FC Bayern - Lothar Matthäus warnt im exklusiven Gespräch: "Da muss Thomas Tuchel eine Balance finden"

Bayern-Königstransfer Harry Kane hat in München sofort Eindruck hinterlassen. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus schwärmt im exklusiven Interview mit Eurosport.de im Rahmen einer Interwetten-Presserunde von dem 30 Jahre alten Engländer. Zudem erklärt Matthäus, was Trainer Thomas Tuchel mit seinen herben Kritiken vergangener Wochen bezwecken möchte und mahnt den Coach der Münchner zur Vorsicht.

Matthäus von Kane überzeugt: "Er ist das Geld wert"

Quelle: Eurosport

Der FC Bayern hat beim Saisonauftakt in Bremen 4:0 (1:0) gewonnen. Königstransfer Harry Kane überzeugte dabei sofort mit einem Tor und einer Vorlage.
Kurz vor Spielbeginn hatte sich der Engländer auf dem Rasen kurz mit dem deutschen Rekordnationalspieler Lothar Matthäus ausgetauscht, der die Meisterschale ins Weserstadion gebracht hatte.
Im Exklusiv-Interview verrät der ehemalige Weltfußballer am Rande einer Interwetten-Presserunde in München, was er dem Rekordeinkauf der Bayern vor dessen Bundesligadebüt mit auf den Weg gab.
Zudem spricht Matthäus im Gespräch mit Eurosport.de über die Rolle von Stratege Joshua Kimmich, die deutlichen Kritiken von Bayern-Coach Thomas Tuchel und äußert sich "verwundert" über den Abgang von Josip Stanisic.
Herr Matthäus, direkt vor dem Anpfiff in Bremen haben Sie ein paar Worte mit Harry Kane gewechselt. Was haben Sie dem neuen Bayern-Star mit auf den Weg gegeben?
Lothar Matthäus: Ich habe zu ihm gesagt: "Willkommen in der Bundesliga und viel Glück." Das weiß ich jetzt noch (lacht).
Wie kann dem FC Bayern die Aura eines Harry Kane helfen?
Matthäus: Er ist international ein Gesicht des Fußballs. Aus Marketing-Sicht ist er sicherlich gut für den FC Bayern und die Bundesliga. Aber deswegen hat ihn der Verein nicht gekauft. Die Verantwortlichen haben ihn hauptsächlich aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten verpflichtet. Man wusste, man braucht einen Neuner, um die Mannschaft wieder funktionsfähig zu machen.
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Harry Kane erzielte gegen Werder Bremen sein erstes Bundesligator

Fotocredit: Getty Images

Seit dem Abgang von Robert Lewandowski im Sommer 2022 hatten die Münchner keinen Weltklasse-Angreifer mehr.
Matthäus: Im vergangenen Jahr hat ein Typ wie Lewandowski gefehlt. Das wusste der FC Bayern. Daher hat man sich bei Harry Kane so ins Zeug gelegt, um ihn auf alle Fälle nach München zu holen. Vor allen Dingen da man wusste, dass der Spieler unbedingt kommen will. Deswegen hat sich der Klub so sehr gestreckt. Es kam auf die letzten fünf oder zehn Millionen Euro nicht mehr an, weil man ihn unter allen Umständen wollte.
Wie kann er die Bayern besser machen?
Matthäus: Er ist sportlich aufgrund seiner Tore, seiner Persönlichkeit und seiner Qualität, die auch beim Gegner Eindruck hinterlässt, ein Gewinn. Durch seine Anwesenheit profitieren auch die Mitspieler. Wenn das Augenmerk auf Kane liegt, haben andere vielleicht mehr Platz.
In Bremen hat sich das bereits angedeutet.
Matthäus: Sané hatte Räume, die Kane geöffnet hat. Musiala hat vorne einen Anspielpartner. Man verfügt nun über einen Spieler, der Flanken verwerten kann. Zudem ist Kane volksnah und ein Familienmensch – und der Verein ist ja bekannt für das Familiäre. Deswegen passt er hervorragend zum FC Bayern.
Lassen Sie uns von der Offensive zur Defensive kommen: Benjamin Pavard möchte den Klub verlassen, darf aber wohl erst gehen, wenn man einen Ersatz für ihn findet. Einen potenziellen Ersatz hat man in Josip Stanisic am Sonntag aber nach Leverkusen verliehen. Warum bringt sich der FC Bayern in diese Situation?
Matthäus: Möglicherweise wollen sie Pavard nicht abgeben. Man hätte auf der Rechtsverteidigerposition nur noch einen Spieler - außer wenn Joshua Kimmich wieder dort spielen sollte. Mich hat es aber gewundert, dass man Stanisic abgegeben hat, obwohl die Diskussion um Pavard noch nicht beendet ist. Vielleicht hätte man etwas abwarten sollen. Oder man hat bereits jemanden in der Hinterhand. Denn wenn man beide abgibt, braucht man zumindest noch einen Spieler, der rechts hinten spielen kann.
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Matthäus kritisiert Bayern: "Man hat Spieler zu stark geschützt"

Quelle: Eurosport

Halten Sie es denn für wahrscheinlich, dass Kimmich dort eine Option sein kann?
Matthäus: Nein, nein, nein. Das war ein bisschen mit einem Augenzwinkern gesagt. Kimmich ist im Mittelfeld gesetzt. Auch wenn er nicht der Sechser ist, den sich Tuchel wünscht. Vielleicht wollte der Trainer ihn aber auch ein bisschen kitzeln, nachdem er Declan Rice nicht bekommen hat - damit Kimmich vom Kopf her weiß, dass er die Position vor der Abwehr hat und eben nicht auf dem rechten oder linken Flügel herumläuft. Aber solche Transfers [wie die auf der Rechtsverteidigerposition, Anm. d. Red.] kann man immer hin- und her diskutieren.
Wie meinen Sie das?
Matthäus: Man weiß nicht, was beim FC Bayern im Hintergrund läuft. Möglicherweise haben die Verantwortlichen einen Spieler auf der Liste, den wir überhaupt nicht auf dem Radar haben. Pavard ist noch da und wenn er bleibt, ergibt das Ausleihgeschäft von Stanisic Sinn. Wird er verkauft, müsste ein zweiter Mann als Alternative bereitstehen.
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Benjamin Pavard möchte den FC Bayern verlassen

Fotocredit: Imago

Sie haben angesprochen, dass Tuchel in Kimmich keinen klassischen Sechser sieht. Kimmich selbst tut das aber. Inwiefern kann es schaden, wenn der Trainer einen seiner Führungsspieler derart infrage stellt?
Matthäus: Er sagt eher: Wenn du so spielst, wie du in den vergangenen Monaten gespielt hast, bist du nicht der Sechser, den ich will, weil du die Position nicht hältst. Das könnte aber natürlich auch etwas Kritik sein, um ihn zu kitzeln. Leon Goretzka hat er auch nicht viele Einsatzzeiten in der Vorbereitung gegeben. Nun spielt er aber.
Wie interpretieren Sie das?
Matthäus: Im Endeffekt soll der Spieler bei Bayern München durch die Aussagen von Tuchel mehr in die Verantwortung genommen werden. Denn über diese Eigenverantwortung kommt man zu einer besseren Leistung. Daher kann ich nachvollziehen, was Tuchel sagt. Es darf aber nicht überzogen werden. Da muss er eine Balance finden, damit er nicht jede Woche einen anderen - oder weiterhin Kimmich - attackiert. Denn nun, da kein anderer Sechser vorhanden ist, braucht man Kimmich auf der Sechs. Und man braucht Laimer, man braucht Goretzka.
Sind Sie der Meinung, dass Tuchel in den vergangenen Wochen zu viel kritisiert hat?
Matthäus: Man weiß beim FC Bayern, dass Schlagzeilen entstehen, wenn man etwas sagt. So ist der FC Bayern. Natürlich ist kritisiert worden. Tuchel hat aber auch einige Dinge ausprobiert, in der Innenverteidigung hat er viel gewechselt. Konrad Laimer war in den letzten fünf Testspielen fünf Mal in der Startelf. Beim Ligaauftakt spielt dann aber Goretzka. Damit haben wir nicht gerechnet. Aber diese Unberechenbarkeit von Tuchel kann auch eine Stärke in dieser Saison sein.
Apropos Goretzka: Er hat in Bremen überraschend gespielt und einen starken Auftritt hingelegt. Hat er Tuchels Warnschuss aus der Vorbereitung verstanden?
Matthäus: Laimer hat es wahrscheinlich nicht gepasst, dass er nicht gespielt hat. Alle sind davon ausgegangen, dass Laimer und Kimmich auf der Doppel-Sechs spielen. Und dann taucht auf einmal Goretzka auf. Das ist eben dieses Kitzeln vom Trainer bei Spielern, von denen er weiß, dass er mehr erwarten kann. Goretzka hat eine klare Antwort gegeben und ein klares Zeichen gesetzt. Das ist nun wieder die Motivation für Laimer, damit er näher an Goretzka herankommt, denn er will auch spielen. So entsteht ein interner Konkurrenzkampf, der die Leistung jedes Einzelnen steigert.
In Bremen stand neben Harry Kane mit Min-Jae Kim auch der zweite Top-Transfer in der Startelf. Wie haben Sie den Südkoreaner wahrgenommen?
Matthäus: Beim Passspiel sind mir ein paar Ungenauigkeiten aufgefallen. Da habe ich einige schlampige Bälle gesehen, da wird er sicherlich noch dazulernen. Beim FC Bayern stehen schnelles und klares Passspiel im Vordergrund. Aber generell hat er ein tolles Zweikampfverhalten und ein gutes Positionsspiel. Er ist sehr schnell, körperlich robust, kopfballstark und positionstreu. Das passt.
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