Jenz & Reis: Blaupausen für den Klassenerhalt

An Thomas Reis wird der Wandel festgemacht, wenn man von einem Wandel sprechen will, an wem sonst, er ist der Trainer seit Oktober 2022. In den ersten drei Monaten schien sein Wirken wirkungslos, zumindest erkannte man bei den Spielen kaum Unterschiede zu Vorgänger Frank Kramer. Umschaltmomente, Pressing, Disziplin habe er mit deutlich "mehr Zug" trainieren lassen, so hieß es damals, nur die Abwehr war immer heillos überfordert.
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Auftritt von Schalke macht Reis Hoffnung

Fotocredit: SID

Doch dann kam im Januar 23 als Leihgabe Moritz Jenz vom FC Lorient, und was der 1,90-Modellathlet mit dem grimmigen Gesichtsausdruck im Schalker Strafraum wegsaugt, mit dem Kopf, mit seinem Körper, mit seiner Überzeugung, zusammen mit Maya Yoshida, das ist Extraklasse. Jenz allein, so scheint es, hat aus einem Hühnerhaufen eine Dobermann-Innenverteidigung geformt, die keiner Kniekehle aus dem Weg geht.
Will Reis mit Schalke aber wirklich was reißen, braucht er noch einen Jenz für vorne, einen Knipser mit Präsenz und Timing, der mit Absicht trifft und nicht nur mit Glück.

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform

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